Kahla als Nazi-Hochburg? Anwohner wehrt sich: „Alles alte Vorurteile“

Kahla galt Jahrelang als Nazi-Hochburg – ein Mann aus Jena ist anderer Meinung.
Kahla galt Jahrelang als Nazi-Hochburg – ein Mann aus Jena ist anderer Meinung.
Foto: imago images / Gerhard Leber; Privat (Montage: Thüringen24)

Kahla. Sprüche wie „Rechtsradi-Kahla“ über „Huren-Kahla“ kennt Felix B. aus Jena nur zu Hauf. Denn die Kleinstadt mit knapp 6800 Einwohnern ist als Nazi-Hochburg bekannt. Doch der 22-Jährige, der im Vorstand des Handballvereins in Kahla sitzt, wehrt sich.

Vergangene Woche hat Thüringen24 über die Stadt Kahla in der Nähe von Jena und ihre Vergangenheit berichtet. Dort wurde 1944 ein Stollen umgebaut, in dem Zwangsarbeiter Panzer, Flugzeuge, Waffen und Munition herstellten.

Kahla: „Mittlerweile merkt man keinen Rechtsextremismus mehr“

Die Männer überlebten die extrem anstrengende Arbeit (12 Stunden täglich) und die dafür sehr spärlichen Mahlzeiten nicht. Nach etwa 60 bis 80 Tagen starben die Arbeiter. So verloren Tausende Menschen ihr Leben. Den kompletten Bericht liest du hier <<<

Auch heute noch gilt Kahla als Nazi-Hochburg. In der „Burg 19“, ein heruntergekommenes Eckgebäude im Zentrum, gegenüber der St. Margarethen Kirche, sollen sich laut einem Bericht des Spiegels von 2018 Neo-Nazis angesiedelt haben. Regelmäßig soll es dort zu Gewalt gegen Migranten kommen.

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Das ist Kahla:

  • Kahla ist eine Kleinstadt im mittleren Saaletal, südlich von Jena
  • 6795 Menschen leben dort (Stand Dezember 2019)
  • Bürgermeister ist Jan Schönfeld
  • 1843/44 begann in Kahla die Porzellan-Herstellung
  • Noch heute ist der Ort dafür bekannt
  • In der Leuchtenburg ist das Deutsche Porzellan-Museum verankert

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Doch davon hat Felix bisher nichts mitbekommen. Er hat sich bei Thüringen24 gemeldet, um seine Sicht der Dinge zu schildern.

Seit vier Jahren ist der 22-Jährige gebürtige Eisenberger in Kahla, um dort seiner Leidenschaft, dem Sport, nachzugehen. Er ist im Vorstand des Handballvereins Kahla SV 1999. Die typischen Sprüche über die Kleinstadt kennt er nur zu gut.

Er hat jedoch ganz andere Erfahrungen gemacht und will die Menschen dort verteidigen. „Das sind wahrscheinlich alles alte Vorurteile, die vor 25 Jahre mal der Wahrheit entsprochen haben. Mittlerweile merkt man aber keinen Rechtsextremismus mehr“, beschreibt er seine subjektive Wahrnehmung.

Auch die „Burg 19“ ist ihm unbekannt, obwohl er regelmäßig dort entlanggeht. Von Anfeindungen gegen andere Einwohner habe er auch nichts mitbekommen. Doch die Vorurteile sind offenbar fest in den Köpfen der Menschen in anliegenden Städten verankert.

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Kahla: Syrer wurde in Rostock angefeindet und zieht nach Jena

So erzählt Felix auch von einem Mitte 20-jährigen Syrer, der seit einem halben Jahr Torhüter seiner Mannschaft ist. „Er ist seit einem Jahr in Deutschland und hat zuerst in Rostock gelebt. Weil er dort öfter angefeindet wurde, zog er nach Jena.“

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Seitdem fühlt er sich wie zu Hause und wird in Ruhe gelassen. Stolz ist Felix auch auf den Trikot-Sponsor seines Vereins: Ein Dönerladen-Besitzer aus Kahla mit Migrationshintergrund. „Wir gehen dort nach unseren Spielen öfter mal essen. Es ist ein freundschaftliches Verhältnis.“

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Die Abnahme der Rechtsradikalität in Kahla spiegelt sich auch in den Wahlen wieder. So erreichte zum Beispiel die NPD bei den Landtageswahlen von 2019 gerade einmal 1 Prozent mit 31 von 3216 abgegeben Stimmen und 5575 Wahlberechtigten. Jedoch räumte die AfD mit 826 Stimmen ganze 26 Prozent ab. Stärkste Kraft wurde aber die Linke mit 1069 Stimmen und 33,7 Prozent.