Thüringen: Schock-Umfrage! Doch eine Zahl gibt Hoffnung

Die Langzeitstudie "Thüringen Monitor" offenbart eine erschreckende Entwicklung, aber auch einen Funken Hoffnung. (Symbolbild)
Die Langzeitstudie "Thüringen Monitor" offenbart eine erschreckende Entwicklung, aber auch einen Funken Hoffnung. (Symbolbild)
Foto: Imago Images/Ipon, Jens Kalaene/dpa

Thüringen. Wie schlimm steht es um das politische Klima Thüringen? Die Ergebnisse der Langzeitstudie „Thüringen Monitor“ untermauert in diesem Jahr das, was viele schon befürchteten – doch es gibt auch einen Hoffnungsschimmer.

Der Thüringen Monitor wird von Soziologen der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität seit fast zwei Jahrzehnten im Auftrag der Landesregierung erarbeitet und die politischen Einstellungen der Thüringer.

In der aktuellen Studie wurden 1.100 Thüringer befragt. Und die Ergebnisse sind streckenweise besorgniserregend, aber auch sehr widersprüchlich.

Rechtsextremismus in Thüringen: Das offenbaren die Ergebnisse

So registrierten die Wissenschaftler eine stärkere Hinwendung der Thüringer zu menschenfeindlichen, rechtsextremen Gedankengut und Antisemitismus. Zu bemerken: die Forscher hatten ihre repräsentative Befragung Mitte 2019 vorgenommen – also noch deutlich vor dem mutmaßlich rechtsextrem motivierten Anschlag auf die Synagoge in Halle im Oktober.

Laut der Studie ist die Zahl derer, die davon ausgehen, dass Deutsche anderen Nationen überlegen seien, ebenso gestiegen wie die Zahl der Menschen, die den Nationalsozialismus verharmlosen.

26 Prozent der Befragten aus Thüringen würden etwa der Aussage zustimmen: „Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten“.

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Mit diesen Aussagen erfasste die Studie rechtsextreme Einstellungen

(stimme voll und ganz zu / stimme eher zu / lehne eher ab / lehne völlig ab)

  1. „Was unser Land heute braucht, ist ein hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland.“
  2. „Andere Völker mögen Wichtiges vollbracht haben, an deutsche Leistungen reicht das aber nicht heran.“
  3. „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maße überfremdet.“
  4. „Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen.“
  5. „Ausländer sollten grundsätzlich ihre Ehepartner unter den eigenen Landsleuten auswählen.“
  6. „Es gibt wertvolles und unwertes Leben.“
  7. „Wie in der Natur sollte sich auch in der Gesellschaft immer der Stärkere durchsetzen.“
  8. „Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten.“
  9. „Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns.“
  10. „Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform.“

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Thüringen Monitor: Anstieg rechtsextremer Einstellungen

Insgesamt sei der Anteil der rechtsextrem eingestellten Thüringer in diesem Jahr auf 24 Prozent gestiegen – ein Anstieg von 4 Prozent, heißt es in der Studie.

Besonders erschreckend: 9 Prozent würden sogar Gewalt als Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele in Erwägung ziehen.

Es zeigte sich aber auch, dass jüngere Menschen sehr viel weniger anfällig für rechtsextremes Gedankengut seien als Menschen in der Mitte ihres Lebens. Gleiches beobachteten die Wissenschaftler bei der Zustimmung zu antisemitschen Thesen.

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Die Einstellungen definieren die Forscher wie folgt:

  • Rechtsextrem: wer den zehn Aussagen mit nationalistisch-chauvinistischen, fremdenfeindlichen, sozialdarwinistischen, den Nationalsozialismus verharmlosenden, antisemitischen und diktaturunterstützenden Inhalten im Durchschnitt mindestens überwiegend zugestimmt hat.
  • Ethnozentrisch: wer den vier Aussagen mit nationalistisch-chauvinistischen und fremdenfeindlichen Inhalten im Durchschnitt mindestens überwiegend zustimmt hat.
  • neo-nationalsozialistisch: wer den sechs Aussagen mit sozialdarwinistischen, den Nationalsozialismus verharmlosenden, antisemitischen, rassistischen und diktaturunterstützenden Inhalten im Durchschnitt mindestens überwiegend zustimmt hat.

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Antisemitismus in Thüringen steigt deutlich an

Demnach würden 16 Prozent der Thüringer der Aussage zustimmen, Menschen jüdischen Glaubens hätten etwas Besonderes an sich „und passen nicht so recht zu uns“. (Bei der Studie 2018 hatten dieser Aussage nur 9 Prozent der Thüringer zugestimmt. Ein Jahr zuvor lag die Zustimmung bei 14 Prozent, davor schwankte sie zwischen 9 und 10 Prozent.)

Ein besonders starker Anstieg der ablehnenden Einstellung sei vor allem bei Facharbeitern zu beobachten, heißt es in der Studie.

Dagegen gebe es bei Menschen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren sowie mit einem höheren Bildungsabschluss praktisch keine Veränderung ihrer Einstellungen zu Menschen jüdischen Glaubens.

Thüringen: DDR-Nostalgie und Demokratie-Glaube

Fast die Hälfte der Stichprobe – 45 Prozent – ist überzeugt, dass die DDR mehr gute als schlechte Seiten gehabt haben soll.

Aber trotzdem stimmten ganze 90 Prozent der 1.100 Befragten der Aussage zu, dass die Demokratie „die beste aller Staatsideen“ sei, so vermeldete es der MDR.

Viele aber mag ein Ergebnis besonders überraschen.

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Halb Thüringen vertraut in Polizei und Politik

Die Zufriedenheit mit der demokratischen Praxis erreicht mit 63 Prozent einen besonders Hohen Wert in diesem Jahr.

>>> Hier zur kompletten Studie (pdf, nicht barrierefrei).

Weiter schenken 43 Prozent der Landesregierung und ganze 73 Prozent der Polizei ihr Vertrauen – der höchste Vertrauenswert seit Beginn der Studie, heißt es im Rundfunk. (aj, dpa)