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Todesfalle Baggersee: Darum ist wildes Baden so gefährlich

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Kiesgrube Leubingen: Hier verunglückte Ende Mai ein 17-Jähriger. Foto: Imago

Tödliche Badeunfälle sind auch in Thüringen leider keine Seltenheit. Häufig kommt es in Baggerseen zu schweren Unglücken. Schwimmmeister Jörg Kaiser von der DLRG in Sömmerda hat 26 Jahre Berufserfahrung. TH24 wollte wissen: Was macht die Kiesseen so gefährlich?

Welche Arten von Seen sind beim Baden gefährlich?
Baggerseen, in denen mit großem Gerät abgebaut wurde, sind gefährlicher als natürliche Gewässer. Oft geht es dort wenige Meter flach rein, aber dann wird es plötzlich richtig tief. Das wird von manchen Badegästen unterschätzt. Neben den Baggerseen bergen diejenigen besondere Gefahren, die einen großen Zu- oder Ablauf haben und in denen sich dadurch Strömungen bilden. Liegen Zu- und Ablauf sich gegenüber, ist die Strömung eher mittig, liegen sie auf der gleichen Seite an den Rändern, zieht sich die Strömung am Ufer entlang.

Warum darf man am Nordstrand in Erfurt oder in Leubingen – beides Kiesseen – baden, aber an benachbarten Baggern nicht?
Dafür gibt es nicht nur eine Erklärung: Baggerseen unterliegen dem Bergbaurecht. Oft müssen Baggerseen erst lange stehen, damit das Ufer wieder fest wird, beispielsweise durch Pflanzenbewuchs, denn die Wurzeln halten das Erdreich. Sonst kann es passieren, dass plötzlich ein Kante abbricht. Außerdem sind viele Baggerseen Privateigentum oder gepachtet. Dort wollen weder Besitzer noch Eigentümer die Haftung übernehmen und erlauben das Baden nicht. Offizielle Badegewässer unterliegen der Überwachung, so dass in Notfällen ein Rettungsschwimmer vor Ort ist.

Was kann passieren, wenn man alleine auf den See hinaus schwimmt?
Eine der häufigsten Ursachen für Unfälle ist, dass Menschen ihre Kräfte überschätzen. Sie schwimmen zu weit raus und ihnen fehlt die nötige Kraft für den Rückweg, oder sie bekommen Krämpfe unterwegs. Was einige dabei nicht bedenken: Weiter draußen ist das Wasser kälter, die Muskeln brauchen mehr Energie, um die Körpertemperatur aufrecht zu erhalten. Wer lange Strecken schwimmen möchte, sollte das lieber parallel zum Ufer machen, statt von einer Seite zur anderen. Da ist die Distanz zum Ufer kleiner und man kann trotzdem länger schwimmen.

Eltern und Großeltern warnen ja immer davor, überhitzt ins Wasser zu springen. Eine Legende oder ist da etwas dran?
Das lernt eigentlich jedes Kind, dass man das nicht machen sollte. Die Gefäße ziehen sich zusammen und der Blutdruck steigt plötzlich an. Herzinfarkt oder Schlaganfall können die Folge sein. Besonders gefährlich ist das Springen vom Boot in der Mitte eines Sees. Unter der warmen Oberflächenschicht kommt schnell kaltes Wasser, das diesen Effekt verstärkt. Unter Alkoholeinfluss werden viele Menschen zudem leichtsinnig, überschätzen ihre Kräfte, die Sprunghöhen und Distanzen. Dazu kommt ein Flüssigkeitsentzug durch den Alkohol und dadurch eine schlechtere Temperaturregelung im Körper.

Wie kühle ich richtig ab?
Die Dusche ist die beste Variante. Dort, wo es keine gibt, sollte auf jeden Fall ein langsamer Einstieg erfolgen. Zunächst bis zum Oberschenkel und danach zuerst die Arme nass machen, dann Gesicht und zuletzt den Oberkörper.

Welche Personen sind besonders gefährdet?


Bei einem freien Gewässer, wie einem See, sind es Kinder, weil ihre Unsicherheit größer ist. Kinder unterschätzen Distanzen und ein Gewässer mit Wellen ist etwas anderes, als eine stille 25-Meter-Bahn im Schwimmbad. Mehr Risiko besteht auch für ungeübte Schwimmer, die nur selten schwimmen gehen. Viele sind es zudem aus dem Schwimmbecken gewohnt, dass es immer eine Kante zum Festhalten gibt, die besitzen Seen aber nicht. Zu den Risiko-Gruppen zählen zudem ältere Personen und welche mit Herz-Kreislauf-Problemen.

Welche Badeunfälle sind problemlos vermeidbar?
Unbekannte Gewässer: Dort bitte niemals einfach reinspringen. Man kennt den Untergrund und dessen Tiefe nicht. Muss man im Notfall doch mal in ein unbekanntes Gewässer, sollte man nie mit dem Kopf zuerst springen. Wenn, dann mit den Beinen. Zu weite Strecken vermeiden, wenn man nicht ein wirklich geübter Schwimmer ist und sich vorher richtig abkühlen. Wenn möglich, einen bewachten Strand nutzen, die sind geprüft. Wir von der DLRG haben beispielsweise in Leubingen die Kiesgrube erst am Badestrand abgetaucht, um Gefahrenquellen auszuschließen.

Ist was dran, dass man mit vollem Magen nicht schwimmen gehen soll?
Das lernt man mit den „Baderegeln“ schon in der Schule. Einiges an Blut wird für die Verdauung gebraucht, was den Körper insgesamt schwächt, denn das Blut fehlt in den Muskeln. Es kann zu einer Überlastung kommen. Außerdem passiert es beim Reinspringen gelegentlich, dass Leute sich erbrechen durch den plötzlichen Druck auf den Magen. Im Wasser kann das aber sehr gefährlich werden, weil man sich garantiert dabei verschluckt.