#Forschung "The Jena Experiment": Spielwiese für Wissenschaftler in der Saaleaue

Foto: Martin Kappel

Merkwürdige krautige Quadrate, gesäumt von seltsamen Apparaturen, die wie Überwachungskameras aus einem Hochsicherheitsgefängnis aussehen. Das alles umringt von einem Zaun. Ein Blick auf der Jenaer Wiesenstraße nach rechts, auf der B88 stadtauswärts kurz vor dem Abzweig nach Kunitz, lädt zum Phantasieren ein. Was es wohl mit diesem Gelände auf sich hat?

Diese Frage beantwortete sich am Dienstagnachmittag, denn das umzäunte "Jena Experiment" lud zum Tag des offenen Gartens. Hier wird nichts geheimgehalten, sondern vielmehr akribisch untersucht. Das Zauberwort heißt Biodiversität - also Artenvielfalt. Und jedes abgesteckte Beet ist ein eigenes ökologisches Experiment. Knapp 600 abgesteckte Parzellen sind es in diesem Jahr.

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Forscher aus Deutschland und darüber hinaus beim "Jena Experiment"

Das grüne Freiland-Labor dient dabei zahlreichen Forschern aus den verschiedensten Disziplinen als wissenschaftliche Spielwiese, etwa Ökologen, Zoologen oder Hydrologen. Getragen wird das "Jena Experiment" von einer Forschergruppe, die aus Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wird. Neben der Friedrich-Schiller-Universität ist auch das Max-Planck-Institut für Biogeochemie beteiligt.

Doch das lokale Projekt in der Saaleaue zieht weite Kreise. Es bindet unter anderem Wissenschaftler in Leipzig, Tübingen, Karlsruhe, München und Oldenburg sowie den Niederlanden und der Schweiz. Es bestehen auch Kontakte zu zwei Versuchsfeldern nach Amerika, informiert Nico Eisenhauer von der Uni Leipzig, der Sprecher des Experiments ist.

Nachweis der Evolution mit Staubsauger und "Hau den Lukas"

Zwar hat der FSU-Alumnus gerade eine Professur für experimentelle Interaktionsökologie inne, doch Eisenhauer lebt nicht im Elfenbeinturm. Bei seiner Führung durch die Parzellen nimmt er einen schweren Holzhammer in die Hand und rammt einen Metallstempel in die Saaleaue. Bodenproben zählen zu einer der Auswertungsmethoden des "Jena Experiments". Nebenan wirft ein junger Student einen Staubsauger an. Nicht um den Boden zu reinigen, sondern um Insekten aus einer Art Moskitonetz zu sammeln. Über 1000 Tier- und Pflanzenarten wurden bisher in der Aue nachgewiesen. Hinzu kommen unzählige Arten von Mikroorganismen.

Seit im Jahre 2002 das "Jena Experiment" angelegt wurde, haben die Forscher bereits "evolutive Prozesse" beobachtet, wie der Projektsprecher erklärt. Angepflanzte Arten in Versuchsflächen mit vielen Pflanzensorten hätten dabei eine höhere Effektivtät entwickelt, was die Nährstoffverwertung anbelangt. Beobachtet wurde auch, dass Felder mit einer hohen Biodiversität zwar einerseits mehr Krankheitserreger im Boden erzeugten, andererseits die Pflanzen aber geringere Beeinträchtigungen durch deren Befall zeigten.

Saale-Hochwasser 2013 als natürliches "Mega-Experiment"

Auch allgemeine Zusammenhänge zwischen der Biodiversität der Flora und der Fauna hat das Experiment belegt. So sank die Zahl der wirbellosen Kleinstlebenwesen und Mikroorganismen im Boden, wenn Parzellen nur als Monokultur oder mit wenigen Sorten bepflanzt waren. Weniger Kohlenstoff gelange in den Boden und auch der Wassertransport von der Oberfläche werde reduziert.

Apropos Wasser: Tiere und Pflanzen erleben neben künstlichen Trockenexperimenten auch das andere Extrem. Als "natürliches Mega-Experiment" - wenn auch nicht ganz freiwillig - bescherte das Hochwasser 2013 den Wiesenforschern einmalige Möglichkeiten. Überraschend wenig sei damals zunichte gemacht worden. Die Tierwelt verschwand zwar kurzzeitig, aber die kleinen Pflanzen-Ökosysteme erwiesen sich als äußerst robust. Ein Jahr später hatte sich das Gelände fast vollständig erholt.

Projekt-Finanzierung bis 2018 gesichert: Zukunft noch offen

Da sich das Gleichgewicht und die Zusammenhänge zwischen Pflanzen, Tieren, Mikroorganismen, Wasser und Boden über Jahre wechselwirkend beeinflussen, sind gerade solche Projekte wie das "Jena Experiment" auf Langzeitbeobachtungen angewiesen. Da stimmt es optimistisch, wenn Projektsprecher Nico Eisenhauer erklärt, dass die Finanzierung bis 2018 gesichert sei: "Wir überlegen gerade, wie es danach weitergeht."

Das "Jena Experiment" gehört zu den größten und ältesten Biodiversitätsexperimenten weltweit.