Experte aus Jena: Ja, Deutschland hat Problem mit gewaltbereiten Linken

Foto: imago/Future image

Die Chaostage beim G20-Gipfel in Hamburg haben gezeigt, dass die deutsche Polizei in manchen Situationen an ihre Grenzen stößt. Nun diskutiert Deutschland, ob linke Gewalt zu wenig beachtet wurde. Thüringen24 sprach deshalb mit dem Extremismusexperten und Leiter des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena, Dr. Matthias Quent, über den „Schwarzen Block", Gewalt in der extremen Linken und den Polizeieinsatz in Hamburg.

Herr Quent, hat Deutschland ein Problem mit gewaltbereiten Linken?

Ja. Diese Gewalt betrifft vor allem Großstädte wie Hamburg oder Berlin. Bedauerlicherweise gibt es auch in diesem Bereich wenig Forschung. Eine der wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen der 1. Mai-Krawalle in Berlin hat gezeigt, dass ein guter Teil der Gewalttäter gar keine politischen Ziele verfolgt, sondern die ritualisierten Gewaltausbrüche als Deckmantel und Rechtfertigung für die Lust an der Zerstörung funktionalisiert.

Nicht jeder von den Plünderern am Freitagabend im Hamburger Schanzenviertel war vermummt. Teilweise sollen sich die Menschen um iPhones gestritten haben. Das klingt nicht besonders links. Was waren das für Menschen, die im eigentlich alternativen Stadtviertel geplündert haben?

Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beurteilen. Ich habe die Eskalation der Gewalt zum Teil in Livestreams beobachtet und habe auch festgestellt, dass dort politische Transparente und Fahnen rar waren und viele eher normal gekleidete Jugendliche beteiligt waren. Ob es sich dabei um Schaulustige, Gewalttäter oder Plünderer mit egoistischen Motiven oder auch um "verkleidete" Linke handelt, ist schwer zu sagen. Aber es scheint sich auch die Hamburger alternative Szene zumindest nicht dagegen gewehrt zu haben, dass ihr Viertel verwüstet wird.

Warum zerstören Menschen Kleinwagen und scheinbar alles, was ihnen in den Weg kommt? Ist das eine typisch linke Militanz?

Typisch ist, dass sich Gewalt im Kontext von linken Protesten vor allem gegen Gegenstände richtet. Scheiben von Banken werden zum Beispiel eingeworfen als eine stellvertretende Botschaft gegen den Kapitalismus. Mülltonnen oder auch Autos werden angezündet, um polizeiliche Maßnahmen zu erschweren. Insofern verfolgen diese Straftaten in den Augen der Täter eine eigene Rationalität. Die Bilder etwa aus der Hamburger Elbchaussee, wo willkürlich Autos in Brand gesetzt wurden, finde ich extrem verstörend und untypisch - das passt eher zu einer reinen Freude an der Gewalt beziehungsweise zur Nihilisierung des Politischen, wie es bei den sogenannten Chaostagen der Punksubkultur in den 80er und 90er Jahren zu erleben war, als zu politisch motivierten Taten.

Wurde das Gewaltpotenzial mancher Demonstranten von der Polizei unterschätzt?

Den Eindruck habe ich nicht. Die Polizei hatte sich nach eigenen Angaben intensiv auf Auseinandersetzungen mit bis zu 8000 erwarteten gewaltbereiten Demonstranten vorbereitet. Letztlich haben dann 1500 Gewalttäter gereicht, um das Schanzenviertel zu verwüsten. Mein Eindruck ist, dass man die Krawallmacher bewusst im linken Szeneviertel gebündelt randalieren ließ und erst spät eingegriffen hat. Die destruktive Willkür der Gewalt gegen Einkaufsläden und Privatfahrzeuge, die Plünderungen und Zerstörung transportieren außer der Gewalt als Selbstzweck keine politische Botschaft. Solche Verbrechen sind kaum vorhersagbar und zu verhindern.

Hat die Polizei dann richtig gehandelt, als sie die „Welcome to hell“-Demonstration wegen Vermummung auflöste?

Nein, ich halte das für eine unverhältnismäßige Provokation und Eskalation dieser Demonstration am Donnerstagabend, zumal Medienberichten zu Folge die Mehrheit der Teilnehmenden der Aufforderung, die Vermummung abzulegen, bereits nachgekommen war. Klar ist aber auch, dass diese Provokation der Polizei die Gewalteskalation vom Freitag nicht rechtfertigt.

Was ist der Schwarze Block", den man dort auf der Demonstration sehen konnte?

