Was spricht eigentlich gegen Tierversuche?

Melanie Littmann wirbt im Kostüm eines Versuchskaninchens in Jena dafür, dass Wissenschaftler keine Tiere mehr für ihre teils grausamen Versuche nehmen.
Melanie Littmann wirbt im Kostüm eines Versuchskaninchens in Jena dafür, dass Wissenschaftler keine Tiere mehr für ihre teils grausamen Versuche nehmen.
Foto: Jan-Henrik Wiebe
  • Tierschützer kritisieren Versuche an Tieren im Namen der Wissenschaft in Jena
  • Viele Tierversuche seien inzwischen überflüssig, meinen Melanie Littmann und Ingo Rätze im Interview

Alles im Dienste der Wissenschaft? Bei Tierversuchen haben Tierschützer erhebliche Zweifel und lehnen sie aus verschiedensten Gründen strikt ab. Am Montag demonstrierte eine kleine Gruppe in Jena auf dem Holzmarkt am "Internationalen Tag des Versuchstieres". Doch wie sieht es eigentlich in der Wissenschaftsstadt aus? Wo werden in Jena Experimente an Tieren im Namen der Wissenschaft durchgeführt? Der Tierrechtler Ingo Rätze vom Verein "Tierbefreier Jena" und die Tierheilpraktikerin Melanie Littmann stellten sich den Fragen von Thüringen24.

Was ist der Unterschied zwischen Tierschützer, Tierrechtler und Tierbefreier?

Rätze: Tierschützer verlangen größere Käfige. Davon distanziere ich mich. Mir ist es wichtig, die Tierausbeutung grundsätzlich zu kritisieren. Wir Tierrechtler sehen Tiere nicht als Lebewesen, die ausgebeutet werden dürfen, sondern ihren eigenen Lebensraum haben. Gerade in den USA und Großbritannien, wo Tiere aus Nerzfarmen geholt werden, gibt es die radikalere Variante. Von den Tierbefreiern grenzen sich die Tierschützer meist wegen des Bruchs von Gesetzen ab.

Littmann: Ich würde mich je nach Fall zwischen Tierschutz und Tierrecht positionieren. Tierschutz ist für mich in jedem Fall wichtig. Gerade, was Massentierhaltung angeht, ist es schon ein erster Schritt, wenn man größere Ställe hat, Käfighaltung verboten wird und es viel Freilandhaltung gibt. Ich sehe ganz realistisch, dass wir nicht alle Veganer oder Vegetarier werden können. Deswegen müssen wir sehen, dass wir kleine Schritte gehen. So ist eine Verminderung des Konsums von Produkten, die mit Tierleid verbunden sind, und der Griff zu tierfreundlichen Alternativen ein guter Anfang und für jeden machbar.

Und wie ist das bei Tierversuchen?

Littmann: Da kann der Tierschutz – im Sinne "macht die Käfige größer" – nicht Sinn der Sache sein. Da geht es tatsächlich um eine Abschaffung, und ich bin dort auf der Seite der Tierrechtler. Tiere erleiden dort auf psychischer wie körperlicher Ebene die schlimmsten Grausamkeiten. Da kann man keine Kompromisse machen.

Wo werden in Jena denn Tierversuche gemacht?

Littmann: Im Prinzip überall. In Jena haben wir zum Beispiel das vielen Einwohnern bekannte Mäuse-Haus und auch beim Klinikum werden Tierversuche abgehalten mit Mäusen, Ratten, Minischweinen und Ponys. Bei der Nordschule gibt es ein Tierhaus, in dem Schafe, Ratten und Mäuse gehalten und Versuche gemacht werden. Bei Jenapharm kann man auch davon ausgehen.

Rätze: Mit Hunden und Mäusen wird am Beutenberg experimentiert.

Wirklich? Warum weiß die Öffentlichkeit darüber so wenig?

Littmann: Von der Uni wird das kaum kommuniziert. Wenn die Tierversuche so viele tolle Ergebnisse brächten, würde man darüber wohl ständig etwas hören. Es sind aber oft Experimente, die innerhalb von Forscherkreisen oder des Unibetriebs interessant sind, aber keinen wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Fortschritt bringen oder sonst einen praktischen Mehrwert haben. Wenn es anders wäre, dann würden sich die Unis auch öffentlich damit profilieren. So sind die Grausamkeiten an Tieren, besonders in der sogenannten Grundlagenforschung, vor der Gesellschaft jedoch kaum zu rechtfertigen und es wird lieber geschwiegen. Wo die Ergebnisse dieser nicht vielsagenden Versuche jedoch hohe Beachtung und Anerkennung finden, ist in Fachzeitschriften, auf Kongressen und unter Naturwissenschaftlern und Ärzten, sprich all jenen, die auch selbst Tierversuche durchführen, dafür bezahlt werden oder durch Tierexperimente einen höheren akademischen Grad erreichen, sprich in irgendeiner Form davon profitieren.

