Dieser ist nicht für Sauron: Wenn in Erfurt die Flamme rauscht wie das Meer

Nach dem Polieren
Nach dem Polieren
Foto: Axel Heyder

Zeit für einen Thüringen24-Selbstversuch im Stil von Herr der Ringe. Wir schmieden uns den Einen Ring!

In die Tasten hauen kann ich gut, auch mit gröberen Holzarbeiten traue ich mir eine kleine Schlacht mit vielen Spänen zu. Was aber ist mit filigraneren Dingen, etwas, wozu man Geduld braucht, ein Händchen haben muss? Zeit für einen Versuch. Die gelernte Goldschmiedin und Schmuckdesignerin Silva Pannicke lässt andere in Kursen an ihrer Handwerkskunst teilhaben. Auf geht’s!

Weil ich noch keine Vorstellung habe, was man so machen kann, fährt nur mein Fahrrad mit mir in die Magdeburger Allee in Erfurt, nicht aber eine zündende Idee. Etwas Vernünftiges kann bei meinem Geschick kaum rauskommen, vielleicht bekomme ich aber doch einen Ohrring hin? Na, wer weiß.

Bildergalerie: Der Eine Ring: Selbstversuch im Goldschmieden

„Ich würde Dir einen Fingerring empfehlen, das ist das beste für den Start“, sagt die Kursleiterin. Einen Ring also. Ich nehme so ein rundes silbernes Ding und klebe ein Steinchen drauf, fertig. Klingt gut - doch nichts da! Mein Ring ist ein Stück Silberblech. Quadratisch. Vielleicht zehn mal zehn Zentimeter. Das ist ziemlich unhandlich für einen Finger. Wie soll denn da bitte ein Ring daraus werden? „Zuerst brauchen wir deine Ringgröße“ und schwupps hab ich auch schon den passenden Rohling über. Größe 62 wird notiert. „Wie breit soll er denn werden?“ Was weiß ich denn, vielleicht wie dieser dort und ehe ich nur Zwinkern kann, habe ich schon einen Zirkel in der Hand. Bitte mal 6,5 Millimeter einstellen. Ich denke bei mir, das wird zu kurz! Und erhöhe auf 6,5 Zentimeter, was bei Silva einen mittleren Lachkrampf auslöst. „Das soll die Breite werden“ - Achso.

Die scharfe Spitze ritzt eine feine Linie in die Oberfläche und im Handumdrehen stehe ich an der Blechhebelschere, oder hieß die Handhebelblechschere, Hebelblechschere? Egal, hab's schon wieder vergessen, denn ich muss mich auf einen sauberen Schnitt konzentrieren. Ratsch einmal quer, ratsch einmal längs. Und ein silberner Streifen, der mein Ring werden soll, liegt auf dem Tableau. Doch wie wird das Ding rund? Silva versprüht die ganze Zeit eine Tonne an guter Laune, irgendwie wird er's schon werden? Die fummeligen Arbeiten fangen aber gerade erst an.

Kreative Ideen von der Deutschen Bahn

Thomas ist Wiederholungstäter, arbeitet eigentlich bei der Bahn, hat aber tolle Ideen für Schmuck. Wirklich kreative Formen für Ohrringe, Ringe, Kettenanhänger. Irre. Schon das vierte Mal ist er hier. Nur gelegentlich fragt er noch nach einem Werkzeug, holt sich zwei, drei Mal in der Stunde einen Rat bei Silva und taucht sonst an seinem Arbeitsplatz ab.

Ich darf das Silber derweil walzen, um die richtige Materialstärke zu bekommen. Aufmunternde Sprüche über all an den Wänden retten mich: „Was immer du tun kannst oder wovon du träumst – fang damit an“, soll der Gute-Sprüche-Massenfabrikant Goethe gesagt haben. „Mut hat Genie, Kraft und Zauber in sich“, der zweite Teil des Zitats passte leider nicht mehr mit hin. Schade. Ich stecke mitten drin. Nicht, dass mir besonders viel an einem Ring gelegen wäre. Aber daran, mit meinen Händen etwas anderes als Buchstaben zu produzieren. Etwas, das man tragen und anschauen kann.

