Schulz ohne Feingefühl in Jena: Redeverbot über Flüchtlinge?

Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz besuchte am 8. August 2017 das Mehrgenerationenhaus in Jena.
Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz besuchte am 8. August 2017 das Mehrgenerationenhaus in Jena.
Foto: Jan-Henrik Wiebe
  • Wollte Kanzlerkandidat Martin Schulz in Jena nicht über Flüchtlinge sprechen?
  • Bewohner des Mehrgenerationenhauses wurden offenbar im Vorfeld schriftlich unterrichtet
  • Auch sonst hat sich der SPD-Politiker nicht gerade mit Ruhm bekleckert

Sitzt hier der zukünftige Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland oder doch nur ein Mann aus Brüssel, der schon bald wieder aufs Abstellgleis fährt? Mitten im Jenaer Plattenbaugebiet Lobeda-Ost besuchte der SPD-Bundeskanzlerkandidat Martin Schulz am Dienstagnachmittag das Mehrgenerationenhaus der Arbeiterwohlfahrt Jena-Weimar (Awo). Hier will der ehemalige Präsident des EU-Parlamentes über Rente, Pflege und das Zusammenleben verschiedener Generationen reden. Andere Themen, wie etwa Flüchtlinge, mit denen die Awo auch zu tun hat, sind nicht erwünscht.

Schulz-Besuch sorgt für Irritationen

Warum nicht über Flüchtlinge? Einige ältere Bewohnerinnen sind sichtlich irritiert: Sie waren vorab schriftlich gebeten worden, die Themen Flüchtlinge und Migration nicht zu thematisieren, "da bei diesem Besuch die anderen Themen im Fokus stehen sollen." Diskussion nur, wenn es nicht zu kritisch wird? Auch entwich der SPD-Politiker einer Diskussion über das Thema Krim mitsamt des pro-russischen Appeasment-Vorschlags von FDP-Chef Christian Lindner.

Anweisung von ganz oben aus Berlin

Die SPD weist den Verdacht eines Redeverbots sofort zurück. "Es ist selbstverständlich, dass die Bewohner mit Martin Schulz über alles sprechen können", sagt ein Sprecher. Schulz selbst setzte sich zu den Damen an den Tisch: "Ich hätte Ihnen keinen Zettel gegeben." Versöhnt wirken sie danach nicht gerade. Später heißt es, Schulz sei empört wegen des Zettels. Erst vorletzte Woche ist er dem Thema Flüchtlinge nicht aus dem Weg gegangen, sondern hätte es mit einem Besuch auf Sizilien ganz bewusst auf die Tagesordnung gesetzt. Nach der Runde mit den Senioren redet er mit seinen Beratern und wirkt dabei verärgert.

Bloß nicht die Themen vermischen

Frank Albrecht, der Vorstandsvorsitzende der AWO Jena-Weimar, erklärt: Man habe über Flüchtlinge und Integration sprechen wollen, da das auch ein wichtiges Arbeitsgebiet sei. Aber "Berlin" habe nein gesagt - denn das Thema sei so wichtig, dass man es in dem nur eineinhalbstündigen Besuch nicht mit den anderen vermischen wolle.

Politisches für das Volk herunterbrechen

Gerne redet Schulz aber über soziale Gerechtigkeit. Rainer Herzog, ein Bewohner des Mehrgenerationenhauses, sagt: "Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Das macht mir wirklich große Sorgen." Routiniert antwortet der Politiker, grenzt sich von Merkel ab und erklärt, wie er wirklich hohe Einkommen mehr besteuern möchte. Politische Themen einfach für das Volk vermitteln. Ja, das kann der Herr Schulz von der SPD.

Geduldsprobe wegen eines Streuselkuchens

Nur an einem mangelt es ihm: dem Gespür für die Situation. Drei kleine Kinder warten brav mit ihrer Mutti, um dem SPD-Mann einen selbstbemalten Fußball zu überreichen. Ein Berater spricht Schulz von der Seite an und fragt, ob er ganz kurz unterbrechen darf: "Wir haben hier besondere Gäste, die haben noch andere Termine, die müssen noch weg", so der Berater und wird von Schulz unterbrochen. "Ich bin auch ein besonderer Gast und esse jetzt ein Stück Streuselkuchen", brummt der Kanzlerkandidat.

Volksnah oder doch eher selbstabsorbiert?

Was bodenständig wirken sollte, geht voll nach hinten los. Erst als er erneut auf die vier bis fünf Jahre alten Kinder neben ihm hingewiesen wird, dreht sich Schulz um. Überraschend herzlich widmet er sich nun den Jüngsten aus der Kita des Hauses und nimmt den Fußball als Geschenk an.

PR-Team zeigt, wie Schulz gesehen werden soll

Video zeigt den echten SPD-Kanzlerkandidaten

Martin Schulz in Jena

Martin Schulz in Jena

Der Kanzlerkandidat ohne Fingerspitzengefühl

Schöne Bilder mit Kindern, Senioren und einem Bundeskanzlerkandidaten zum Anfassen sollten entstehen. Was bleibt, ist aber der Eindruck von einem merkwürdigen Mann, der zwar politische Themen gut vermitteln kann und dabei einen sehr kompetenten Eindruck macht, jedoch kein Gespür für die Situation und gerne mal einen lockeren Spruch auf der Zunge hat. Das Stück Streuselkuchen in Jena und die plötzliche Wortkargheit zum Flüchtlingsthema könnten ihm noch Probleme bereiten.