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Wider dem Vergessen – Ehrendoktorwürde für Müller und Borodziej

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Foto: Jan-Henrik Wiebe
  • Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Jena für Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller und Osteuropa-Historiker Włodzimierz Borodziej
  • Beide setzen sich für die Aussöhnung von Deutschland und Osteuropa ein und erinnern an Schrecken der Diktaturen

Herta Müller hat einen großen Vorrat an Worten, nicht nur im Geist, sondern auch materiell. Als Schnipsel. Manchmal muss die Literatur-Nobelpreisträgerin nach einem Wort suchen, findet dann ein anderes interessantes und fügt es in ihre Wort-Collage ein, erklärt Müller am Dienstagabend in der Universität Jena. Hier wird ihr mit dem Titel der Ehrendoktorin eine der höchsten Ehren verliehen, die eine Bildungseinrichtung für besonders herausragende Leistungen verleihen kann.

Neben ihr steht bei der Verleihung der polnische Historiker Włodzimierz Borodziej. Auch er hat sich aus Sicht der Universität für die Ehrendoktorwürde verdient gemacht. Die Laudatio für ihn hält Gesine Schwan, Professorin für Politikwissenschaft und ehemalige Präsidentin der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder).

Fotos: Ehrung für Herta Müller und Włodzimierz Borodziej in Jena

Engagement für deutsch-polnische Aussöhnung

Gemeinsam haben Müller und Borodziej, dass sie gegen das Vergessen an die kommunistischen Diktaturen in Osteuropa anschreiben. Die Schriftstellerin Müller in Form von Romanen und der Historiker durch wissenschaftliche Werke. Borodziej war von 2010-2016 Co-Direktor des „Imre Kertész Kollegs Jena“ und ist noch heute dem Kertész-Kolleg als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats verbunden. Er wird ausgezeichnet „für seine herausragenden wissenschaftlichen Beiträge zur Geschichte Polens und Deutschlands in Europa und seine besonderen Verdienste um die zeithistorische Forschung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena“, so der Text der Promotionsurkunde.

Der produktive Wissenschaftler, der fließend Deutsch spricht, ist ein exzellenter Kenner der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sein Werk und sein Wirken haben einer europäischen Geschichtskultur den Weg gewiesen. Borodziejs Interesse geht aber über historische Betrachtungen hinaus. Der 60-Jährige engagiert sich für die deutsch-polnische Aussöhnung und ein grundlegendes Verständnis der beiden Staaten im Prozess der europäischen Einigung.

Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur

Für ein grundlegendes Verständnis zwischen Deutschland und Osteuropa, genauer Rumänien beziehungsweise dem Banat, setzt sich auch Herta Müller ein. Die in Rumänien geborene Autorin, die 1987 vor den Repressionen des Ceausescu-Regimes nach Deutschland geflohen ist, hat in ihren Werken, Essays und engagierten Reden die komplexen Unterdrückungsmechanismen einer kommunistischen Diktatur aufgeschlüsselt und damit für das Schicksal politisch unterdrückter Menschen sensibilisiert. Die Ehrendoktorwürde wird der 63-Jährigen verliehen „in Anerkennung ihres umfangreichen literarischen Schaffens sowie ihres intensiven Engagements für die Auseinandersetzung mit den Grausamkeiten, die Menschen ihren Mitmenschen antun. Damit hat sie in sprachlich eindrucksvoller Weise einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis der Situation politisch verfolgter Menschen in totalitären Regimen geliefert“.

Die 2009 für ihre sprachgewaltigen Werke über die Folgen der kommunistischen Diktatur in Rumänien mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnete Autorin streite für die Würde und Identität des Menschen und reflektiere zugleich die Bedeutung und Reichweite von Sprache, betont Prof. Dr. Stefan Matuschek, Dekan der Philosophischen Fakultät. Und – für eine Universität nicht unwichtig – „Herta Müller wirft immer wieder von neuem grundlegende Fragen der Literatur auf und gibt der Literatur- und Kulturwissenschaft wichtige Impulse“. Dies bewies Müller bereits 1994, als sie im Rahmen der „Jenaer Poetik-Vorlesungen“ über „Das Ticken der Norm“ und die Mechanismen der Diktatur und ihrer unmenschlichen Auswirkungen sprach.