Wann dürfte man denn eurer Meinung nach Tierversuche machen?

Littmann: Heutzutage gar nicht mehr, weil wir andere, wesentlich effektivere Möglichkeiten haben und zusätzlich in der Lage sind, diese Möglichkeiten weiterzuentwickeln. Außerdem kann man die Ergebnisse von Ratten, Mäusen oder anderen Tieren nicht auf Menschen übertragen. Diese nicht vorhandene Übertragbarkeit ist durch zahlreiche Erhebungen belegt. Seriöse Wissenschaft würde diese Methodik daher bereits längst ad acta gelegt haben und sich effizienterer Forschung zuwenden. Zum Wohle von Mensch und Tier und echter Chance auf Fortschritt.

Würdet ihr Medikamentenversuche auch am Menschen ablehnen?

Littmann: Wenn ein für den Menschen entwickeltes Medikament das erste Mal einem Menschen verabreicht wird, haben wir streng genommen immer einen „Menschenversuch“. Dies ist die gängige Praxis nach dem Tierversuch, dafür werden dann entsprechend Probanden gesucht, die mit hohen Summen entschädigt werden oder sich zur Verfügung stellen, weil sie sich erhoffen, dadurch ihre eigene Erkrankung heilen zu können. Letztendlich ist ein Weiterkommen in der Humanmedizin ohne den finalen Einsatz am Menschen logischerweise nicht machbar. Man könnte das Risiko für die Erstkonsumenten jedoch wesentlich minimieren, wenn man zuvor an Modellen testen würde, die sich nicht so grundlegend vom Menschen unterscheiden.

Ihr habt schon von Alternativen zum Tierversuch gesprochen, welche meint ihr?

Littmann: Computermodelle etwa und …

Rätze: … Zellkulturen von Menschen.

Littmann: Bei den Zellkulturen kann man im Prinzip direkt am Menschen forschen, ohne den Menschen zu verletzen. Durch Stammzellen kann man inzwischen ganze Organstrukturen nachbauen. So haben wir eine wesentlich höhere Übertragbarkeit auf den Menschen.

Wer profitiert denn von Tierversuchen?

Littmann: Am meisten die Industrie, die diese Tiere produziert und die, die, wie bereits erläutert, diese Versuche durchführen. Eine sogenannte Knockout-Maus, bei der mittels Genmanipulation einige Gene ausgeschaltet wurden, kostet von 200 bis zu mehreren Tausend Euro. Da ist einiges an Umsatz zu machen. Etwa 92 Prozent der an Tieren getesteten Medikamente fallen in klinischen Studien, also wenn sie erstmalig den Menschen verabreicht werden, laut einer aktuellen Erhebung der FDA, der US-amerikanischen Behörde für Lebens- und Arzneimittel, schlichtweg durch. Wer also gerade nicht davon profitiert, sollte klar sein. Der Lobbyismus hinter Tierversuchen ist gigantisch.

Gibt es große Interessenverbände?

Rätze: Zum Beispiel hinter der Seite tierversuche-verstehen.de. Das sind Lobbyisten, die dem Menschen nahebringen wollen, dass Tierversuche notwendig sind. Die Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche hat zum Beispiel nachgewiesen, dass die Argumente nicht stichhaltig sind.

Können Studenten oder aufstrebende Wissenschaftler Tierversuche ablehnen?

Littmann: Sehr schwierig. Tierversuche sind immer noch ein schnelles und geeignetes Mittel, um die akademische Karriereleiter heraufzuklettern. Viele Professoren, Chefärzte und sonstige Personen in hohen Positionen, haben sich selbst unter anderem durch Tierversuche nach oben gebracht. Diese Leute nehmen Kritik an Tierversuchen dann häufig als Kritik an sich selbst auf, was die Sympathie für die kritisierenden Studenten oder Assistenzärzte durchaus schmälern dürfte. Dass dies wiederum Nachteile für diese haben kann, weswegen die aufstrebenden Wissenschaftler dann lieber schweigen und sich den vorherrschenden Strukturen fügen, kann man sich denken. Es regt sich aber auch intern Widerstand und so gibt es einige Studentengruppen, die sich für ein tierleidfreies Studium einsetzen, wie zum Beispiel SATIS. Und auch die Ärztekammer Baden-Württemberg betont, dass nicht alle heute gesetzlich vorgeschriebenen Tierversuche notwendig seien.

Zum Thema "Tierversuche bei Haustierprodukten" hält Melanie Littmann am Mittwoch, 26. April, im Bistro deVinos im Steinweg 3-4 einen Vortrag in Jena.