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Interview: Die Essstörung schleicht sich ganz langsam ein

Esstörung Wohngruppe Experten
Sandra Zschiegner (Ernährungstherapeuthin), Tobias Lück (Sonder- und Integrationspädagogik) und ganz rechts Ria Wunderlich, Leiterin der Wohngruppe in Jena. Foto: Axel Heyder
Essstörungen bleiben weiter ein Tabuthema, ein Patentrezept dagegen gibt es nicht

Ein Interview mit Ria Wunderlich, Leiterin der Wohngruppe für junge Menschen mit Essstörungen im Spitzweidenweg in Jena, Sandra Zschiegner (Ernährungstherapeuthin) und Tobias Lück (Sonder- und Integrationspädagogik). Auch in Weimar gibt es von der Stiftung Dr. Georg Haar noch eine WG für junge Menschen mit Essstörungen, die „WG Erfurter Straße“. Sonst sind die Angebote rar im Freitstaat.

Essstörung, was verbirgt sich hinter einem Begriff, der im ersten Moment gar nicht so dramatisch klingt …?

Ria Wunderlich: Eine echte Krankheit. Der Alltag wird vollständig durch diese Essstörung bestimmt, weil der oder die Betroffene sich über das Essverhalten selbst definiert. Das geht zusammen mit einem sozialen Rückzug. Es handelt sich also um eine chronische Erkrankung, die zu den seelischen Behinderungen zählt. Gefährlich ist vor allem, dass man nicht von heute auf morgen krank wird. Sie entwickelt sich über einen langen Zeitraum, und schleicht sich ein. Aussehen und Emotionen versuchen die Betroffenen über die Nahrungsaufnahme zu regulieren. Das geschieht mit unterschiedlichsten Mitteln. Strenge Diäten, die Vermeidung bestimmter Lebensmittel, Kalorienzählen, Erbrechen, übermäßiger Sport, Abführmittel. Dabei unterteilt man in zwei Varianten, in Anorexie (Magersucht) und Bulimie (Ess-Brech-Sucht). Allerdings gibt es dabei nicht das typische Krankheitsbild. Es bleibt individuell. Die Symptome fließen ineinander oder wechseln sich phasenweise ab.

Das klingt wie ein komplizierter Vorgang, dabei hört man landläufig immer wieder, na dann soll das Mädchen einfach wieder anfangen zu essen. Warum geht genau das nicht so einfach?

Sandra Zschiegner: Weil es eine echte Suchterkrankung ist, oft gekoppelt mit anderen psychischen Erkrankungen und die Funktion des Essens eine andere ist, als von Nichtbetroffenen. Es bleibt leider immer noch Tabuthema und es dauert sehr lange, bis eine wirkliche Krankheitseinsicht erfolgt. Bei Suchterkrankungen loässt sich der Auslöser meiden. Genau das funktioniert bei Essstörung eben nicht. Oft haben sich Routinen zur Gewichtsabnahme über Jahre eingeschlichen, es dauert lange, diese wieder durch gesundes Verhalten zu ersetzen. Oft gilt aber, dass die Essstörung nur ein Ausdruck von tieferliegende psychischen Erkrankungen oder Traumata ist, also quasi nur die Spitze des Eisbergs. Die Begleiterkrankungen wie Depressionen, Zwänge, Angststörungen gilt es ebenfalls in den Griff zu bekommen. Die ganzheitliche Gesundung ist daher viel komplizierter.

Warum trifft es Frauen in dem Fall häufiger als Männer?

Tobias Lück: Weil Frauen oftmals anderen Umgang mit sich und ihrem Körper haben als Männer, die denen das häufiger mit Sport gekoppelt ist. Frauen definieren sich eher über ihr Aussehen, das genau wird in der Gesellschaft in der wir leben mit Hilfe von Medien und Werbung gefördert, über spezielle Schönheitsideale. Mädchen werden beispielsweise in der Schule aufgrund ihres Aussehens gemobbt. Eine Essstörung beginnt häufig mit einer Diät. Männer neigen dazu, ihre Konflikte nach außen zu tragen, während Mädchen ihre Aggressivität häufiger gegen sich selbst richten. Und die Dunkelziffer bei Männern wahrscheinlich höher, weil das ebenso ein Tabu ist.

Es handelt sich um ein Suchterkrankung, wie lässt sich das von Nicht-Betroffenen nachvollziehen, es geht doch um die normale Nahrungsaufnahme?

