Schulkinder können oft nicht richtig sprechen

Kinder haben auch im Schulalter oft Probleme mit dem Sprechen. (Symbolbild)
Kinder haben auch im Schulalter oft Probleme mit dem Sprechen. (Symbolbild)
Foto: dpa

Ein zu geringer Wortschatz, Lispeln, Stottern - Schulkinder haben oft Sprachprobleme. Lehrer und Sprachtherapeuten sehen Handlungsbedarf.

Gegen Schulprobleme aufgrund von Sprachdefiziten bei Kindern könnte nach Einschätzung von Lehrern und Logopäden in deutlich mehr getan werden. „Wir beobachten seit vielen Jahren eine Zunahme dieses Problems“, sagte der Landesvorsitzende des Thüringer Lehrerverbands (TLV), Rolf Busch, auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Zu spät gestellte Diagnosen, tiefgreifender Personalmangel und Bürokratie seien große Hürden.

Irreführende Zahlen

Offiziellen Zahlen zufolge ist der Förderbedarf wegen Sprechproblemen bei Kindern im Freistaat leicht rückläufig. Während laut Bildungsministerium im Schuljahr 2015/16 noch 1050 Schülerinnen und Schüler gefördert werden mussten, waren es im aktuellen Schuljahr rund 980. Aussagekräftig seien diese Zahlen jedoch wenig, warnte Busch. „Seit Einführung der Inklusion wird in den ersten Schuljahren nicht mehr richtig diagnostiziert.“ Rückläufige Zahlen seien deshalb wenig verwunderlich.

Förderung statt Feststellung von Defiziten

Zumindest für den frühkindlichen Bereich bestätigt das Bildungsministerium diese Auffassung: Spezielle diagnostische Verfahren zur Analyse des Sprachvermögens seien in dieser Zeit nicht vorgesehen. Bereits der Begriff „Sprachdefizit“ laufe dem aktuellen pädagogischen Ansatz zuwider. „Es geht im frühkindlichen Bereich nicht um die Feststellung von Defiziten, sondern um die Förderung der jeweiligen Stärken der Kinder“, sagte Sprecher Frank Schenker.

Logopädische Therapie wegen Lispelns und Stotterns

Der Lehrerverband und der Bundesverband der Logopäden (DBL) betonen hingegen, wie wichtig eine frühestmögliche Diagnose ist. „Je früher wir mit einer Sprachtherapie beginnen können, umso besser sind die Fortschritte“, sagte die Thüringer Landesverbandsvorsitzende des DBL, Nicole Beyer. Sie verwies auf den „Verordnungsgipfel“, der alljährlich im Zuge der Schuleingangsuntersuchungen entsteht: Während im vergangenen Jahr bei den bis Fünfjährigen rund 4400-mal eine logopädische Therapie verordnet wurde, waren es bei den Fünf- bis Zehnjährigen etwa 18.300 Rezepte etwa wegen Lispelns oder Stotterns.

Ärzte zurückhalten bei Sprachförderung

„Wir beobachten, dass viele Ärzte bei Kleinkindern sehr zurückhaltend mit Verordnungen für eine Sprachförderung sind“, sagte Beyer. Dabei sei es wichtig, Defiziten so früh wie möglich zu begegnen. Der DBL will Ärzte deshalb mit speziellen Informationskampagnen sensibilisieren. Eltern, die Sprachprobleme bei ihrem Kind vermuten, sollten zunächst Rücksprache mit den Kindergärten halten. Wenn sich der Verdacht so erhärte, sollten sie beim Arztbesuch auch auf ein Rezept drängen.

Sprache als Schlüssel

Wenn Sprachdefizite beim Schuleintritt behoben seien, erleichtere das den Schulalltag für die Kinder ungemein - auch in den Naturwissenschaften, sagte Busch. „Sprache ist der Schlüssel und die Grundlage für alles. Je früher man auf Probleme eingeht, umso weniger können sich diese verfestigen.“ Der Schritt hin zu mehr gemeinsam Lernen von Schülern mit und ohne Handicap sei zwar grundsätzlich richtig, in der aktuellen Form sei es aber eher ein Sparmodell, weil teure Förderschulen wegfielen. „Wenn wir die vielen an uns gestellten Aufgaben bewältigen sollen, brauchen wir dringend mehr Personal.“ Der Zugang zu Hilfsangeboten müsse einfacher werden, die Kommunikation zwischen Schule und Kindergärten dürfe nicht den Datenschutzvorschriften zum Opfer fallen.

In Familien wird immer weniger gesprochen

Einen der Gründe für die zunehmenden Sprachdefizite sehen Busch und Beyer in der Mediennutzung. „In den Familien wird immer weniger gesprochen, das gemeinsame Essen wird seltener“, sagte Busch. Bemerkbar mache sich das unter anderem in zunehmenden Grammatikproblemen. Vor allem das „Selbstsprechen“ sei von immenser Bedeutung, sagte Beyer. „Eltern sollten ihre Kinder viel fragen, sie erzählen lassen und zuhören.“ Es sei wichtig, dass sie lernten, eigene Gedanken in Worte zu fassen. „Je mehr das geübt wird, umso leichter wird es.“ Dabei sollte aber auch immer bedacht werden, dass sich Kinder unterschiedlich entwickeln - die nötige Geduld sei ebenso wichtig wie ein wachsames Auge.