#digital  Facebook-Fake aus Erfurt: Angebliche Schwangere existiert nicht

Foto: Screenshot Facebook
  • Eintrag bei Facebook von Erfurter entpuppt sich als Fake
  • Polizei: Angeblich schwangere Freundin nicht im Melderegister

Im Fall der angeblich überfallenen Frau aus Erfurt-Herrenberg wird nun klar, dass es sich um ein ganz dreistes Facebook-Märchen handelt. Der 18-jährige Maximilian B. behauptete am Dienstag, 3. Januar, in dem sozialen Netzwerk, dass seine angebliche schwangere Freundin kurz zuvor von "irgendwelchen Typen (ich nenne mal keine Herkunft, denn ich möchte keine Hetze verbreiten)" an der Unterführung am Wiesenhügel verfolgt und verletzt worden sei. Nun berichtet die Polizei auf Nachfrage von Thüringen24 von weiteren großen Ungereimtheiten, die der Facebook-Eintrag ohnehin schon aufwies (TH24 berichtete).

Kein Krankenhaus in Erfurt hat die Schwangere oder den älteren Mann untersucht

Der um 22.30 Uhr am Dienstagabend abgesetzte Eintrag bei Facebook warf ein paar Fragen bei den mehr als 5000 Facebook-Freunden von Maximilian B. auf. Viele teilten ihn trotzdem sofort. Innerhalb weniger Stunden ging der Beitrag viral. Mehr als 775-mal wurde der Eintrag geteilt. Maximilian berichtet, dass Ausländer seine Freundin gegen 21.45 Uhr verfolgten und die Situation "körperlich" ausnutzen hätten wollen. Die Freundin wollte laut seinen Angaben nur kurz zum Kaufland gehen, als es zu dem Vorfall gekommen sei. Auf dem Weg soll ein älterer Mann der bedrängten Frau zu Hilfe gekommen sein. Der Helfer in der Not soll im Anschluss von der Personengruppe zusammengeschlagen und später ins Krankenhaus gebracht worden sein.

Die Schwangere soll schließlich noch zwei Tritte in den Bauch bekommen haben. Der Facebook-Eintrag des jungen Mannes suggeriert, dass die schwangere Pauline Z. und ihr Freund – Maximilian B. – das katholische Krankenhaus St. Johann Nepomuk aufgesucht haben. Dort gibt es allerdings keine Krankenakte einer Pauline Z. oder eines zusammengeschlagenen Herrn, wie ein Mitarbeiter sagt.

Polizei fragt bei Krankenhäusern nach

Auch die Polizei fragte bei allen Krankenhäusern der Stadt nach – ohne Erfolg. Sie schreibt in einer Pressemitteilung am Donnerstag, dem 5. Januar: "Da in keinem der Erfurter Krankenhäuser Personen eingeliefert wurden, die nur annährend zu den Schilderungen des Users passen, wurde am heutigen Tag der 18-jährige Mann vernommen, der diesen Post verbreitet hatte."

Weitere Lüge: Keine Polizeidienststelle am Dienstagabend aufgesucht

Doch zu diesem Zeitpunkt will Maximilian B. schon längst bei der Polizei gewesen sein. Noch am gleichen Abend, kurz nach dem angeblichen Besuch im Krankenhaus, kommentiert der junge Erfurter um 23.40 Uhr unter seinem Eintrag, dass schon alles von der Polizei aufgenommen sei. Dies ist die nächste Lüge des 18-Jährigen, denn erst am Donnerstag wurde der junge Mann vernommen – und zwar, weil die Polizei ihn aufsuchte.

Fragen wirft auch der angebliche Zeitablauf auf. Bereits zwei Stunden nach der angeblichen Tat soll die junge Frau im Krankenhaus fertig untersucht und der Vorfall bei der Polizei angezeigt gewesen sein. Angesichts der Wege, die dabei zurückgelegt werden mussten und der Tatsache, dass Notaufnahmen und Polizeistationen abends meist nur dünn besetzt sind, sind zumindest Zweifel angebracht, ob dies alles innerhalb dieser Zeit passieren konnte.

Angebliche Freundin nicht im Melderegister

Laut einer Polizeisprecherin habe sich der junge Mann bei der Befragung in Widersprüche verwickelt. Den Aufenthaltsort seiner Freundin könne er nicht nennen. Ebenso wisse er nicht, wann seine Freundin Geburtstag habe. Inzwischen weiß die Polizei, dass es eine Pauline Z. gar nicht gibt: "Der uns angegebene Name der Freundin ist bei den Einwohnermeldeämtern nicht im Verzeichnis", sagt die Polizeisprecherin gegenüber Thüringen24. Auf dem Facebook-Account von Pauline Z. ist das Mädchen nicht zu sehen, nur wie Maximilian B. ein Selfie im Spiegel macht.

Trotz allem beteuert der Erfurter, dass es sich um eine wahre Begebenheit handele. In Deutschland gebe es immerhin freie Meinungsäußerung, schreibt er weiter. Ob der Facebook-Eintrag aber davon gedeckt ist, darüber muss möglicherweise die Justiz entscheiden. Laut Polizei ist der Fall aber noch nicht bei der Staatsanwaltschaft. Einen Menschen "anderer Herkunft" will er nicht beschuldigt haben, beteuert der Erfurter in seiner Stellungnahme. In einem Kommentar gibt er jedoch zu, dass es Ausländer gewesen seien.

Kommentare gegen "Nafris" und Aufrufe zur Selbstjustiz

Eine weitere Andeutung macht B. in einem Kommentar, in dem er schreibt, dass sie wissen, "welche Art von Menschen" die Täter waren. Rechtsextreme Gruppen wie "Thügida" sehen solche Beiträge als Beleg für ihre schon lange gehegte Vermutung: Ausländer wollen sich an unseren Frauen vergehen. Kein Wunder also, dass der Zusammenschluss aus Thüringer Rechtsextremen den Beitrag von Maximilian B. teilt und für seine Zwecke benutzt. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich das Märchen aus Erfurt im Netz.

Inzwischen ist klar, dass die angebliche schwangere Freundin, Pauline Z., wohl gar nicht existiert. Weder im Krankenhaus noch auf einer Polizeistation war Maximilian B. am Dienstagabend. Das Lügengebäude ist zusammengefallen – ein Lügengebäude, mit dem Menschen in dem sozialen Netzwerk aufgehetzt wurden und woraufhin User dazu aufriefen, "das Nafri-Lager" aufzuräumen, Selbstjustiz zu üben und sogar den Tod anderer zu wünschen.

Fakes verbreiten sich im Netz

Der Eintrag des jungen Erfurters ist nur eine Fake-Geschichte von vielen, die fast täglich in Deutschland geteilt werden. Sie zeigt, dass Nutzer vorsichtig sein müssen, bei dem was sie teilen oder kommentieren. Inzwischen hat der 18-Jährige sein Facebook-Profil offline genommen oder gelöscht.

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