Flüchtling aus Erfurt klagt: „Ich glaubte, die Menschen seien hier sehr fortschrittlich“

5 Jahre "Wir schaffen das!": Flüchtlinge in Deutschland

5 Jahre "Wir schaffen das!": Flüchtlinge in Deutschland
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Erfurt. Er sollte in den Krieg ziehen – in einem Alter, wo wir hierzulande vielleicht gerade mal anfangen, unsere Zukunft zu planen. Heute ist Zerdeşt 28 Jahre alt und lebt in Erfurt. Seine alte Heimat hat er hinter sich gelassen – seine Familie, seine Freunde, sein altes Leben. Knapp vier Jahre dauerte es, bis er in der Landeshauptstadt von Thüringen endlich angekommen ist. Länger als nötig, meint er selbst, denn noch auf der Suche nach einem besseren Leben, fasste er einen unglaublichen Entschluss.

Schon vor dem Krieg habe es in seiner Heimat in Syrien keine Freiheit gegeben, erinnert sich der inzwischen 28 Jahre alte Kurde. Für ein normales, einfaches Leben aber habe es gereicht. Bis dahin führt Zerdeşt eben ein solches Leben, wie es wohl auch hier in Erfurt geführt werden könnte: Abitur, Studium und nebenher ein Kellner-Job.

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„Wir schaffen das“ – es sind eigentlich nur drei Worte. Doch seit 2015 polarisierte in Deutschland kaum etwas mehr als dieser Leitsatz von Angela Merkel. Auf der einen Seite löste die Parole der Kanzlerin eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Ein anderer Teil der Gesellschaft fühlte sich überfordert. Überfordert von mehr als einer Million Flüchtlingen, die auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015/16 nach Deutschland kamen.

Zwischen Willkommenskultur und AfD-Aufstieg, zwischen Sprachbarriere und Hoffnung auf ein friedliches Leben versuchen die Geflüchteten seitdem, in Deutschland Fuß zu fassen. Fünf Jahre sind nun vergangen: Zeit für ein Zwischenfazit. Wie sind die Flüchtlinge mittlerweile in Deutschland angekommen? Was sind ihre prägendsten Erfahrungen? Welche Wendepunkte haben ihr Leben bestimmt?

13 Flüchtlinge haben DerWesten, Moin.de, News38 und Thüringen24 verraten, wie ihr Leben in der neuen Heimat Deutschland heute aussieht.

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Erfurt: 21-jähriger flüchtet vor Armee – und fasst unglaublichen Entschluss

„In Syrien war es sehr einfach, einen Job zu finden“, erinnert er sich. „Man hatte Essen, Trinken, man hatte Arbeit und konnte feiern“. Doch das hatte auch seinen Preis. Zwar sei das Leben vor dem Krieg in Syrien noch leichter gewesen, doch nur, wenn man dafür mit seiner Freiheit bezahlte. Und dann war plötzlich sowieso nichts mehr, wie es einmal war.

Ende 2014 wird Zerdeşt einberufen. In Syrien tobt der Bürgerkrieg und alle jungen Männer sollen an die Front – und im Zweifel dort auch ihr Leben lassen. „Ich musste einen Weg finden, nicht selbst Teil des Krieges zu werden“, erklärt der junge Mann die schwerste und wichtigste Entscheidung seines Lebens. Er steht kurz vor dem Abschluss seines Studiums, doch es gibt keine Zeit mehr zu verlieren.

Student trifft härteste Entscheidung seines Lebens: „Du verlierst einen Teil deiner Seele“

Es sind nicht nur die Bomben, die Zerstörung, die Armut, die das Leben in Syrien prägen. Es ist vor allem die allgegenwärtige Angst, erinnert sich Zerdeşt. „Wenn du nachts durch die Straßen läufst, rechnest du jeden Moment damit, überwältigt zu werden. Vielleicht wirst du entführt, vielleicht wird deine Familie gezwungen, für dich Geld zu zahlen. Vielleicht wirst du umgebracht.“

Zerdeşt will ein solches Leben nicht führen, er will nicht in die Armee, er will keine Waffe auf Menschen richten. Er wollte, so sagt er selbst „zumindest eine relativ schöne Zukunft haben. Und die hoffte ich in Europa zu finden.“

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Die Idee: „In Europa gibt es Länder, da kann man leben. Da gibt es keinen Krieg, da gibt es Menschenrechte.“ Es klingt fast unglaublich, wie es Zerdeşt betont: „Gesetze, die sich für den Menschen einsetzen!“ Getrieben von diesem Traum lässt der damals 21 Jahre alte Syrer alles hinter sich. „Ich wusste, dass ich meine Familie verlieren werde – einen Teil meiner Seele.“ Seinen Vater wird er nie wiedersehen.

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Das ist das Land Syrien:

  • Land in Vorderasien, das an Israel, Jordanien, dem Libanon, der Türkei, den Irak und dem Mittelmeer grenzt
  • Hauptstadt Damaskus
  • rund 21 Millionen Einwohner (Stand 2010), 185.000 Quadratkilometer groß
  • Unabhängigkeit von Frankreich am 17. April 1946
  • seit 2011 herrscht Krieg zwischen der Assad-Regierung und ihrer Anhänger auf der einen und syrischen Oppositionellen, teils radikalen Islamisten und vom Ausland (Türkei, Katar, Saudi-Arabien) unterstützte Söldner auf der anderen Seite
  • laut Schätzungen der oppositionellen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte hat der Krieg mehr als 465.000 Todesopfer geopfert, über fünf Millionen Menschen sind in Nachbarländer oder nach Europa geflohen
  • neben sunnitischen Muslimen leben in Syrien auch vergleichsweise viele Christen, Alawiten und andere religiöse Minderheiten

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Flüchtlinge in Griechenland gestoppt – jetzt wird ER aktiv!

