Erfurt: Irre! DIESE Sammlung ist die älteste der Welt

In Erfurt in Thüringen gibt es eine Sammlung, die sich seit fast 200 Jahren auf ein ganz bestimmtes Gewächs konzentriert.
In Erfurt in Thüringen gibt es eine Sammlung, die sich seit fast 200 Jahren auf ein ganz bestimmtes Gewächs konzentriert.
Foto: imago images / Karina Hessland

Erfurt. Es gibt Menschen, die hegen eine echte Sammelleidenschaft. Manch einer sammelt im Stillen vor sich hin, andere hingegen begeistern mit ihren Sammlungen auch über die eigenen vier Wände hinaus! So wie in Erfurt.

„Haage, bleiben Sie den Kakteen treu!“, diesen Rat soll Friedrich Adolph Haage vor rund 200 Jahren am Dresdner Hof vom kurfürstlichen Gärtner Johann Heinich Seidel bekommen haben. Gärtner Haage beherzigte den gut gemeinten Hinweis – und legt damit den Grundstein für eine einzigartige Sammlung in Erfurt.

Erfurt gilt mir Sicherheit als die Traditionsstadt schlechthin, wenn es um den grünen Daumen geht. Schließlich wird sie nicht umsonst auch die „Blumenstadt“ genannt. Und welcher Ort wäre besser, um die älteste Kakteen-Sammlung und –Zucht der Welt zu beherbergen.

Kakteen-Haage kann dabei auf eine schier unglaubliche Historie zurückblicken: Zwischen Besuchen von Goethe, dem mehrmaligen Beinahe-Aus und einer kuriosen Rettung durch einen sowjetischen Soldaten.

Thüringen: Mehr als 300 Jahre Sammler-Tradition

Selten war das Prädikat „Traditionsunternehmen“ passender, als bei Kakteen-Haage in Erfurt. Kaum zu glauben, aber wahr: Bereits 1685 legte Johann Peter Hage – damals noch mit einem „a“ – den Grundstein für die bis heute älteste Gärtnerei in Deutschland.

137 Jahre später folgte die Spezialisierung auf Kakteen. Und die züchtet Kakteen-Haage bis heute, länger als jede andere Gärtnerei auf der Welt. Und schon die Geschichte des Kakteen-Gründungsvaters Friedrich Adolph Haage – inzwischen mit zwei „a – klingt geradezu fantastisch. 1796 geboren erhielt er seine Ausbildung als Gärnter am Dresdner Hof. Seine Familie war zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 100 Jahre in der Gärtnerei tätig.

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Das ist Thüringen:

  • der Freistaat Thüringen hat 2,1 Millionen Einwohner und ist 16.000 Quadratkilometer groß
  • Landeshauptstadt und größte Stadt: Erfurt
  • weitere wichtige Städte sind Jena, Gera und Weimar
  • liegt im Zentrum von Deutschland
  • 2.133.378 Einwohner
  • Ministerpräsident ist Bodo Ramelow (Die Linke)
  • Regierungsparteien sind Die Linke, SPD und Die Grünen

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Und natürlich war es ausgerechnet Haage, der sich mit einem Genie-Streich die Gunst des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen sicherte. Er brachte eine Kaktee mit Frostschaden pünktlich zum Fest am Hofe des Königs durch die hingebungsvolle Aufzucht zum Blühen. Als Dank überließ ihm der König einen Steckling der „Königin der Nacht“. Hier erhält er auch jenen anfangs erwähnten Rat: Bleiben Sie bei den Kakteen.

Kakteen-Hage, ein Ort für die High-Society

Es ist die Grundsteinlegung einer Erfurter Traditions-Gärtnerei, die schon immer neue und innovative Wege ging. Zum Beispiel den Versandhandel, weit vor Amazon und Co.: Die erste Versandliste datiert noch aus dem Jahr 1824. „Die Haages haben schon Pflanzen verschickt, als es noch keine Briefmarken gab“, sagte der aktuelle Geschäftsführer Ulrich Haage der Zeitung „Welt“. Die Haage-Gärtnerei ist damals ein Ort der High-Society: Johann Wolfgang Goethe, Komponist Franz Liszt und Entdecker Alexander von Humboldt gehörten zu den Besuchern.

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Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wird die Gärtnerei zu einer internationalen Adresse für Kakteen. Und der damalige Geschäftsführer Ferdinand Friedrich Adolf Haage nebenbei mehrfach Weltmeister im Hochradfahren. Doch sein größerer Verdienst: Er verlegt die Gärtnerei um das Jahr 1900 herum an die Andreasflur. Dort ist mehr Platz für eine Expansion, neue Gewächshäuser werden gebaut.

Schwere Zeiten

An diesem Standort steht Kakteen-Haage noch heute, an der – wie soll es anders sein – Blumenstraße. Die schwersten Jahre sollten dem Betrieb jedoch erst noch bevorstehen. Zur Nazi-Zeit gelten die exotischen Kakteen als „un-arisch“, während des Krieges wuchs auf den Feldern Gemüse statt Blumen. Die Lebensmittelproduktion stand in den klammen Jahren im Fokus. Nach dem Krieg ist es möglicherweise nur einem unglaublichen Zufall zu verdanken, dass der Betrieb sich überhaupt noch halten kann.

Damals ist Walther Haage Chef der Gärtnerei. Eines Abends klopfen sowjetische Soldaten an der Tür des Betriebs, holen den Geschäftsführer ab. Die Familie ist in Sorge: Wird er je wieder zurückkehren? Der Mann, zu dem man Haage gebracht wird, ist Stadtkommandant Oberst Baranov. Doch statt sowjetischer Kriegsgefangenschaft, folgt ein Fachgespräch über Kakteen. Denn wie es der Zufall will, war Baranov zuvor Direktor des Botanischen Gartens in Leningrad.

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Am nächsten Tag besichtigen beide Männer sogar gemeinsam die Sammlung in Erfurt. Tief beeindruckt schickt der Stadtkommandant einige Tage später Kohle zur Beheizung der Gewächshäuser in den Betrieb. Die Kakteen sind gerettet.

Bleibt der Betrieb in Familienhand?

Es ist also einer Menge kurioser Geschehnisse zu verdanken, dass die älteste Sammlung von Kakteen der Welt überhaupt so lange bestehen konnte und heute in zehnter Generation von Ulrich Haage geführt wird. Er übernahm im Jahr 1996 zum 175. Firmenjubiläum und hat die Kakteen-Zucht gleich in mehreren Geschäftsbereichen neu aufgestellt.

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Beispielsweise mit neuen Gerichten rund um Kakteen: Von der Kakteenbratwurst bis zum Kakteensenf. Neugierige Gäste können sich durch ein fünf-Gänge-Menü führen lassen – bei dem natürlich die Kaktee der Star des Gerichts ist. Auch das Online-Geschäft wird immer wichtiger. 8.000 bis 10.000 Sendungen seien es im Jahr, gibt Haage gegenüber der „Welt“ an.

Dort sagte er zudem, dass er bislang nicht wisse, ob die Gärtnerei auch in elfter Generation von der Familie geführt werde – bislang gebe es wenig Interesse seiner Kinder. Bleibt nur zu hoffen, dass der Nachwuchs doch noch vom Feuer gepackt wird. Denn ohne die Sammlung des Familienbetriebs würde die Blumenstadt zweifelsohne eine seiner schönsten Gewächse verlieren. (dav)