Erfurt: Nettelbeckufer soll umbenannt werden – hitzige Diskussion:„Blanker Irrsinn“

Das Nettelbeckufer in Erfurt könnte schon bald umbenannt werden in Gert-Schramm-Ufer. Die Diskussionen sind im vollen Gange!
Das Nettelbeckufer in Erfurt könnte schon bald umbenannt werden in Gert-Schramm-Ufer. Die Diskussionen sind im vollen Gange!
Foto: imago images / Karina Hessland / screenshot

Erfurt. Es ist schon seit einiger Zeit ein Streitthema in Erfurt: Die Umbenennung der Straße „Nettelbeckufer“.

Die Organisation „Decolonize Erfurt“ und die „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ fordern, dass die Straße in Erfurt bald Gert-Schramm-Ufer heißen soll. Doch die Anwohner sind von der Idee nach wie vor wenig begeistert. THÜRINGEN 24 berichtete <<<.

Erfurt: Umbenennung des Nettelbeckufers weiter Streitthema

Der Hintergrund der Forderung: Joachim Nettelbeck war im 18. Jahrhundert Obersteuermann auf Sklavenschiffen zu niederländischen Kolonien tätig. Nachdem er 1807 seine Heimatstadt Kolberg gegen die Truppen Napoleons verteidigte, wurde er als Volkshelden verehrt. Doch es ist seine Beteiligung am Sklavenhandel, die „Decolonize Erfurt“ als Anlass zur Umbenennung sieht. „Wenn man sich einig ist, dass Nettelbeck eine problematische Figur war und in Verbrechen involviert, gibt es keinen Grund, diesen Straßennamen zu belassen“, so Urs Lindner, ein Mitglied der Organisation.

„Das ist doch blanker Irsinn“, schreibt eine aufgebrachte Nutzerin in einer Diskussion in der Facebook-Gruppe „Unser Erfurt“. „Sämtliche Papiere, Versicherungen müssen neu umgeschrieben werden“, erläutert sie die aufwendigen Konsequenzen einer solchen Maßnahme. Und auch in den anderen Kommentaren wird der Grundtenor deutlich: Unverständnis!

Einige Reaktionen:

  • „Es hat 115 Jahre keinen interessiert und jetzt große Töne spucken“
  • „Was soll der Sch*** denn auch? Warum muss man immer alles neu ändern, was Jahrelang keinen gestört hat? Meine Großeltern wohnen dort, die verstehen das ganze Theater überhaupt nicht“
  • „Haben die Leute echt keine anderen Probleme? Ich wohne am Katzenberg und habe einen Hund. Muss ich mich jetzt auch diskriminiert fühlen?“

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Urs Lindner hält dagegen: „Es gibt keine ernstzunehmenden Argumente gegen eine Umbenennung.“

Historiker: „Entweder müssen wir...“

„Decolonize Erfurt“ sei eine „völlig richtige Bewegung mit guter Zielstellung, aber über das Ziel hinausgeschossen“, meint der Historiker Steffen Raßloff, der auch Mitglied der Erfurter Straßennamenkommission ist. „Es geht ja nicht darum, Nettelbeck zu verteidigen. Seine rassistische Grundeinstellung wird völlig zurecht herausgearbeitet“, erklärt er.

Er plädiert daher für eine Gedenktafel, die Nettelbeck als historische Persönlichkeit einordnet. Eine Umbenennung der Straße gehe dagegen zu weit. Denn dann müsse „man sich mit allen problematischen Straßennamen befassen“, so Raßloff – beispielsweise mit dem Karl-Marx-Platz und der Thälmannstraße. „Entweder müssen wir alle Straßennamen mit Personen, die heute keine Vorbilder mehr sind, diskutieren, oder alle belassen.“

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Doch eine Gedenktafel alleine reicht Lindner und „Decolonize Erfurt“ nicht aus: „Dann würde die Ehrung Nettelbecks durch den Straßennamen ja fortbestehen.“

Straße soll nach Gert Schramm benannt werden

Neuer Namensgeber der Straße soll Gert Schramm († 2016) werden. Er wurde 1928 in eben dieser Straße geboren und überlebter als Schwarzer das KZ Buchenwald. 2014 erhielt er für sein Eintreten gegen den Rechtsextremismus das Bundesverdienstkreuz, berichtet der MDR.