Warum dieser Kerl mitten auf dem Anger auf dem Wartehäuschen tanzt

"Ist der verrückt?", fragen sich viele Erfurter, als sie diesen jungen Herrn auf dem Bushäuschen haben tanzen sehen. Doch sein Anliegen ist ihm mehr als ernst.
"Ist der verrückt?", fragen sich viele Erfurter, als sie diesen jungen Herrn auf dem Bushäuschen haben tanzen sehen. Doch sein Anliegen ist ihm mehr als ernst.
Foto: Screenhot Youtube: NosterafuTV
  • Mann im Anzug tanzt wie verrückt durch Erfurt und Weimar
  • Das hat es mit dem Video auf sich

Wie völlig durchgeknallt oder wenigstens auf Droge muss ein Mann in der vergangenen Woche auf die Erfurter Passanten gewirkt haben. So liest es sich zumindest in den Facebook-Kommentaren, die seither unter einem Video in einer Erfurt-Gruppe einlaufen. In dem kurzen Clip ist zu sehen, wie ein junger Mann freudestrahlend mitten auf dem Anger auf einem Wartehäuschen der Straßenbahn tanzt. Was zunächst aussehen mag, wie ein emotionaler Ausbruch eines überglücklichen Verrückten, hat in Wahrheit durchaus einen ernsten Hintergrund: nämlich die Sorge vor einer möglichen Zensur des Internets.

Robin aus Thüringen will das Internet schützen

Der Tänzer im Video heißt Robin und gehört zu einer Gruppe von Youtubern aus Weimar namens NosterafuTV. An jenem Tag tanzte er nicht nur auf dem Anger umher, sondern quasi durch die ganze Innenstadt von Erfurt und auch durch Weimar. Wahlweise im Anzug oder im pinkfarbenen Bunny-Kostüm tanzte er unerbittlich auf Domsockeln, Fahrkartenautomaten, Parkbänken, sogar in Büschen und in Mülltonnen. Das gesamte Video läuft inzwischen auf ihrem Youtube-Kanal unter dem Banner "#SaveYourInternet – EU Citizen Dances For Fair Use".

Urheberrecht vs. Freiheit im Intenet

Hintergrund des Videos ist die geplante EU-Reform des Urheberrechts, erklären die Jungs von Nosterafu. Insbesondere der „Artikel 13“ ist vielen Internetschaffenden ein Dorn im Auge. Der sieht nämlich vor, dass Youtube, Facebook und Co. künftig für alle Inhalte, die auf den Plattformen veröffentlicht werden, in Verantwortung genommen werden. Bisher lag diese beim Beitragersteller selbst. Die Befürchtung: willlkürliche Zensur des Internets.

Online-Petition gegen Artikel 13

Automatisierte Uploadfilter könnten im Zweifel Inhalte oder gar ganze Kanäle von Social-Media-Usern sperren, heißt es in einer Online-Petition auf Change.org. Zum einen sei das schlecht für das Publikum, das dann auf etlichen Content verzichten müsste, zum anderen würde Künstlern die Möglichkeit genommen, sich sichtbar zu machen. Bereits mehr als vier Millionen User teilen offenbar diese Befürchtung und haben auf Change.org ihre digitale Unterschrift hinterlassen.

Nosterafu tanzt für freies Internet durch Erfurt und Weimar

„Ich bezweifle, dass die Vorteile des Artikels 13 den Schaden überwiegen“, heißt es im Video von NosterafuTV, in dem Robin durch Erfurt und Weimar tanzt. Man solle zum Beispiel bedenken, wie viele Künstler man erst über Dritte kennengelernt habe, wenn deren Lieder etwa in Youtube-Compilations oder als Porno-Musik aufgegriffen würden, wie er es formuliert.

Youtuber aus Weimar positionieren sich in Video

Und eben deshalb hätten sich Nosterafu für ihr jüngstes Video auch für das Lied „Reach Out“ von George Duke entschieden, im vollen Bewusstsein, dafür keine Urheberrechte zu besitzen. Viele neue Leute seien dadurch erst auf den Künstler aufmerksam geworden: „Den potenziellen Schaden der Urheberrechtsverletzung sehen wir durch die kostenlose Werbung für den Künstler mehr als wettgemacht“, schreiben die Verantwortlichen unserer Redaktion. Die Nennung der Originalquelle aber sei immer Pflicht, stellen sie abschließend klar.

EU entscheidet 2019 über Reform des Urheberrechts

Anfang 2019 soll im EU-Parlament final über die Urheberrechts-Reform entschieden werden. Und sollte das Gesetz in Kraft treten, wird es das Internet wohl grundlegend verändern.