Das neue Leipzig? Warum Erfurt hipper ist, als ihr denkt

Elisa Donatt und Jessika Fichtel vom Blog "Feels like Erfurt" sind sich sicher, dass sich die Thüringer Landeshauptstadt in Sachen Coolness nicht hinter Leipzig verstecken muss.
Elisa Donatt und Jessika Fichtel vom Blog "Feels like Erfurt" sind sich sicher, dass sich die Thüringer Landeshauptstadt in Sachen Coolness nicht hinter Leipzig verstecken muss.
Foto: Sandy Schulz | Fotofuchs

Wenn es um die Frage geht, welche Stadt im Osten Deutschlands am meisten angesagt ist, liegt Erfurt wohl nicht als erste Antwort auf der Zunge. Zu übermächtig ist der sächsische Konkurrent Leipzig, der auch Jahre nach dem Ausbruch des großen Hypes um „das bessere Berlin“ noch immer junge Menschen in Scharen anzieht. Aber auch die Thüringer Landeshauptstadt hat, besonders jetzt im Sommer, viel mehr zu bieten als mittelalterliche Altstadtromantik und Reisebusse voller betagter Touristen.

„Erfurt ist so schön wie Dresden und mindestens so hip wie Leipzig“, sagt Jessika Fichtel mit einem Augenzwinkern. Und sie muss es wissen, denn die Bloggerin zeigt gemeinsam mit ihrer Mitstreiterin Elisa Donatt auf „Feels like Erfurt“, warum sie sich in die Stadt verliebt hat. Für die Thüringerin ist klar: Noch zu wenige Menschen sind überzeugt davon, dass Erfurt mit Leipzig mithalten kann. „Dabei gibt es hier so viele coole Ecken, so viele spannende Projekte und wirklich tolle Menschen, die dahinter stecken.“

Erfurt kann auch schrullig und urban

Dazu gehört zum Beispiel das kleine Gartenhaus, eine Zufallsentdeckung von Jessika in ihrer Nachbarschaft in der Brühlervorstadt. Wo der Dalbergsweg die Wilhelm-Külz-Straße kreuzt, thront das Holzhäuschen auf einer Mauer. Hinter den grünen Bretter-Wänden lockt das temporäre Lokal, das nur offen hat, wenn das Wetter mitspielt, mit authentischem, schrulligem und gleichzeitig urbanem Charme.

Raum für Kultur und Kreativität - und Bier

Zu einer hippen Stadt gehört immer auch Raum, in dem sich Kreativität ausbreiten kann. In Erfurt bietet das schon seit 15 Jahren der Zughafen. Auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs haben Künstler, Firmen, Studios und kreative Handwerker einen Platz für ihre Arbeit und Entfaltung gefunden. In Zukunft will der Zughafen als Kulturbahnhof seine Türen auch mehr für das breite Publikum öffnen. Der Anfang dafür wurde bereits mit dem Club „Kalif Storch“ gemacht. Im April dieses Jahres eröffnete außerdem die Braumanufaktur Heimathafen auf dem Gelände und sorgt dafür, dass Erfurt um mittlerweile drei Craft-Beer-Sorten reicher ist.

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Im Sommer 2017 zog dann noch die „Kleine Rampe“ nach, ein Saison-Lokal „ganz im Zeichen der Bungalow-(N)Ostalgie“, wie Jessika es beschreibt.

Vielfalt für Foodies

Auch gut essen kann man in Erfurt nicht nur, wenn man auf gutbürgerliche Klöße und Bratwurst steht. Im Bistro Peckham’s in der Pergamentergasse sorgt Köchin Karina Both-Peckham an Wochentagen für leckeres Mittagessen und wird dabei aktuellen Food-Trends gerecht. Denn jede Mahlzeit gibt es in ihrem charmant eingerichteten Lokal variiert als vegetarisch, vegan, mit Fleisch, nach Paleo, Low Carb, laktose- oder glutenfrei. „Ich liebe Orte, an denen man einfach eine gute Zeit hat und denen man die Liebe zum Detail anmerkt“, schwärmt Jessika zum Peckham’s.

