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Warum Jenas Taubenhäuser ein Vorbild sein können

Kerstin Wuthenow Tauben Tierschutzverein Jena
Foto: Ann-Sophie Bohm-Eisenbrandt

Jena ist die einzige Stadt Thüringens, die Taubenhäuser in der Stadt betreibt. Ist dieses Projekt ein Vorbild für nachhaltiges Taubenmanagement?

Es gurrt und flattert. Ein kleiner Schwarm Tauben sitzt auf dem Dach der Goethegalerie und wartet. „Die wissen genau, wann jemand kommt und sauber macht“, sagt Kerstin Wuthenow, Taubenbeauftragte des Jenaer Tierschutzvereins. „Sie warten jetzt hier, bis sie wieder rein dürfen und Futter bekommen.“ Denn die Tauben wohnen seit ein paar Monaten in einem Taubenhaus auf dem Dach der Goethegalerie in Jena. Ein kleines Häuschen, außen unauffällig mit Wellblech verkleidet, innen vor allem aus Holz. Über 50 Nistplätze gibt es hier, und damit Platz für über 100 Tauben.

Bildergalerie: So vorbildlich sind Jenas Taubenhäuser

Plötzlich Tauben in der Goethegalerie

„Vor etwa vier Jahren bekamen wir schlagartig Probleme mit Tauben, die sich im Center aufhielten“, erzählt Michael Holz, Centermanager der Goethegalerie. „Vorher hatte es das noch nicht gegeben.“ Das Center sei daher an die Stadt Jena herangetreten, um sich nach Lösungen zu erkundigen. In einer gemeinsamen Gesprächsrunde mit Kerstin Wuthenow und der jenawohnen GmbH erfuhr Holz dann von der Taubenhausidee und war sofort begeistert.

„Ich halte diese Methode für hochgradig sinnvoll“, so Holz. „Die Alternativen wie Vergrämungen sind teuer und aufwändig. Für uns war es günstiger, die Kosten für das Taubenhaus zu übernehmen.“ Und auch für die Tiere sei dies die bessere Variante, so Holz. Auch jenawohnen, die bereits seit 2012 erfolgreich drei Taubenhäuser in Lobeda betreiben, haben gute Erfahrungen mit dem Projekt gemacht.

Kot und Futtersuche machen Probleme

Auch viele andere Kommunen haben Probleme mit zu großen Taubenpopulationen. Das Problem: Stadttauben sind keineswegs Wildtiere, sondern verwilderte Haustiere. Als Nachkommen gezüchteter Vögel legen die Tauben bis zu sieben Mal im Jahr Eier, auch wenn das Futterangebot schlecht ist.

Die Tiere finden aber kaum artgerechte Nahrung in den Städten. Eigentlich Körnerfresser, müssen Stadttauben in den Fußgängerzonen vor allem mit Speiseresten wie Pommes oder Brötchen vorlieb nehmen und werden davon krank. Ständig werden die Populationen außerdem noch durch entflogene Brief- oder Hochzeitstauben vergrößert.

Töten und Vertreiben als übliche Methoden

Um die Taubenschwärme in Schach zu halten, setzen viele Kommunen auf das Töten oder Vergrämen der Tiere, also die Zerstörung von potenziellen Brutplätzen durch Netze oder Spikes. Diese Methoden seien jedoch uneffektiv, kritisiert Wuthenow. „Das Wegfangen einzelner Tauben verjüngt die Population nur, und Vergrämungen verlagern das Problem lediglich.“ Keine der beiden Varianten könne die Taubenmenge nachhaltig regulieren, so die Tierschützerin. Auch die vielerorts geltenden Fütterungsverbote für Tauben würden alleine nichts bringen, da das ständige Eierlegen den Tieren angeboren ist und nicht von der Nahrung abhängig.

Was kann den Tauben Einhalt gebieten?

Vor allem Tierschützer befürworten stattdessen das sogenannte Augsburger Modell, bei dem die Vögel wie auch in Jena in Taubenhäuser angesiedelt werden. Der Vorteil: Tauben sind standorttreue Tiere. Bekommen sie an einem Ort regelmäßig Futter und ruhige Nistplätze geboten, bleiben sie dort, auch wenn sie jederzeit wegfliegen könnten.

