#Moschee  Erfurter Moschee erhitzt die Gemüter – Islam-Experte beantwortet eure Fragen

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Unlängst hat die Ahmadiyya-Gemeinde in Erfurt ihre Pläne für den Moschee-Bau im Stadteil Marbach aktualisiert. In unserer Abstimmung, was Thüringen24-Leser vom Bauvorhaben halten, zeigte sich ein gespaltenes Meinungsbild. Den unbedingten Befürwortern standen vehemente Gegner des religiösen Bauvorhabens gegenüber. In den Facebook-Kommentarspalten wurde die Ablehnung oft nicht begründet, Thesen und Meinungen wurden nicht selten verkürzt dargestellt. Wir haben die wichtigsten Fragen der User gesammelt und sie dem renommierten Islam-Experten Dietrich Reetz vorgelegt.

Muslimen wird oft vorgeworfen, der Islam sei nur begrenzt reformwillig, entwickele sich sogar zurück: Wie „modern“ sind die Ahmadiyyas?

Es gibt auch im Islam, wie im Christentum oder im Judentum, verschiedene Reformströmungen, die sich auf unterschiedliche Weise den neuen Herausforderung stellen. Die Gruppe der Ahmadiyya, die erst Ende des 19. Jahrhunderts im kolonialen Indien entstand, wird oft nach ihrer sozialen Ausrichtung als modern beschrieben. Politisch gelten sie eher als angepasst und im religiösen Sinne kann man sie als konservativ beschreiben. Diese Einschätzungen hängen damit zusammen, dass die Glaubensgemeinschaft einerseits viel Wert auf die Bildung ihrer Anhänger legt - besonders auch ihrer weiblichen Mitglieder. Andererseits haben sie bisher kaum die politischen Verhältnisse in ihren Einflussgebieten herausgefordert. Was schließlich den Glauben anbelangt, ist es so, dass sie viel Wert auf die genaue Einhaltung der traditionellen Rituale der muslimischen Geschichte legen - wozu auch die symbolische Geschlechtertrennung gehört.

Wenn die Gemeinde als eher angepasst gilt, warum wird sie dann teilweise verfolgt?

Da sich gleichzeitig die Ahmadiyya auch stark ihrem Gründer Mirza Ghulam Ahmed (1835-1908) verpflichtet fühlt, sehen andere Muslime sie oft als eigene Gruppe an. Besonders in den muslimischen Regionen Südasiens sind sie deshalb auch Repressionen und Gewalt ausgesetzt.

Vertragen sich Ahmadiyya und die westlichen Werte?

Ausgehend von der eben genannten Einschätzung lässt sich sagen, die Ahmadiyya passen sich weitgehend an die bestehenden sozialen und politischen Verhältnisse an. Gleichzeitig sind ihre Anhänger trotzdem zu starker Loyalität gegenüber der eigenen Gruppe verpflichtet.

Stimmt es, dass man in den Verbreitungsländern der Ahmadiyya keine christlichen Kirchen bauen darf?

Das ist schon deswegen nicht zutreffend, weil sie in keinem Land die Mehrheit stellen und damit die gesetzlichen und anderen Verhältnisse bestimmen. In Südasien, wo sie ursprünglich herkommen - heute Indien, Pakistan und Bangladesch - bestehen christliche Kirchen seit Jahrhunderten. Gleichwohl gibt es muslimische Länder wie Saudi-Arabien, die zu christlichen Einrichtungen Beschränkung erlassen haben. Allerdings sind das in der Regel jene Länder, in denen sich auch die Ahmadiyya-Anhänger nicht frei bewegen können.

Ist es wirklich wahr, dass es in muslimisch geprägten Ländern keine christliche Kirchen geben soll?

Das trifft nur auf Saudi-Arabien zu. In allen anderen muslimischen Ländern gibt es auch christliche Kirchen.

