Arm und Reich: So gespalten sind Thüringens Städte

Foto: In Thüringens Großstädten leben arme Menschen immer häufiger in Stadtteilen unter sich. In Erfurt ist die Lage besonders schwierig. (Archivfoto) / Martin Schutt/dpa
  • Spaltung in Thüringens Großstädten nimmt zu
  • Arme Menschen bleiben immer häufiger unter sich
  • Lage in Erfurt spitzt sich zu

In den großen Städten Thüringens leben immer seltener Arm und Reich nebeneinander. Vor allem in Erfurt hat sich die Situation in den vergangenen Jahren weiter verschärft. Zu dem Ergebnis kommt eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).

Umfrage zur Wohnsituation in Thüringen:

Starke soziale Trennung in Erfurt, Jena und Weimar

Demnach ist der sogenannten Segregationsindex in Thüringens Landeshauptstadt höher als in den meisten anderen Metropolen Deutschlands (38,9 im Jahr 2014). Ähnliche Zahlen weisen auch Weimar (37,5) und Jena (31,8) auf. Zum Vergleich: Offenbach in Hessen rangiert mit einem Wert von 10,0 am unteren Ende der Tabelle. Der Segregationsindex gibt Auskunft darüber, wieviel Prozent von Hartz-IV-Beziehern eigentlich in einem anderen Stadtteil wohnen müssten, um gleichmäßig verteilt in einer Stadt zu leben.

Historisch beispiellose Spaltung in ostdeutschen Städten

Im Klartext: Ärmere Menschen wohnen immer häufiger in Vierteln unter sich, während sie vom reicheren Teil der Bevölkerung zunehmend räumlich getrennt leben. „Dieses Niveau kennen wir bisher nur von amerikanischen Städten“, sagt Marcel Helbig, neben Stefanie Jähnen einer der Autoren der Studie. Es sei außerdem „historisch beispiellos“, wie sehr die Spaltung in Ostdeutschland binnen weniger Jahre zugenommen habe: in Erfurt pro Jahr um etwa 2,5 Prozent, in Jena und Weimar um etwa 2,4 Prozent. Die Thüringer Städte liegen damit deutlich über den bundesweiten Durchschnitt.

Plattenviertel werden zu sozialen Brennpunkten

Die Ursachensuche führt die Forscher bis zurück zum Zweiten Weltkrieg. Dresden und Magdeburg seien damals großflächig zerstört worden, weisen heute aber eine im Vergleich zu anderen ostdeutschen Städten eher geringe Segregation auf. Nach 1945 wurden dort Neu- und Plattenbauten ausgewogener verteilt, während entsprechende Siedlungen in Erfurt oder Jena vorrangig am Stadtrand entstanden. Nach der Wende wurden sie dann zu sozialen Brennpunkten, wie es beim WZB heißt.

Sozialwohnungen, wo die Armen wohnen

Ob neue Sozialwohnungen Abhilfe schaffen könnten, dazu liefert die Studie keine endgültigen Daten. Nachweisbar ist, dass es Sozialwohnungen allerdings vor allem in den Stadtteilen gibt, wo ohnehin schon die meisten Armen leben. „Das bedeutet aber nicht, dass der soziale Wohnungsbau die soziale Segregation nicht wirkungsvoll eindämmen kann“, lautet das Fazit der Forscher. Stefanie Jähnen: „Das Ideal einer sozial gemischten Stadt ist schon lange dem Ziel gewichen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.“