Sandra Zschiegner: Das Essen/Nichtessen/Essen-Erbrechen nimmt eine andere Funktion ein, als die normal Nahrungsaufnahme. Es sich und wird zur Sucht. Der ganze Tagesablauf beschäftigt sich mit dem Thema Esse oder Nichtessen. Was, wie viel davon, welche Auswirkung hat das auf meinen Körper.

Dabei ist Wahrnehmung von sich und Erkrankung sehr unrealistisch. Als Außenstehender psychische Erkrankungen oder speziell Suchterkrankungen nachzuvollziehen, ist ja generell extrem schwer, weil es nicht rational erklärbar ist. Die Überzeugung, selbst im Untergewicht noch immer zu dick zu sein, ist für den/die Betroffene ganz real. Hier spricht man von einer Körperschemastörung; besteht mitunter nicht nur in Bezug auf den eigenen Körper, sondern auch gegenüber anderen, zuweilen auch Menschen in der Umgebung gegenüber, die werden fälschlicherweise als übergewichtig wahrgenommen.

Ein Model, das sich schlank hungert, ist ein Stereotyp für die Erkrankung, gibt es andere Gruppen, die es noch besonders häufig trifft?

Ria Wunderlich: Es trifft häufig Menschen, die sich viel mit ihrem Körper/Aussehen beschäftigen. Das können auch Sportler/innen sein. Tendenziell kommen Patienten oft aus gut situierten und augenscheinlich gut funktionierenden Elternhäusern, häufig sehr intelligent, ehrgeizig, leistungsorientiert und perfektionistisch. In jungen Jahren oft unauffällig, ruhig, angepasst. Obgleich die Biografien der Betroffenen bisweilen Parallelen aufweisen, lässt sich nichts generalisieren! Auch die Symptomatik im Detail ist immer individuell.

Welche Alarmsignale gibt es für Eltern um Umfeld? Und wie sollten sie darauf reagieren?

Tobias Lück: Betroffene reagieren mit sozialem Rückzug. Das Essverhalten ändert sich, das kann sogar eine vermehrte mit gesunder Ernährung sein, auf jeden Fall eine gesteigerte Beschäftigung mit dem Essen die dann zu extremen oder häufigen Diäten führen. Mit der Zeit wird auf immer mehr verzichtet, vor allem alles, was Lebensmittel angeht, die viele Kalorien beinhalten. Das führt zu einer rasche Gewichtsabnahme.

Welche Art von Hilfe bieten sie an? Wie ist ein typischer Werdegang, bis eine Klientin bei Ihnen aufgenommen wird? Welche Erfolge können Sie erzielen?

Ria Wunderlich: Zuerst geht es um eine Unterstützung sowie eine Stabilisierung im Alltag. Normale Alltagsstrukturen müssen wieder erlernt werden, bevor ein Erkennen, Bearbeiten der „Funktion“ der Essstörung sowie das Einüben alternativer Handlungsmuster erfolgen kann. Oftmals liegen da schon mehrfache Klinikaufenthalte und langjährige ambulante Therapie hinter den Klientinnen, die geprägt waren von einem Alltag, der durch die Essstörung strukturiert wurde. Wichtig ist das Erkennen von Auslösern/Ursachen sowie das Erlernen von neuen alternativen Handlungsstrategien. Wir arbeiten ganzheitlich und individuell. Nicht nur Essstörung, sondern auch alle anderen Themen werden bearbeitet. Dabei müssen wir das Vorgehen wird immer auf die individuellen Bedürfnisse und die Lebenssituation der/des einzelnen Bewohner/in anpassen; eine Kombination aus verschiedensten Maßnahmen und externen Therapien – es gibt kein Patentrezept!

Die Stiftung Dr. Georg Haar

Seit der Gründung aufgrund des Vermächtnisses von Georg und Felicitas Haar aus dem Jahr 1945 hat sich die Stiftung Dr. Georg Haar als anerkannter freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe der Unterstützung benachteiligter Kinder, Jugendlicher und deren Familien verpflichtet. Die Wohngemeinschaften „WG Erfurter Straße“ in Weimar und „WG Spitzweidenweg“ in Jena, bieten Platz für jeweils sechs Jugendliche und junge Erwachsene ab 16 Jahre, die einer fachkundigen Betreuung u.a. nach einer klinischen Therapie für Essstörungen (vorrangig Anorexie und Bulimie) bedürfen. Voraussetzung ist die freiwillige Entscheidung der Betroffenen, sich auf professionelle Hilfe und Begleitung bei ihrer Krankheitsbewältigung einzulassen.