Soziologe: So entfremdet haben sich Bürger und Politik

Professor Hartmut Rosa vom Lehrstuhl für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Professor Hartmut Rosa vom Lehrstuhl für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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  • Interview mit Jenaer Soziologe Hartmut Rosa
  • Rosa: Verhältnis zwischen Bürgern und Politik stimmt nicht mehr
  • Zuspruch für Populisten à la Donald Trump und AfD ist 2016 gewachsen

Eine tiefe Entfremdung zwischen Bürgern und Politik hat der Soziologe Hartmut Rosa ausgemacht. „Die Bürger haben den Eindruck, die Politik antwortet ihnen nicht mehr, hört und sieht sie nicht“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Das beschere Populisten Zulauf. „Wir brauchen so etwas wie ein gemeinsames Gestaltungsprojekt“, erklärte der Experte. „Voraussetzung ist die Bereitschaft, in einen Dialog zu treten statt sich gegenseitig niederzubrüllen.“

Donald Trump wird zum US-Präsidenten gewählt, die Briten stimmen für den Brexit und die AfD legt bei Wahlen stark zu - 2016 war das Jahr der Populisten. Wie erklären Sie sich das?

Es ist offensichtlich, dass bei vielen Menschen sehr viel Wut im Spiel ist. Bei den Wahlen verleihen sie ihrer Wut Ausdruck. Als Soziologe interessiert mich: Woher kommt diese Wut und worauf richtet sie sich? Oft heißt es, das seien der abgehängte Mittelstand oder prekarisierte Menschen, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Es gibt aber etliche Befunde, die das nicht bestätigen.

Woran liegt es dann, dass einfache Antworten auf komplizierte Fragen mehr denn je zu verfangen scheinen?

Es stimmt etwas nicht mehr im wahrgenommenen Verhältnis zwischen Bürgern und Politik. Wir haben es mit einer tiefgreifenden Entfremdung zu tun. Viele haben eine große Sehnsucht danach, wieder als politisch handelnde Menschen statt als Spielball ökonomischer Mächte wahrgenommen zu werden. Die Bürger haben den Eindruck, die Politik antwortet ihnen nicht mehr, hört und sieht sie nicht.

Außer wenn sie sich als Protestwähler Gehör verschaffen.

Wir wissen aus der Gewaltforschung, dass es bei Menschen, die sich anderen ausgeliefert fühlen, einen Umkipp-Moment gibt. Sie machen die Erfahrung: Wenn ich anderen eine reinhaue, dann erfahre ich mich plötzlich wieder als selbstwirksam, indem ich sie zum Schreien bringe. AfD oder Donald Trump wählen ist in diesem Sinne wie jemanden eine reinhauen - aus dem Gefühl der Ohnmacht heraus will man eine Reaktion erfahren.

Die Entfremdung, die ich ansprach, betrifft aber nicht nur das Verhältnis zur Politik, sondern zur Welt insgesamt. Viele sagen: Das ist nicht mehr mein Land, meine Welt. Das kommt Populisten zupass und sie werben damit, die Kontrolle zurückzugewinnen. Dabei kommen die einfachen, meist von Ressentiments getriebenen Lösungen ins Spiel wie Obergrenzen oder Zäune gegen Ausländer. Denn als Störquelle werden schlicht die EU oder Flüchtlinge identifiziert - aber das ist der falsche Schluss.

Das heißt, Fremdenfeindlichkeit ist ein Symptom einer sehr viel tiefergehenden Verunsicherung?

Die Flüchtlinge werden wahrgenommen als Symbol für eine unberechenbar gewordene Welt, die auf uns eindrängt. Sie sind aber nicht Ursache des Problems. Vielmehr hat der blinde Steigerungszwang in der Gesellschaft - wir müssen immer mehr leisten, die Wirtschaft muss immer weiter wachsen - dazu geführt, dass uns die Welt zu entgleiten scheint. Wenn man verstehen will, was in der Gesellschaft los ist, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass wir eine kranke Weltbeziehung haben. Wir haben das Gefühl, die Welt entzieht sich uns, antwortet uns nicht mehr, ja bedroht uns sogar. Schauen Sie sich den Klimawandel an: Statt die Natur zu beherrschen, bedroht sie uns immer mehr. Diese Entfremdung führt dazu, dass Menschen verhärten.

Mit Auswirkungen auch auf die politische Kultur...

Genau. Es gibt immer mehr extreme Verhärtungen und eine krisenhafte Verschärfung im politischen Diskurs. Ich beobachte eine Unfähigkeit zu hören und zu antworten, was ich eine Resonanzbeziehung nenne. Stattdessen geht es immer öfter nur um die Bestätigung der eigenen Meinung, wir haben uns in Echoräumen eingerichtet und im Extremfall wird der Andere niedergebrüllt.

Ein Weg, Bürgern mehr Gehör und Bedeutung zu geben, könnte direkte Demokratie etwa mit Volksentscheiden auf Bundesebene sein.

Demokratie trägt das Versprechen, uns allen eine Stimme zu geben. Das Spannende ist, was wir daraus machen. Wenn wir diese Stimme nur abgeben und zusammenzählen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn das soziale Band, das dadurch gestiftet werden kann, nicht spürbar wird. Letztlich geht es doch darum - wie in einem Konzert - viele Stimmen hörbar zu machen, darauf zu antworten und sich dadurch verändern zu lassen. Nur zu sagen, wir stimmen mehr ab, hilft nicht. Wir brauchen so etwas wie ein gemeinsames Gestaltungsprojekt. Voraussetzung ist die Bereitschaft, in einen Dialog zu treten statt sich gegenseitig niederzubrüllen.

Haben Sie ein Beispiel, wo ein solcher Ansatz gelungen ist?

Die Reaktion des Oberbürgermeisters von Bautzen dieses Jahr ging in die richtige Richtung. Er hat den wütenden Menschen in seiner Stadt zu verstehen gegeben, sie mit ihren Problemen ernst zu nehmen. Wir brauchen Bereitschaft, den Anderen zu hören und wertzuschätzen. Ein Problem ist, dass der politische Gegner oft abgestempelt wird. Wer Vorbehalte gegen Ausländer hat, ist nicht gleich ein Neonazi. Es muss wieder eine Kultur geben, wo man experimentell Gedanken angstfrei formulieren kann. Das heißt nicht, gegenüber Populisten klein beizugeben oder auf Schmusekurs zu gehen.

Als Beispiel für erfüllenden Diskurs habe ich die Zeit um 1990 in Ostdeutschland erlebt. Da hatten viele das Gefühl, dass reden nicht sinnlos ist. Die Menschen sind in einen Dialog getreten, wie sie die Welt gestalten wollen; sie hatten das Gefühl, beteiligt zu sein an dem, was da neu entsteht.

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