Die "Schande" von Themar: Rechtsrock-Gegner fordern Shuttles, Demos und Boykott

Nach dem Hin und Her, ob das Rechtsrock-Konzert in Themar am kommenden Wochenende stattfinden darf, hat am Mittwoch die letzte Instanz entschieden. Gegner fordern zum Widerstand auf.
Nach dem Hin und Her, ob das Rechtsrock-Konzert in Themar am kommenden Wochenende stattfinden darf, hat am Mittwoch die letzte Instanz entschieden. Gegner fordern zum Widerstand auf.
Foto: Imago/Xcitepress
Braunkehlchen-Nachwuchs sollte Themar vor Rechten bewahren. Das geplante Neonazi-Festival sollte aus Naturschutzgründen verboten werden. Die Richter sahen das anders. Bereits jetzt kündigt sich Widerstand gegen diese Entscheidung an. Von Gottesdienst über Demonstrationen bis zum Boykott wollen die Konzert-Gegner Statements setzen.

Auf einer Feuchtwiese im südthüringischen Themar nisten Braunkehlchen, Schlagschwirl und Bekassine. Nebenan wollen Rechte bei einem Festival feiern. Für Themars Bürgermeister Hubert Böse (parteilos) waren die seltenen Vögel die letzte Hoffnung, die rechte Szene von seiner Stadt fernzuhalten. Weil das für Freitag und Samstag geplante Konzert die Tiere bei der Aufzucht ihrer Jungen stören könnte, hatte es der Landkreis Hildburghausen verboten. Doch der Veranstalter wehrt sich dagegen vor Gericht.

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Letzte Instanz entscheidet sich zu Gunsten des Rechtsrock-Konzerts

Am Mittwochabend dann die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts (OVG) in Weimar. Es wies eine am selben Tag eingelegte Beschwerde des Landkreises Hildburghausen endgültig zurück. Sie hatte sich gegen einen Beschluss des Verwaltungsgerichts Meiningen vom 1. Juni gerichtet, in dem es einem Eilantrag gegen das Verbot des Konzerts stattgegeben hatte.

Auflagenbescheid erlassen

Der zuständige Senat habe über die Beschwerde auch vor dem Hintergrund entscheiden müssen, dass der Landkreis „entgegengesetzt zu seinem in diesem streitgegenständlichen Versammlungsverbot mittlerweile einen wirksamen Auflagenbescheid“ für die Veranstaltung erlassen habe, begründete das OVG seinen Beschluss.

„Schande“ soll nicht in Themar hängen bleiben

„Ich muss es wohl über mich ergehen lassen und etwas dafür tun, dass nicht zu viel von dieser Schande an Themar hängen bleibt“, sagte Bürgermeister Böse, der schon vor der Entscheidung aus Weimar nicht viel Hoffnung hat, dass man das Festival noch verhindern kann. Denn selbst wenn das Verbot vor Gericht Bestand hätte, könnten die Rechten womöglich Ausweichflächen für ihr Konzert finden.

Bündnis ruft auf zum Boykott von Konzert-Besuchern

Nicht nur Böse will sich gegen die „Schande“ stellen, wie er das rechte Konzert nennt. In einem offenen Brief rief das Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit Kloster Veßra Hoteliers, Gastronomen und Campingplatzbetreiber dazu auf, Rechten keine Unterkunft anzubieten. Gleichzeitig forderte das Bündnis Thüringer Bürger auf, die Aktion „Kein Bett für Nazis“ zu unterstützen und zum Beispiel am Wochenende ein Zimmer in Südthüringen zu buchen, damit für die Teilnehmer des Festivals weniger Platz sei.

Gegendemos in Themar angekündigt

Man hoffe auf mindestens 800 Unterstützer vor Ort, sagte Thomas Jakob, Mitorganisator der „Tage der Weltoffenheit“ mit Gegenprotesten und Gedenkmärschen. „Wir wollen zeigen, dass Widerstand in Themar möglich ist.“

Themar gedenkt Opfer rechter Gewalt

Bereits am Freitag soll es abends einen Friedensgottesdienst in der Kleinstadt geben, mit einer Demonstration im Anschluss. Für Samstag sind bis in die Nacht Andachten, Musik und Redebeiträge geplant. Mit einem Pilgermarsch soll der Todesopfer rechter Gewalt gedacht werden. „Wir wollen zeigen, dass diese Ideologie zu Tötungsdelikten führen kann“, sagte Jakob.

Politiker wollen Gegenproteste unterstützen

Mehrere Landespolitiker riefen die Bürger dazu auf, die „Tage der Weltoffenheit“ zu unterstützen. Die Linke-Abgeordnete Katharina König-Preuss kündigte an, mit einer parlamentarischen Beobachtungsgruppe in Themar zu sein. Sie forderte die Thüringer auf, Busse und Fahrgemeinschaften zu organisieren, um möglichst viele Menschen zu den Gegenprotesten nach Südthüringen zu bringen. Politiker von Linke, SPD und Grüne kündigten ihr Kommen an.

Busshuttle von Erfurt nach Themar

Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) sagte, er habe bei seiner Partei dafür geworben, einen Bus zu mieten, um Genossen von Erfurt aus zu den Protesten nach Themar zu bringen. Während der Rechtsrock-Konzerte im vergangenen Jahr hatten sich viele Menschen in Themar mit ihrem Protest allein gelassen gefühlt.

Verfassungsschutz rechnet mit 1500 rechten Konzert-Besuchern

Nach Einschätzung des Thüringer Verfassungsschutzes werden weit mehr Rechte zu dem Festival „Tage der nationalen Bewegung“ kommen, als vom Veranstalter angemeldet wurden. „Wir gehen derzeit von bis zu 1500 Teilnehmern aus“, sagte ein Sprecher der Behörde. Die genaue Zahl der Besucher hänge nicht zuletzt vom Wetter ab. Angemeldet zu dem Konzert seien 800 Menschen. Thüringens Verfassungsschutzpräsident Stephan J. Kramer sagte, er beobachte mit Sorge, dass in extremistischen Kreisen bundesweit mobilisiert und auch zu Gewalt aufgerufen werde.