Mehr als „ficken, blasen, abspritzen“: Was Pornos abseits des Mainstreams zu bieten haben

Feministische Pornos eröffnen eine andere Perspektive auf Erotik und Sex. (Symbolbild)
Feministische Pornos eröffnen eine andere Perspektive auf Erotik und Sex. (Symbolbild)
Foto: Imago / Ralph Peters
  • Mainstream-Pornos verbreiten immer das gleiche Bild von Sex
  • Feministische Pornografie will klassische Rollen aufbrechen
  • Veranstaltung in Erfurt zeigt Kostproben

Mit mehr als 40 fremden Menschen zusammen Pornos gucken – eine eher ungewöhnliche Situation. Für die Gäste eines Vortrags zum Thema feministische Pornografie wurde dieses Szenario am Mittwochabend in Erfurt Wirklichkeit. In den Räumen von Radio F.R.E.I. erklärte und zeigte die Feministin Ulla Heinrich, die sich im Kontext ihrer politischen Arbeit Lexi nennt, dass die auf den ersten Blick gegensätzlichen Begriffe Pornografie und Feminismus gut zusammenpassen. Und dass es sich lohnt, einmal über die Klischeebilder der Mainstream-Pornografie hinaus zu schauen.

"Pornografie ist nicht nur die Penetration der Frau in alle Löcher"

Grundsätzlich geht es im feministischen Porno darum, zu zeigen, dass erfüllender Sex für jeden anders ist. „Mainstream-Pornos bieten meist ficken, blasen, abspritzen an“, erklärt Lexi und weist weiter darauf hin, dass mit der massenhaften Verbreitung dieser Art von Pornografie auch ein einseitiges Bild von Sex und Körpern transportiert wird. Alles läuft nach Schema F ab, dabei „ist Pornografie nicht nur die Penetration der Frau in alle Löcher“, so Lexi. Muskulöse Männer mit großem Penis und glatte, oft künstlich „verbesserte“ Frauenkörper – die Klischees der gängigen Erotik-Filme werden so oft bedient, dass selbst kleine Abweichungen, wie etwa natürliche Körperbehaarung, schon zum Fetisch erklärt werden.

Hier liegt kein Stroh

In der feministischen Pornografie dagegen tauchen klassische, streng nach männlich und weiblich getrennte Rollenbilder kaum auf. Statt der üblichen "Handlung", die die Frau im Porno in eine passive und unterwürfige Lage bringt, begegnen sich die Darsteller auf Augenhöhe - wie die filmischen Kostproben für das Publikum in Erfurt zeigen. Hier müssen sich Frauen nicht durch sexuelle Dienste für Männer aus einer misslichen Lage „befreien“, stattdessen stehen vor dem Sex Szenen, die so auch im realen Leben passieren könnten: Eine Gruppe von Freunden trifft sich in einer Wohnung, nach und nach gehen die Gäste, bis nur noch zwei von ihnen übrig sind – der Rest ergibt sich von selbst und das im Konsens.

An den Genitalien hängen Menschen

Während die Kamera in gängigen Pornos oft minutenlang das „Rein-Raus“ in Nahaufnahme zeigt, werden im feministischen Porno auch andere Perspektiven gewählt, der Fokus liegt auf dem ganzen Körper. „Im Mainstream-Porno vergisst man ja schon fast, wie die Leute aussehen, die an den Genitalien hängen“, scherzt Lexi.

Transsexuell trifft Trash

Dass Frauen ausschließlich auf hochwertig produzierte Erotik-Filme stehen, ist laut Lexi aber ein Trugschluss. „Was anmacht, ist komplett verschieden, und auch im feministischen Porno gibt es Trash.“ Als Beispiel dafür nennt sie die Arbeiten von Buck Angel, auch bekannt als „Mann mit Pussy“, in dessen Filmen schon mal schlechte Musik oder anfeuernde Kommentare nach Sugar-Daddy-Manier aus dem Off vorkommen. Was die Arbeit des Transsexuellen – und feministische Pornografie allgemein – aber auch ausmacht, ist der aufklärerische Aspekt. So kommen etwa in Angels Film „Sexing the Transman“ die Darsteller vor dem Sex zu Wort und erzählen ihre Geschichte, berichten von den Schritten ihrer Geschlechtsumwandlung.

Wissen über Pornografie

Bei feministischer Pornografie geht es immer auch um Bildung, um Wissen über bestimmte Praktiken, um das Zeigen von echten Körpern, Vulven, Penissen. „Right to pleasure“ oder „pleasure is power“ sind Slogans, die dieses Prinzip auf den Punkt bringen. Dabei spielt nicht nur das, was am Ende auf dem Bildschirm zu sehen ist, sondern auch die Abläufe hinter der Kamera eine Rolle. Statt Ausbeutung wird hier auf faire Arbeitsbedingungen gesetzt, auch auf Safer-Sex wird geachtet.

Ja zu Pornos

Insgesamt versteht sich feministische Pornografie deshalb nicht als Genre, sondern als ein Prinzip, Pornos zu machen. Die Grundideen sind dabei nicht neu, denn schon seit den Siebzigerjahren gibt es das, was als sexpositive oder PorYes-Bewegung bezeichnet wird. Im Gegensatz zur PorNo-Bewegung, die sich für ein Verbot von Pornografie einsetzte, stellt sich bei PorYes nicht die Frage, ob Pornos feministisch sein können, sondern wie. Denn, so fasst Lexi mit einem Zitat von Pornodarstellerin und Aufklärungsikone Annie Sprinkle zusammen: „Die Antwort auf schlechte Pornografie ist nicht keine, sondern gute Pornografie.“

Wer sich selbst von feministischer Pornografie überzeugen will, findet eine große Auswahl von Filmen auf der amerikanischen Plattform Pink Label.

Dauerständer und Lustobjekte? In Erfurt wird über Pornos gesprochen

Bei Mainstream-Pornos steht meist die männliche Lust im Vordergrund. Feministische Pornos wollen einen Gegenentwurf zu der gängigen Darstellung von Sexualität aufzeigen. (Symbolbild)
Bei Mainstream-Pornos steht meist die männliche Lust im Vordergrund. Feministische Pornos wollen einen Gegenentwurf zu der gängigen Darstellung von Sexualität aufzeigen. (Symbolbild)
Foto: Julian Stratenschulte/dpa
  • Vortrag zu feministischer Pornografie am Mittwoch in Erfurt
  • Veranstaltung will zeigen, wie Erotik-Filme abseits der gängigen Klischees funktionieren
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