Erfurt: Baustart für Thüringens erste „sichtbare“ Moschee –trotz übler Proteste

Gegen den Bau einer Moschee in Erfurt gab es teilweise üble Proteste.
Gegen den Bau einer Moschee in Erfurt gab es teilweise üble Proteste.
Foto: dpa
  • Grundstein für Moschee in Marbach wird gelegt
  • Baukosten für muslimisches Gotteshaus von Spenden finanziert
  • Polizei bereitet sich auf Einsatz in Marbach vor

Seit 2010 hat die muslimische Ahmadiyya-Gemeinde nach einem Bauplatz für ihr Gotteshaus gesucht und ist schließlich im Erfurter Ortsteil Marbach fündig geworden. Am Dienstag soll Protestaktionen von Gegnern zum Trotz der Grundstein für Thüringens erste richtige Moschee in dem Gewerbegebiet gelegt werden. Bis dahin sei es kein leichtes Unterfangen gewesen, sagte der Sprecher der Gemeinde in Thüringen, Suleman Malik. „Es ist genauso schwierig eine Moschee zu bauen wie ein Atomkraftwerk.“

Erfurt: Moschee mit sichtbarer Kuppel

Die Moschee soll eindeutig als solche erkennbar sein, mit einer Kuppel und einem nicht begehbaren Zierminarett ohne Lautsprecher. Auch zwei Gebetsräume - einer für Frauen, einer für Männer - eine Wohnung für den Imam und eine Grünanlage gehören dazu, wie Malik sagte. Er geht von Baukosten in Höhe von 600.000 bis 700.000 Euro aus. Der Betrag werde aus Spendengeldern an die Ahmadiyya-Gemeinde finanziert.

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Üble Proteste gegen Moscheebau in Erfurt

Malik rechnet mit einer Bauarbeitsdauer von etwa zehn Monaten. Das sei aber auch abhängig davon, ob und in welchem Umfang die Sicherheit von Bauarbeitern und Gelände gefährdet werden könnte. In der Vergangenheit gab es bereits üble Proteste von Gegnern des Projekts. Im vergangenen Jahr hatten diese nahe dem Baugelände große Holzkreuze und Holzspieße mit Schweinekadavern aufgestellt.

Persönliche Anfeindungen auf Baugelände

Anfang September hatten teils maskierte Protestler für einen Anti-Moschee-Aufzug durch Marbach viel Kritik geerntet: Die Gruppe aus knapp 20 Teilnehmern hatte für eine Kundgebung gezielt vor dem Privathaus der sich für Religionsfreiheit einsetzenden Grünen-Landtagsabgeordneten Astrid Rothe-Beinlich gehalten. Die Parlamentarierin hatte sich bedroht gefühlt. Ahmadiyya-Sprecher Malik berichtete zudem von persönlichen Anfeindungen, die er etwa bei Besuchen auf dem Baugelände und an den Infoständen der Gemeinde im Stadtzentrum auf dem Anger erlebt habe.

„Die Qualität der Proteste der Gegner ist einmalig“

Besonders getroffen fühlte er sich vor allem von einer Aktion der Gegner im Sommer, wie er sagte: An einem zentralen Platz der Erfurter Altstadt hatte eine kleine Gruppe eine Hinrichtung mit Kunstblut vorgetäuscht und dabei muslimisch-wirkende Gewänder getragen. „Die Qualität der Proteste der Gegner ist einmalig. Gerade die Scheinhinrichtung war eine Schande, davon ist ein Signal der Gewalt ausgegangen“, sagte Malik. Dabei rechtfertige der Islam keine Gewalt. „Wenn so Gegner einer Synagoge handeln würden, nähme die Öffentlichkeit das nicht auf die leichte Schulter wie in unserem Fall“, kritisierte Malik.

Heftige Anfeindungen gegen Muslime

Auch Thüringens Beauftragte für Integration, Migration und Flüchtlinge, Mirjam Kruppa, sagte: „Die Anfeindungen, die die Ahmadiyya-Gemeinde und mit ihr alle Muslime in Thüringen erfahren, sind sehr hoch.“ Während in Städten wie Köln oder Stuttgart Muslime schon lange sichtbar und dort zum Alltag gehörten, sei das in Erfurt und Thüringen noch nicht der Fall.

Polizei rüstet sich für Moschee-Grundsteinlegung

Zur Grundsteinlegung am Dienstag, zu der auch Politiker, Kirchen- und Verbandsvertreter erwartet werden, hat die Polizei bereits verstärkte Präsenz angekündigt. „Bisher sind zwar keine offiziellen Gegendemonstrationen angemeldet, aber wir werden sicherlich zu tun haben“, sagte eine Sprecherin am Freitag. Ohnehin schauten regelmäßig Streifenpolizisten am Bauplatz vorbei.

„Viele Menschen in Thüringen verbinden nur Negatives mit Muslimen“

„Wir vertrauen dem Rechtsstaat. Eine Moschee hat einen Wert wie eine Synagoge oder auch eine Kirche - und diese müssen auch in manchen Fällen geschützt werden“, sagte Malik zum Sicherheitskonzept.

Der geplanten Moschee kommt nach Auffassung Maliks eine besondere Bedeutung innerhalb des Freistaats zu. „Viele Menschen in Thüringen verbinden nur Negatives mit Muslimen, denn die Leute haben keinen Bezug zu ihnen. Mit der Moschee können wir unsere Tradition sichtbar machen, Menschen zu uns einladen.“ Bisher mieten die Ahmadis für ihre gemeinsamen Gebete Räume an oder treffen sich in privaten Wohnungen.

Moschee hat langen Weg vor sich

Auch die Integrationsbeauftragte Kruppa ist überzeugt, dass die Moschee ein offener Ort für Austausch und Dialog sein wird. Mit der anvisierten Transparenz gebe es auch keine Möglichkeit mehr, Ängste zu schüren. „Bis dahin wird es aber ein steiniger Weg“, so Kruppe.

Die Ahmadiyya-Gemeinde zählt in Thüringen nach eigenen Angaben etwa 100 Mitglieder. Die Bewegung wurde Ende des 19. Jahrhunderts im heutigen Pakistan gegründet und hat nach eigenen Angaben weltweit zehn Millionen Anhänger, die in den einzelnen islamischen Ländern jeweils eine Minderheit sind. In Ostdeutschland gibt es laut Malik etwa 1000 Ahmadi, in ganz Deutschland rund 65 000.

Die Bewegung ist bei anderen islamischen Gemeinden umstritten und wird teils als nicht-muslimisch ausgegrenzt. Die Ahmadiyya-Gemeinde selbst präsentiert sich als liberal und offen, sie gilt anderen aber auch als konservativ. (dpa)