Das ermöglicht es Taubenwart Stephan Köbe, regelmäßig die Eier aus den Gelegen abzusammeln und durch Attrappen zu ersetzen. „Nur hin und wieder muss man mal eins drin lassen“, so Köbe, „sonst werden die Tauben misstrauisch.“ Über 700 Eier hat der Taubenwart in 2016 auf diese Art aus den Jenaer Taubenschlägen bereits abgesammelt. Köbe ist seit vielen Jahren Taubenzüchter und kennt sich mit den Tieren daher aus. „Viele der Vorurteile über Tauben stimmen nicht“, so Köbe. „Ich finde, das sind wunderbare Tiere.“

Wilde Tauben nicht füttern!

Für viele andere sind Tauben dagegen nur die „Ratten der Lüfte“. Viele Vorurteile halten sich beständig, obwohl sie falsch seien, so Wuthenow. „Die Gefahr einer Krankheitsübertragung durch Tauben ist nicht größer als durch andere Lebewesen“, so die Tierschützerin. Und da die Vögel 80 Prozent ihrer Zeit innerhalb des Schlages verbringen und nicht mehr Futter suchend durch die Straßen ziehen, sammelt sich auch ein Großteil des Taubenkots dort. Davon profitieren dann auch die Immobilienbesitzer. Durch das artgemäße Futter bleiben die Tauben außerdem gesund. Ein Gewinn für alle, findet Wuthenow und ist stolz auf dieses „vorbildliche Tierschutzprojekt“. Damit die Tauben aber immer wieder in den Schlag zurückkehren, sei es wichtig, dass an anderen Stellen nicht gefüttert wird. Wer den Tieren etwas Gutes tun will, sollte das Füttern daher lieber sein lassen.

Thüringens Kommunen sind skeptisch

Jena ist bislang die einzige Stadt in Thüringen, die Taubenhäuser zum Populationsmanagement einsetzt, dabei könnte das Projekt durchaus als Vorbild für andere Kommunen gelten. Auch wenn einige Städte in Deutschland, darunter Torgau, Augsburg und Esslingen, bereits diese Methode gewählt haben, bleiben viele Kommunen skeptisch. In Weimar beispielsweise gibt es zwar ebenfalls Probleme mit großen Taubenvorkommen, hier setzt man jedoch weiterhin auf Fütterungsverbot und Vergrämungsmaßnahmen.

In Erfurt sei die Menge an Tauben moderat und konstant, die Stadt spricht hier nur von lokalen Problemen mit großen Taubenansammlungen. Diese können durch die Entfernung der Futterquellen und die Vergrämung der Tiere leicht lösbar, so die Stadt. Das Taubenhausmodell sieht man in Erfurt eher kritisch: „Die Betreuung von Taubenhäusern ist sehr kosten- und zeitintensiv und muss über viele Jahre gewährleistet werden“, heißt es in einer Stellungnahme gegenüber Thüringen24. Außerdem erreiche man nur einen Bruchteil der Tauben, dementsprechend gering sei der Einfluss auf die Gesamtpopulation.

Weitere Taubenhäuser für Jenas Innenstadt?

In Jena werden die Taubenhäuser bisher von ortsansässigen Firmen finanziert, auch die Goethegalerie trägt alle Kosten selbst. Mittlerweile gäbe es zwar ein kleines Budget von der Stadt, das reiche aber gerade einmal aus, um eines der Häuser zu betreiben. „Dabei brauchen wir dringend noch weitere Taubenhäuser in der Innenstadt, um noch mehr Tauben von den Straßen zu holen“, so Centermanager Holz. „Es wäre schön, wenn Immobilienbesitzer sich aufgeschlossener bei dem Thema zeigen würden. Viele kennen das Konzept nicht, aber die Kosten-Nutzen-Rechnung geht eindeutig auf.“Im Moment wird intensiv nach Kooperationspartnern für weitere Taubenhäuser in der Innenstadt gesucht.

Ob der Schlag auf der Goethegalerie seinen Zweck erfüllt, lässt sich noch nicht mit Gewissheit sagen, denn er wurde erst im Oktober geöffnet und muss sich bei den Tauben erst noch weiter „herumsprechen“. Centermanager Holz will bereits eine Entlastung der Galerie erkennen. Und auch der Taubenwart zeigt sich optimistisch. „Viele waren vorher skeptisch“, sagt Taubenwart Köbe. „Doch die meisten der Skeptiker sind mittlerweile verstummt.“