Kommentar: Sprengstoff-Fund in Thüringen – Schweigen ist Silber, Reden wäre Gold

Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) steht nach dem Schweigen seiner Behörde zu den Sprengstoff-Funden in Thüringen in der Kritik. (Archivfoto)
Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) steht nach dem Schweigen seiner Behörde zu den Sprengstoff-Funden in Thüringen in der Kritik. (Archivfoto)
Foto: imago/Karina Hessland
  • Politik und Ermittler äußern sich kaum zu Sprengstoff-Funden in Thüringen
  • Opposition wirft Landesregierung Untätigkeit vor
  • Ultrarechte Kreise deuten Schweigen gar als Schuldeingeständnis
  • Im Kommentar erklärt Thüringen24-Redakteur Martin Kappel, warum Schweigen nicht immer Gold ist

Bei zwei Männern aus Thüringen werden verdächtige Chemikalien in nicht unerheblicher Menge und Sprengstoff gefunden. Einer von ihnen ist ein antifaschistischer Aktivist, erhielt stellvertretend für ein Demokratiebündnis einen Preis der Landesregierung. Und die Politik? Sie hat bis zuletzt überwiegend geschwiegen – und dem grassierenden Vorwurf, dass der Linksextremismus zu selten thematisiert werde, Vorschub geleistet. Thüringen24-Redakteur Martin Kappel kommentiert das unangebrachte Schweigen.

Sprengstoff-Razzia zunächst nur Randnotiz

Nur als Randnotiz tauchte am Dienstag die Razzia im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt in einem Online-Medium auf, das offenbar erst durch Hinweise auf den Fall aufmerksam wurde und nur auf Anfrage bei der Polizei Informationen erhielt. Fast zwei Tage sollten vergehen, ehe weitere Medien wie Thüringen24 davon erfuhren und der ganze Freistaat von den Sprengstofffunden sprach – und auch über den beschuldigten linken Aktivisten.

Passive Rolle der Ermittlungsstellen

Aus offizieller Sicht folgte wenig: Die verständliche Distanzierung des Demokratiebündnisses am Donnerstag, eine erste Pressemitteilung der Ermittler am Samstag, als sich das Landeskriminalamt den Vorgang ohne Nennung von Fakten auf den Tisch zog. So gut wie keine Statements der regierenden Parteien.

Interpretationen verselbstständigen sich

Dafür verselbstständigten sich die Interpretationen aus dem Gegenlager. Schnell keimte der Anfangsverdacht, man wolle linksextremistische Gefahren verharmlosen. Auf rechten Kanälen titelte man: „Friedensaktivisten planten Sprengstoff-Anschläge!“ Andere: „Regierung wollte Fall vertuschen“ und wieder andere: „Kripo findet bei Antifa kiloweise Sprengstoff“. Das ist alles nicht unbedingt faktentreu – doch alles in allem waren diese Schlagzeilen dort zu erwarten.

Was wäre wenn?

Man stelle sich vor, bei einem Aktivisten aus dem rechten Milieu wären derartige Stoffe gefunden worden. Unabhängig von der Berechtigung des Vorwurfs – denn bis heute liegen keine Anschlagspläne des Preisträgers vor – wäre es in Regierungskreisen wohl weniger still geblieben.

Die Unschuldsvermutung bleibt unangetastet

Nein, es geht mir nicht darum, die Unschuldsvermutung durch ein übereiltes Statement mit Füßen zu treten. Ob die Beschuldigten nun die Häuser von politischen Widersachern sprengen wollten, es vielleicht nur auf Zigaretten-Automaten abgesehen hatten oder am Ende doch nur Dutzende Kilo Düngemittel im Haus haben wollten – man weiß ja nie. Aber zumindest die Möglichkeit, in großen Mengen Sprengstoffe herzustellen und damit Menschen zu schaden, sollte der Politik doch mehr als ein Lippenbekenntnis abringen und schon gar nicht erst viele Tage später. Vor allem wenn bekannt ist, dass einer der Verdächtigten aus einer politischen Szene kommt.

Gegen Verschwörungen helfen nur Fakten

Ebenso die Ermittlungsbehörden von Polizei über Staatsanwaltschaft bis zum Landeskriminalamt täten gut daran, gerade dann verstärkt Informationen mit der Öffentlichkeit zu teilen, wenn Verschwörungstheorien immer weitere Kreise ziehen. Das am Montag gegenüber dieser Redaktion wiederholte „Wir melden uns, wenn wir etwas zu berichten haben“ des LKA kann angesichts dessen nur erstaunen. Ausdrücklich zu loben ist hingegen die Arbeit der Kripo Saalfeld, die – wie es aus Polizeikreisen heißt – zeitnah dem Zeugenhinwies über die verdächtige Großlieferung an Dünger nachgegangen sei.

Hinweis: Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors und nicht die der gesamten Thüringen24-Redaktion wieder. Lob, Kritik oder Anregungen? Schreibt dem Autor an: martin@th24.de