Erfurt: Parteien-Streit wegen Umbenennung des Nettelbeckufers – „schadet der Demokratie“

In Erfurt soll die Straße Nettelbeckufer umbenannt werden – doch das sorgt seit Monaten für Zoff.
In Erfurt soll die Straße Nettelbeckufer umbenannt werden – doch das sorgt seit Monaten für Zoff.
Foto: Screenshot Google Maps / Decolonize Erfurt (Montage: Thüringen24)

Erfurt. In Erfurt gibt es Streit bei einigen politischen Parteien und Initiativen. Denn seit März fordern Decolonize Erfurt und die Initiative Schwarze Menschen, dass die Straße „Nettelbeckufer“ in „Gert-Schramm-Ufer“ umbenannt werden soll. Kommende Woche soll die Entscheidung fallen.

Gert Schramm wurde 1928 am Nettelbeckufer in Erfurt geboren. Er war der jüngste dunkelhäutige Mann im Konzentrationslager Buchenwald. 1944 wurde er im Alter von 15 Jahren wegen seiner Hautfarbe dorthin deportiert.

Erfurt: CDU und FDP wollen Umbenennung verhindern

Sein Name soll in Zukunft Teil der Stadt Erfurt sein – und das nicht nur in Büchern. Der im Alter von 87 Jahren Verstorbene hat sich für die Aufklärung und gegen Rechtsextremismus eingesetzt – deswegen gehört er geehrt, finden die Initiativen Decolonize Erfurt und die Initiative Schwarze Menschen.

Sie möchten, dass die Straße, in der Schramm geboren wurde, nach ihm benannt wird (Thüringen24 hatte bereits über den Fall berichtet). Denn aktuell trägt diese den Namen von Joachim Nettelbeck, einem preußischen Seefahrer, der am transatlantischen Sklavenhandel beteiligt war und das Kolonial-Bestreben in Preußen vorantrieb.

Die Initiativen bekommen bei ihrem Antrag auch Unterstützung der Fraktionen von Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen und Mehrwertstadt. Die Parteien sprechen sich ebenfalls für die Änderung in Erfurt aus.

-------------

Das war Gert Schramm:

  • Gert Schramm wurde am 28. November 1928 in Erfurt geboren
  • 1944 wurde er inhaftiert und zum KZ gebracht
  • Gert Schramm war der jüngste dunkelhäutige Häftling im KZ Buchenwald
  • Sein Vater starb 1941 in Ausschwitz
  • Nach Ende des Krieges ging er zurück zu seiner Mutter
  • 1985 gründete er in Eberswalde ein Taxi- und Speditionsunternehmen mit dem Namen „Taxi-Schramm“
  • Er engagierte sich aktiv für die Aufklärung und gegen Rechtsextremismus
  • 2014 erhielt er dafür das Bundesverdienstkreuz
  • Er starb im Alter von 87 Jahren im April 2016

-------------

Doch die CDU, FDP und Freien Wählern/Piraten sind dagegen und haben eine Beschlussvorlage erstell, die vorzieht, dass eine andere Straße in Erfurt nach Schramm benannt werden soll. Sie wollen am dem Straßennamen festhalten.

Dafür soll am Nettelbeckufer ein Schild aufgestellt werden. Im Antrag heißt es: „Der Oberbürgermeister wird beauftragt eine Informationstafel am Nettelbeckufer anzubringen. Darauf ist Nettelbecks Lebenslauf darzustellen und kritisch einzuordnen.“

+++ Erfurt: Beliebte Kulturstätte vor dem Aus? Besitzer macht Stadt schwere Vorwürfe +++

Erfurt: Beschlussvorlage sei „inakzeptabel“

Außerdem fordern die Parteien aus Erfurt: „Der Oberbürgermeister wird beauftragt mit der ansässigen Gemeinschaftsschule Gespräche zu führen, um auch hier eine angemessene Würdigung von Herrn Gert Schramm zu erreichen. Dabei sind Projekte zum Leben von Herrn Schramm denkbar.“

---------------------

Mehr News aus Erfurt:

---------------------

Diese Beschlussvorlage halten Linke, Grüne und die Initiativen für inakzeptabel. „Sie führt die Institution des Straßennamens ad absurdum. Straßennamen sind Ehrungen; zu den Namensschildern hinzuzufügen, dass der Geehrte eigentlich nicht geehrt gehört, entleert die Benennung ihres Sinnes. Ein solcher Umgang mit öffentlichen Institutionen ist unverantwortlich und schadet der Demokratie.“

+++ Erfurt: Irre! DIESE Sammlung ist die älteste der Welt +++

Am kommenden Dienstag, 13. Oktober, soll im Ausschuss für Bildung und Kultur des Stadtrates Erfurt endlich entschieden werden, ob das Nettelbeckufer nach Gert Schramm benannt werden wird. (ldi)