Apotheken-Sterben in Thüringen: Wie Patienten trotzdem an ihre Medikamente kommen

In zahlreichen kleinen Gemeinden Thüringens ersetzen Sammelbriefkästen für Arztrezepte die vor Ort fehlende Apotheke.  In abgelegenen Regionen würden so Versorgungslücken für auf Medikamente angewiesene Menschen geschlossen. (Symbolbild)
In zahlreichen kleinen Gemeinden Thüringens ersetzen Sammelbriefkästen für Arztrezepte die vor Ort fehlende Apotheke. In abgelegenen Regionen würden so Versorgungslücken für auf Medikamente angewiesene Menschen geschlossen. (Symbolbild)
Foto: dpa
Das Apothekennetz ist in Thüringen eigentlich dicht gestrickt. Doch in vielen Gegenden hat die einzige Apotheke im Ort dicht gemacht. Rezeptsammelstellen sollen die Versorgung mit Medikamenten sichern.

Thüringen. Rezeptsammelstelle statt Internetapotheke: In zahlreichen kleinen Gemeinden Thüringens ersetzen Sammelbriefkästen für Arztrezepte die vor Ort fehlende Apotheke. Nach Angaben der Landesapothekerkammer sind derzeit landesweit 79 solcher Sammelstellen in Betrieb. In abgelegenen Regionen würden so Versorgungslücken für auf Medikamente angewiesene Menschen geschlossen, sagte der Geschäftsführer der Landesapothekerkammer, Danny Neidel, der Deutschen Presse-Agentur. Nach Angaben der Kammer haben in den vergangenen zehn Jahren zehn Thüringer Kommunen die einzige Apotheke am Ort verloren.

Thüringer Gemeinden ohne Apotheke

Unter anderem in Ziegenrück (Saale-Orla-Kreis), Großfahner (Landkreis Gotha) und Kirchheilingen (Eichsfeldkreis) fanden sich keine Nachfolger für die Übernahme der bislang dort existierenden Apotheken. «Natürlich wäre eine Apotheke vor Ort besser, aber wenn das nicht möglich ist, ist eine Rezeptsammelstelle besser als gar keine Versorgung«, so Neidel. Die Sammelbriefkästen werden von Apotheken größerer Orte betreut. Deren Angestellte leeren die Briefkästen täglich, prüfen die Rezepte und liefern die Arzneien in der Regel noch am selben Tag direkt bei den Patienten ab.

Ziegenrück wird jetzt von der Rosen-Apotheke im rund 15 Kilometer entfernten Pößneck (beide Saale-Orla-Kreis) mit versorgt. Sie hat in dem 600-Einwohner-Ort eine Rezeptsammelstelle eingerichtet. Der Briefkasten für die Rezepte befinde sich an einem Gebäude, das auch eine Arztpraxis beherberge und so für Patienten gut erreichbar sei, erläutert Inhaber Ralf Klitzpera. In anderen Orten sind die Rezeptbriefkästen laut Kammer beispielsweise auch an Gemeinderäumen angebracht.

«Vor allem ältere, weniger mobile Menschen oder Alleinlebende nutzen das Angebot», sagt Klitzpera. Täglich mindestens einmal, an drei Wochentagen sogar zweimal steuert sein Personal Ziegenrück an, um den Briefkasten zu leeren und Medikamente auszuliefern. Für die Patienten habe das den Vorteil, dass ihnen ein persönlicher Ansprechpartner zur Verfügung stehe, meint Klitzpera.

Medikamente kommen noch am gleichen Tag

Aus Apothekersicht funktioniert das Prinzip Rezeptsammelstelle besser als die von der Branche seit Jahren kritisch beäugten Online-Apotheken. Die Medikamente kämen in der Regel noch am selben Tag zu ihrem Empfänger, so Kammer-Geschäftsführer Neidel. «Das heißt, die Sammelstellen sind schneller als Internetportale.» Zudem kämen empfindliche Medikamente auch sicherer an, meint Stefan Fink, der Vorsitzende des Thüringer Apothekerverbandes. «Insulin für Diabetiker zum Beispiel muss im Sommer beim Transport gekühlt werden. Doch im Versandhandel ist das nicht sichergestellt.» Es gebe keine entsprechenden Auflagen für die Versandhändler.

Der Verband rechnet damit, dass die Zahl der Rezeptsammelstellen in Thüringen in Zukunft steigen könnte. «Wenn in weiteren Orten die einzige Apotheke schließt, wird das wohl passieren», sagte der Verbandsvorsitzende Stefan Fink. Bereits jetzt sei der jahrelange Boom bei der Gründung von Apothekenzweigstellen in Thüringen abgeflaut. Dies sei vor allem im ländlichen Raum eine Frage der Wirtschaftlichkeit. «Eine Apotheke braucht ein Einzugsgebiet mit rund 4000 Einwohnern.» Zudem würden für die Filialleitung approbierte Apotheker und zusätzliches pharmazeutisches Personal benötigt.

«Hier aber steuern wir auf ein Riesenproblem zu», warnt Fink. Vor allem in ostdeutschen Apotheken arbeiteten noch viele Pharmazieingenieure - ein Berufsbild, das es in der DDR gab und mit der Wiedervereinigung abgeschafft wurde. Pharmazieingenieure übernehmen ebenso wie Apotheker unter anderem die Anfertigung von Rezepturen, handgefertigte Spezialmedikamente für Säuglinge, Cremes, Salben, Pulver oder Tropfen. Viele von ihnen stünden jetzt kurz vor dem Rentenalter, so Fink. «Um sie zu ersetzen, brauchen wir mehr Apotheker.» (dpa)