Zerdeşt flüchtet zunächst in die Türkei. Dort arbeitet er, doch eine Zukunft sieht er hier nicht. Mit seinem Chef bricht er auf – über das Meer nach Lesbos. Da ahnt er noch nicht, was er auf seiner Reise noch Bemerkenswertes finden sollte.

Eigentlich bringt der junge Kurde die besten Voraussetzungen mit, um schnell auf seiner Route voran zu kommen. Denn immerhin ist er durch sein Studium des Englischen mächtig. Doch schon in Griechenland kommt ihm die Polizei in die Quere.

Von einem Lager zum anderen geschickt, verwehrt die Polizei schließlich die Einreise nach Athen. Zerdeşt findet sich wieder unter Tausenden von Menschen – Familien, Kindern, Kranken – , die alle nicht wissen, wie es jetzt weitergeht. „Hier habe ich beinahe alle Hoffnung verloren.“ Und dann macht es Klick!

Zerdeşt blickt in die hilfesuchenden Gesichter und schöpft plötzlich neue Kraft. Er wird aktiv. „Hier findest du deine Menschlichkeit!“, sagt er im Nachhinein. Mit seinen Englisch-Kenntnissen fungiert er ab sofort als Übersetzer für seine Leidensgenossen und Weggefährten.

Ankommen in Deutschland: „Wie die Sklaven im Knast“

Seine Route führt schließlich über Athen nach Mazedonien, Serbien, Ungarn und Budapest. Und dann: Passau, Deutschland! Aber von Freiheit noch keine Spur!

„Wie Sklaven in einem Knast“, sollen die Geflüchteten in Passau behandelt worden sein, so der Syrer. Einen Monat muss er hier ausharren, bis er schließlich in das große Flüchtlingslager nach Suhl und anschließend nach Kölleda überführt wird.

Zerdeşt wird hier lange bleiben – und die Zeit weiß er zu nutzen. Auch hier arbeitet er als Übersetzer und bringt sich selbst parallel Deutsch bei – mit viel Eigeninitiative, Deutschbüchern und Youtube. Ein Sprachkurs in Erfurt rundet die Sache ab, und nach einem halben Jahr war es soweit: „Endlich Freiheit!“. Aber was nun?

Geflüchteter aus Syrien: Deswegen ist Integration so schwierig!

Verunsicherung! Denn jetzt muss sich Zerdeşt in dem fremden Land erstmal zurechtfinden. „Ich glaubte, die Menschen seien hier sehr fortschrittlich, open-minded, seelisch rein. Aber das waren nur Träume“, sieht er ein. Das Ankommen war schwer. Rassismus, den könne der Syrer zwar ignorieren, die wahre Hürde sieht er in der Möglichkeit der Integration.

„Wie finde ich eine Wohnung? Wie schreibe ich eine Bewerbung? Wie kann ich das Leben hier verstehen? Wie fasse ich hier Fuß?“ Zerdeşt hat schon viel über das Leben in Europa gelesen – doch in der Realität sieht das dann doch anders aus.

Mithilfe der Heimleiterin von Kölleda findet er Ende 2017 schließlich aber eine Wohnung in seinem Wunschwohnort: in Erfurt. Im Internet sucht er nach Kontakten und wird auf das Sprachcafé an der Hochschule aufmerksam – einem Begegnungsort für Menschen aus aller Welt und für Interessierte. Anschluss findet der heute 28-jährige dadurch schnell, und in Erfurt kann er sogar seiner großen Leidenschaft nachgehen: dem Theater. In der „Schotte“ tritt er regelmäßig auf, zumindest bis Corona. Der Motivations-Kick schlechthin, die deutsche Sprache nur noch besser lernen zu wollen und sich auf die neue Kultur einzulassen.

Zerdeşt: So könnte die Integration einfacher sein!

Zerdeşt weiß, dass er vor allem durch seine Bildung und Eigeninitiative so weit gekommen ist. Er weiß aber auch, dass Andere es viel schwerer haben als er. „Wir haben in Syrien so viele kräftige Männer, so viele begabte Handwerker, die in Deutschland keinen Job finden und damit nie die Chance oder Motivation bekommen, die Sprache zu lernen.“

Er wünscht sich, dass es möglich wäre, eine Bewerbung auf der Muttersprache einzureichen. Wenigstens in den Berufen, in denen eine einfache Sprache zunächst ausreichen würde, um Fuß zu fassen. Auf der Muttersprache könne man seine wahren Qualitäten eben viel besser präsentieren als in gebrochenem Deutsch.

Angekommen in Erfurt – Schock-Nachricht aus der Heimat

Der Wahl-Erfurter hilft indessen selbst Neuankömmlingen in Deutschland. Er engagiert sich bei der Seebrücke und ist aktives Mitglied im Sprachcafé. In der Thüringer Landeshauptstadt ist er angekommen. „Erfurt ist meine Heimat! Ich mag Erfurt sehr und die alte Stadt erinnert mich an Syrien, an Damaskus. Und der zweite Grund sind meine Freunde.“

Sein Bruder und seine Schwester leben inzwischen auch in Deutschland, im Saarland. Den Rest seiner Familie hat er seit seiner Flucht vor sieben Jahren nicht wiedersehen dürfen. Seinen Vater nie mehr. Er starb letztes Jahr.