Mit Punzen, Hammer und Biegezange

Während Thomas schon zwei Ohrringe zur Hälfte fertig hat, bin ich in diesem Moment der stolze Produzent eines Stück Silberstreifens. „Soll irgendetwas drauf stehen?“ Klar, sage ich und hämmere kurz darauf mit Punzen die Namen meiner Kinder ins Metall. Wow, die Sache nimmt Gestalt an. Nur eine Form leider noch nicht. Dafür gibt es später eine spezielle Biegezange. Als ich auf einem Präsentationstablett einen Musterring entdecke, ist es um mich geschehen: „Wie kommt denn das Kupfer auf den Ring? Das will ich auch!“ Können wir gern machen, sagt Silva und zack habe ich ein dünnes Blech des rot-glänzenden Metalls vor mir und klopfe mit der Spitze ein kleinen Hammers darauf ein, bis sich Strukturen bilden. Und: Ich treffe bereits eine alte Bekannte wieder! Die Hebelblech … äh, Blechhebel-Dings, die mir das Kupfer in Streifen zerlegt.

Die erotische Komponente beim Goldschmieden

Ab jetzt wird es fummelig: Hartlot aus winzigem Silberdraht, das zum Löten gedacht ist, muss mit einem Pinsel und etwas Leitmittel auf die Stellen platziert werden, wo Kupfer und Silber aufeinander treffen. Zum Glück mögen sich die beiden sehr. Sie haben Lust aufeinander, wollen verschmelzen. Ist das die erotische Komponente beim Goldschmieden? Weich machen und ineinander verschmelzen lassen? Mit dem Brenner zu arbeiten ist indes weniger erotisch, es erfordert Geschick: mit einem Mundstück an einem Schlauch bläst man das Feuer an, welches der Brenner ausspeit! Physik in Anwendung und mit Erklärung: „Durch die Kapillarwirkung zieht sich das weichere Silberlot zwischen Kupfer und Silberblech.“ Klingt irgendwie plausibel. Und plötzlich sitzt das Kupfer auf dem Ring, die Metalle sind unzertrennlich geworden. Es geht. Thomas arbeitet schon am vierten Schmuckstück und ich habe gerade Silber und Kupfer verbunden. Dass man zum Goldschmieden eine gute Lunge braucht, war mir bis eben nicht klar. „Wenn die Flamme rauscht wie das Meer, dann ist es genau richtig“, erklärt Silva, die sich durch nichts von ihrer guten Laune abbringen lässt. Egal, auch wenn die Kursteilnehmer mit zwei Linken Händen und alles Daumen dran anrücken. Das Lächeln sitzt.

Zwei Stunden sind bereits vergangen und "nur" etwa genauso viel Zeit trennt mich von meinem ersten selbst hergestellten Schmuckstück, wobei angenehmere Arbeiten nun folgen. Und immer mal wieder eine Pause: Sei es, dass der Ring in einer Beize rumliegen muss, um die Oxidationen auf der Oberfläche wieder los zu werden. Oder einfach nur mal so, weil Silva sagt, „lass mich mal ganz kurz“.

Der Eine Ring, der Erste

Die Erde, ach nein, der Ring, ist nicht mehr flach wie eine Scheibe, stattdessen verwandelt ihn die Biegezange Stück für Stück. Erst in einen Schlitten, später in ein Herz. Eins rechts, eins links. Dann wird gehämmert, auf dem Rundstab nimmt er nun auch die runde Form an. Die Enden müssen noch zusammengelötet werden. Ha! Da bin ich Fachmann inzwischen: Immerhin ist mir schon die Liaison zwischen Kupfer und Silber gelungen. Denkste. Die Naht geht wieder auf, wehrt sich gegen diesen Anfänger am Werk. Ein bisschen kniffelig ist der Moment, als aus dem gebogenen Blech ein Ring werden soll. Der Eine Ring, der Erste.

Jetzt nochmal in die Beize und dann zum „Innenausbau“ sagt Silva. Hä? Innenausbau, was soll das sein? Die Kanten, die ich mit der Feile eben gemacht habe, müssen entgratet werden, entschärft sozusagen, das erhöht den Tragekomfort. So langsam schwant mir, warum auf einem Kunsthandwerkermarkt die Stücke nicht fünf Euro kosten, sondern eher 30, 40 und 50 Euro. So viel Arbeitsgänge in nur einem Schmuckstück! Mehr als drei Stunden sind vergangen und ich bin noch nicht ganz fertig, aber fast. Und das glücklicherweise nicht nur mit mein Geduld. Letzte Feinarbeiten machen auch dem Ring ein echtes Schmuckstück. Vier Stunden sind jetzt vorbei. An der Drehscheibe mit einer Messingbürste bekomme ich die Oberfläche glatt und glänzend. Nochmal anprobieren, bisschen zu eng. Da muss der Schwanenhals nochmal ran, auch der bereits ein guter Bekannter. Und? Passt! Glückshormone wie nach einem Waldlauf schüttet mein Körper aus. Mein Ring, der Eine - mein Schatz!