Zunächst eine Bezeichnung für uniform-schwarz gekleidete Demonstranten, die über ihre schwarze Kleidung Zusammengehörigkeit demonstrieren. Die einheitliche Kleidung soll vor Strafverfolgung, vor Pressedarstellung und häufig gerade in Thüringen auch vor einer Identifizierung durch Neonazis schüzten. Nicht zuletzt ist es eine Art subkultureller Stil, den man auch bei unpolitischen Jugendlichen oder bei Ultras in Stadien findet. Im Zusammenhang mit den Protesten in Hamburg werden darunter vor allem linke Autonome und Gewalttäter bezeichnet.

Was für Menschen machen dort mit?

Über die sozialstrukturelle Zusammensetzung des Schwarzen Blocks" ist mir keine seriöse Untersuchung bekannt. Vor einigen Jahren haben wir an der Universität Jena Interviews mit einigen linken Antifa-Aktivisten durchgeführt, die die Medien bei Demonstrationen vielleicht als schwarzen Block bezeichnen würden. Das waren alles Studierende aus der Mittelschicht. Es handelt sich dabei vor allem um eine großstädtische Protesterscheinung, das kann also in Hamburg und gerade im Kontext von Weltereignissen wie dem G20-Gipfel anders aussehen.

Haben diese Menschen auch politische Ziele oder geht es ihnen nur um den Akt beziehungsweise das Erlebnis der Gewalt?

Die individuellen Motivationen in linken sozialen Bewegungen sind ebenso unterschiedlich wie ihre politischen Ziele. Bei zehntausenden friedlichen linken Protestteilnehmenden in Hamburg standen sicher die politischen Ziele im Vordergrund. Unter den hunderten Gewalttätern waren zum einen solche, die der Meinung sind, durch die Ausübung von Gewalt eine größere mediale Öffentlichkeit für ihre politische Kritik und das Ziel, den Gipfel zu behindern, erreichen zu können als durch gewaltfreie Proteste. Zum anderen sehen vor allem Anarchisten die gewaltsame Zurückdrängung des staatlichen Gewaltmonopols als politischen Akt und Ziel zugleich - das ist für die Demokratie in mehrfacher Hinsicht ein Problem. Aber das ist eine sehr kleine Gruppe. Die Wahrnehmung, dass die Polizei unverhältnismäßig und brutal vorgegangen sei, sorgt zudem für ein Gefühl der Ohnmacht und dafür, dass Gewalt als eine Form von Widerstand oder auch Verteidigung akzeptiert oder sogar als notwendig erachtet wird. Hinzu kommt, dass ritualisierte Konflikte, die Gewalt wahrscheinlich und legitim erscheinen lassen, Menschen anziehen, denen es vor allem um Gewaltausübung und -erfahrung geht.

Laut Berichten waren auch viele Demonstranten aus anderen Ländern nach Hamburg gekommen. Haben Demo-Touristen ein höheres Gewaltpotenzial nach Hamburg gebracht, als von den Behörden erwartet?

Die Protestkulturen in vielen europäischen Ländern, etwa in Frankreich, Italien oder Griechenland, sind deutlich militanter als in Deutschland. Hierzulande kommt es zum Glück fast nie vor, dass Polizeibeamte mit Brandsätzen angegriffen werden - das ist längst nicht überall so. Aus meiner Sicht greift jeder eindimensionale Erklärungsansatz zu kurz: Vor allem die undurchsichtige Gemengelage aus der kaum einschätzbaren Gewaltbereitschaft zugereister Autonomer im Zusammenspiel mit deutschen Demonstranten, dem Agieren von Schaulustigen und die besondere räumliche und soziale Zusammensetzung in Hamburg machten die Situation so unübersichtlich. Letztlich war es vollkommen unverantwortlich, diesen Gipfel, der ja kein verfassungsmäßiges oder demokratisches Gremium ist, um jeden Preis ausgerechnet in Hamburg stattfinden zu lassen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte, dass die Randalierer sich seit zwei Jahren auf den G20-Gipfel vorbereitet hätten. Brauchen gewaltbereite, erfahrene Chaoten wirklich so lange, um sich auf so eine Veranstaltung vorzubereiten?

Das glaube ich zumindest hinsichtlich der Vorbereitung konkreter Gewalttaten nicht, wie beim Anzünden von Autos oder der Plünderung, denn dies entsteht aus situativen Möglichkeiten und Eskalationsdynamiken und nicht auf Grundlage gezielter Vorbereitung konkreter Objekte. Daher halte ich auch Terrorismusvergleiche für eine völlig falsche Analyse: Kollektive, scheinbar willkürliche, urbane Massenmilitanz in Konfrontationssituationen sind etwas anders als zielgerichtete Botschaftstaten. Dass man sich aber allgemein auf die Logistik des Gipfels und mögliche Konfrontationen mit der Polizei vorbereitet hat, ist offensichtlich.

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