Musik und Mode aus Erfurt

Klar, den Erfurter Sänger Clueso kennt ganz Deutschland. Aber die Musikszene in der Thüringer Landeshauptstadt hat auch noch andere Local Heroes hervorgebracht - sei es Hip-Hop vom Duo "mbp und Magma" oder die schräge Mischung der Band "Lilabungalow".

Auch Mode wird in Erfurt gemacht - und das sogar nachhaltig. Die Labels "Simply Made" und "Heymkinder" etwa produzieren Shirts, Beutel und mehr fair und in Bio-Qualität.

Letzte Saison im WirGarten

Auf eine hippe Location wird Erfurt mit dem Ende dieses Sommers leider verzichten müssen. Nach seiner zweiten Saison lädt der WirGarten am 23. September 2017 zum letzten Mal zum Feiern ein. Ein engagiertes Team sorgte dafür, dass sich die ehemalige Brachfläche übergangsweise in einen urbanen Garten und Partylocation verwandelte und brachte damit einen Hauch Berlin nach Erfurt. Ab 2018 rollen hier dann die Bagger an, Hochhäuser sollen auf dem Gelände am Juri-Gagarin-Ring entstehen.

Mit neuen Ideen gegen den Status Quo

Schade, dass der WirGarten weichen muss, aber für Jessika Fichtel sind es letztlich nicht die Orte, sondern die Menschen dahinter, die eine Stadt cool, jung, frisch und hip machen. Und von denen gibt es in Erfurt eine ganze Menge. „Da fällt mir zum Beispiel die Fassadengalerie auf dem Petersberg ein, hinter der die super-herzliche Künstlerin Slywia Mierzyńska steckt“, sinniert die Bloggerin. „Menschen wie sie sorgen nicht nur dafür, dass Erfurt ein hippes Image bekommt, sie setzen auch etwas in Bewegung und verändern den (oftmals nicht befriedigenden) Status Quo.“

Erfurt - eine Stadt für Rentner?

Immer wieder hat Erfurt mit dem Klischee einer Rentner-Stadt zu kämpfen. Dabei sind immerhin knapp 10.000 Studierende an der Uni und der Fachhochschule eingeschrieben. Außerdem macht die Gruppe der 25- bis Unter-45-Jährigen laut offiziellen Zahlen der Stadt Erfurt den größten Teil der Bevölkerung aus.

Einen zweiten Blick riskieren

In Erfurt muss man also vielleicht zweimal hingucken, um zu erkennen, dass die Stadt mehr als ein überdimensionales Freilichtmuseum für Fachwerkhäuser und auch für junge Menschen interessant ist. Aber wer sich die Zeit nimmt, mit offenen Augen über die schönen Fassaden der Altstadt hinaus zu blicken, wird immer wieder neue, versteckte Details entdecken - und das oft ganz zufällig. Und genau das ist es, was Erfurt so besonders macht.

Dauerständer und Lustobjekte? In Erfurt wird über Pornos gesprochen

Bei Mainstream-Pornos steht meist die männliche Lust im Vordergrund. Feministische Pornos wollen einen Gegenentwurf zu der gängigen Darstellung von Sexualität aufzeigen. (Symbolbild)
Bei Mainstream-Pornos steht meist die männliche Lust im Vordergrund. Feministische Pornos wollen einen Gegenentwurf zu der gängigen Darstellung von Sexualität aufzeigen. (Symbolbild)
Foto: Julian Stratenschulte/dpa
  • Vortrag zu feministischer Pornografie am Mittwoch in Erfurt
  • Veranstaltung will zeigen, wie Erotik-Filme abseits der gängigen Klischees funktionieren
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