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Der Stockmacher: Ein Geier für Herrn Geyer

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Ein Geier ziert den persönlichen Wanderstock von Michael Geyer - was sonst. Foto: Sibylle Klepzig

Stockmacher Michael Geyer ist einer der ­letzten seiner Zunft in ­Deutschland. Bis zu 70.000 Gehstöcke ­fertigt seine kleine Manufaktur im eichsfeldischen Werratal Jahr für Jahr – für Menschen auf der ganzen Welt. Sogar Bundes­kanzlerin Angela Merkel besitzt ein handgemachtes Exemplar aus dem Familienbetrieb im Dörfchen Lindewerra.

Diese Zahlen verraten mehr über das seltene Handwerk:

4 Kategorien verdeut­lichen: Stock ist nicht gleich Stock. „Wir fertigen Wander-, Gesundheits-, Jagd- und Spazierstöcke – und jede Art muss eine spezielle Aufgabe erfüllen“, betont Michael Geyer. Beim Wanderstock zum Beispiel steht der Nutzwert im Vordergrund, beim Spazierstock die Optik.

50 Prozent der Produk­tion ­machen die Wanderstöcke aus. Etwa 35.000 Stück davon – klassisch gebogen, als Wurzel- oder Knaufstock – verlassen jährlich die Manufaktur. „Auch Angela Merkel hat einen von uns bekommen“, plaudert Geyer aus. „Es ist ein etwas längerer Stock mit Horngriff – was Praktisches zum Wandern.“

7 Jahre ist es her, dass ­Michael ­Geyer den ­Familienbetrieb in der 5. ­Generation übernahm. Der heute 45-Jährige ­hatte schon als Kind seinem Großvater und Vater in der Werkstatt geholfen. Weil Stockmacher kein Ausbildungsberuf mehr ist, lernte er Tischler, um die Tradition fortzuführen.

15 Länder werden mit Stöcken aus Lindewerra beliefert. Auch England. „Dort trägt man den Spazierstock noch gern als modisches Utensil“, freut sich Geyer. Er bedauert: „Hierzulande ist er leider zum Zeichen für Alter und Gebrechlichkeit geworden. Vergessen die Zeiten, in denen feine Herren nie ohne Hut und Stock aus dem Haus gingen.“

32 Arbeitschritte braucht die Verwandlung des Rohlings in ein attraktives Wanderrequisit. Noch immer bedeutet das für Michael ­Geyer und seine zwei Mitarbeiter vor allem ­Handarbeit. Sie waschen, dämpfen, ­biegen, richten und trocknen das Holz. Sie schleifen, fräsen und sägen. Der Manufaktur­chef greift zum Brenner: „Jetzt kommt Farbe ins Spiel.“ Mal wird geflammt, mal gebeizt. Ist die Verzierung perfekt, wird zweimal lackiert.

30 Minuten wird das Holz über siedendem Wasser gedämpft, bis es sich leicht biegen lässt. „Für den klassischen Wanderstock verarbeiten wir Kastanienholz aus Spanien und ­Südengland“, erklärt Michael Geyer. „Das ist glatt und leicht, aber trotzdem stabil.“ Das Biegen des Stockes übernimmt eine Maschine.

1 Geier für ­einen ­Geyer: Der Stockmacher schuf sich sein ganz persönliches Unikat und möchte es nicht mehr missen. „Beim Wandern ist der Stock eine echte Erleichterung, ich kann mich wunderbar darauf stützen.“ Die Begeisterung für Nordic-Walking-Stöcke kann er nicht teilen. „Ein Stock aus Holz ist doch etwas Individuelles, Einzigartiges.“

180 Jahre liegt es zurück, dass sich der erste Stockmacher in Lindewerra niederließ. In der Blütezeit gab es mehr als 30 Betriebe. Heute ist Michael Geyer der letzte seiner Zunft im Ort. Und einer der zwei letzten in Deutschland. Nur im Nachbarort Wahlhausen gibt es noch einen Stockproduzenten.

Termin 11. Juni

  • 180 Jahre Stockmacherhandwerk in Linde­werra –das wird am 11. Juni von 10.30 bis 18 Uhr gefeiert.
  • Das Stockmachermuseum öffnet die Türen. In und um den Museumshof lädt das Dorf im Eichsfeld zum Handwerkermarkt mit traditionellen Gewerken und regionalen Spezia­litäten ein.
  • Infos: www.lindewerra.de, www.stockmacher.de