Sie lehren und forschen in Berlin. Dort leben die Ahmadiyya und Vertreter anderer Religionen schon länger zusammen. Welche Erfahrungen hat man aus dem Moschee-Bau 2007/2008 in Pankow gezogen?

Obwohl es vor dem Moschee-Bau in Berlin-Pankow auch öffentliche Proteste gab, hat sich der Alltagsbetrieb der Moschee eher unauffällig entwickelt. Auch wenn die Ahmadis verschiedene größere Moscheen planen, werden diese doch in der Regel eher wenig besucht, da auch nicht alle Muslime diese Gruppe anerkennen.

In welchen muslimisch geprägten Ländern gibt es die meisten Konflikte mit der ansässigen christlichen Religionsgemeinschaft?

Religiöse Konflikte werden von radikalen Aktivisten geschürt, die kaum die Mehrheit der Muslime vertreten. Das ist ähnlich wie auch bei ideologischen und politischen Bewegungen nicht-religiösen Hintergrunds, etwa im linken oder rechten Spektrum. Dazu gehört etwa Gewalt gegen die koptischen Christen in Ägypten, wo es für die Zerwürfnisse besondere historische und auch soziale Hintergründe gibt.

In welchen Ländern funktioniert das Zusammenleben von Christen und Muslimen am besten?

Generell sind auch in der aktuellen Phase der internationalen Entwicklung muslimische Angriffe auf christliche Einrichtungen eher selten. Es wird im Westen bis heute kaum wahrgenommen, dass die meisten Opfer radikaler Anschläge die Muslime in den betreffenden Ländern selbst sind. Das hängt damit zusammen, dass ein Großteil der Spannungen durch sogenannte Sektenauseinandersetzungen um den richtigen Islam geschürt werden oder sich um die Einhaltung religiöser Vorschriften durch die Muslime selber drehen. Dies ist in gewisser Weise auch beim Islamischen Staat in Syrien und im Irak der Fall.

Wie steht es allgemein um die Integration von Muslimen in Deutschland?

Repräsentative Umfragen zeigen, dass die große Mehrheit der vor allem türkischstämmigen Muslime in Deutschland ihre Wohnorte als ihre Heimat betrachten. Sie lernen und sprechen Deutsch und zahlen in nicht geringem Umfang Steuern, von denen wir alle profitieren.

Gibt es „ein Frauenbild im Islam“? Wenn ja, wofür steht dieses und wie drückt sich dieses gesellschaftlich aus?

Vorstellungen der Geschlechtertrennung teilt der Islam historisch mit dem Christentum und dem Judentum. Es ist noch nicht lange her, dass auch in weiten Teilen Deutschlands und Europas die Rolle der Frau auf bestimmte Aufgaben oder Funktionen reduziert wurde. Die soziale Realität war und ist gegenüber diesen Vorstellungen wesentlich vielfältiger und widersprüchlicher. So kommt es, dass auch in vielen muslimischen Familien eher die kulturellen und sozialen als die religiösen Traditionen darüber entscheiden, welche Rollen die Frauen in der Gesellschaft ausüben. Nicht selten bestimmen im privaten Bereich des Familienlebens auch Frauen über die männlichen Mitglieder der Familie. Muslimische Familien in ländlichen Regionen leben anders als in den städtischen Mittelschichten.

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Foto: Ulrike Fröbel

Der geplante Bau einer Moschee durch die Ahmadiyya-Gemeinde in Erfurt-Marbach hat in dieser Woche wieder hohe Wellen in der Landeshauptstadt geschlagen. In den sozialen Netzwerken wird heiß diskutiert und auf dem Fischmarkt gingen Gegner der Moscheepläne auf die Straße. Thüringen24 hat mit dem Bundesvorsitzenden der Ahmadiyya-Gemeinde, Abdullah Uwe Wagishauser, über die Ängste und Kritik der Menschen gesprochen und nach Fakten zur geplanten Moschee gefragt.

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