AfD Thüringen: Experte erklärt – darum haben vor allem Männer der Partei so viele Stimmen gegeben

Björn Höcke: der Rechtsaußen der AfD

Björn Höcke: der Rechtsaußen der AfD

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Die AfD in Thüringen hat bei der Bundestagswahl ordentlich abgesahnt!

Denn die AfD ist bei der Bundestagswahl 2021 nicht nur in Sachsen stärkste Kraft geworden, sondern auch in Thüringen. Im Freistaat holte die Alternative für Deutschland satte 24 Prozent und liegt damit knapp vor der SPD (23,4 Prozent). Die CDU liegt weit abgeschlagen auf Platz 3, dahinter folgt die Linke. Die FDP und die Grünen, Kanzlermacher-Parteien einer neuen Bundesregierung, hatten keine Chance und sind im einstelligen Bereich geblieben.

Es ist das erste Mal, dass die AfD in Thüringen stärkste Kraft geworden ist. Im Vergleich zu 2017 hat sie bei einer noch höheren Wahlbeteiligung nochmal um 1,3 Prozent zulegen können. Warum ist die AfD in Thüringen so stark, was ist der Grund dafür?

AfD Thüringen: Experte erklärt – darum liegt die Partei im Freistaat so weit vorne

In einer Region in Thüringen hat die AfD bei den Zweitstimmen sogar die 50-Prozent-Marke geknackt. In der Gemeinde Altenbeuthen (Landkreis Saalfeld-Rudolstadt) hat sie satte 51,7 Prozent geholt. Auch in Eßbach (49,3 Prozent), Grimmelshausen (48,8 Prozent) und Oberstadt (48,3 Prozent) kann sich die „Alternative für Deutschland“ für Fabel-Ergebnisse feiern.

Gideon Botsch (51) aus Berlin ist Politikwissenschaftler, u.a. Experte für Rechtsextremismus und Leiter der „Emil Julius Gumbel Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus“ am Moses-Mendelssohl-Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam.

Gegenüber THÜRINGEN24 erklärt er das starke Abschneiden: „In zwei ostdeutschen Bundesländern ist die AfD entgegen dem bundesdeutschen Trend stärkste Kraft. Generell ist es so, dass sich in denjenigen ostdeutschen Regionen mit negativer Bevölkerungsbilanz die Gewichte über einen längeren Zeitraum zu Gunsten der AfD verschoben haben und weiter verschieben dürften.“

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Das ist die AfD:

  • AfD steht für „Alternative für Deutschland“
  • Parteivorsitzende sind Jörg Meuthen und Tino Chrupalla
  • Gründung am 6. Februar 2013 in Berlin als zunächst rechtsliberale und EU-skeptische Partei
  • 2015 erste Spaltung eines wirtschaftsliberalen Flügels unter Parteigründer Bernd Lucke – Partei rückt dadurch deutlich nach rechts
  • bei der Bundestagswahl 2017 holte sie 12,6 Prozent, 2021 noch 10,3 Prozent
  • stärkstes Wahlergebnis war 27,5 Prozent bei der Landtagswahl in Sachsen 2019

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Der Experte weiter: „Die Wähler sind zu etwa zwei Dritteln männliche Wähler – ostdeutsche Männer mittlerer Bildung, bei mittlerem Einkommen und mittlerem Alter. Union und Linke und in vergangenen Wahlen auch die SPD kämpfen mit dem Problem der Überalterung ihrer Stammwählerschaft, nach und nach sterben ihnen die Wähler buchstäblich weg. Diese noch voll in der DDR sozialisierten Altergruppen sind am wenigsten geneigt zur Rechtswahl, außerdem ist der Frauenanteil höher.“

AfD Thüringen: „Bonner Parteien“ dringen nicht mehr zur Wählerschaft durch

Nach aktuellem Forschungsstand habe sich in Thüringen und auch Sachsen eine relativ stabile Gruppe herausgebildet, die der Linkspartei und den „Bonner Parteien“ CDU, SPD und FDP den Rücken gekehrt hätten. Und diese Gruppe wähle seit langer Zeit Rechtsaußenparteien. Experte Botsch: „Rein zahlenmäßig stimmen die Wahlerfolge der AfD im Osten relativ genau mit den Zustimmungswerten zu rechtsextremen Einstellungen überein. Wie zum Beispiel die Leipziger Autoritarismusstudie auch im Detail zeigen kann, charakterisieren diese Einstellungen auch die Wählerschaft der AfD in erheblichem Maße.“

In Thüringen und Sachsen sei es der AfD zudem offenbar gelungen, ein stabiles Milieu fest an sich zu binden, wobei „Pegida“ in Dresden und die Höcke-Kundgebungen in Erfurt eine besondere Rolle gespielt hätten. Botsch: „In den anderen drei Ost-Ländern ist das weniger gut gelungen. Das hängt auch davon ab, wie viel Spielraum dem Rechtsextremismus insgesamt eingeräumt wird. Die politikwissenschaftliche Forschung spricht hier von Gelegenheitsstrukturen, die rechtsradikale Parteien begünstigen.“

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Dass die AfD auch künftig so stark im Osten bleibt, ist längst nicht in Stein gemeißelt. Der Forscher erläutert: „Solange die AfD konsequent in Richtung Rechtsextremismus steuert, wird sie ihre Wählerbasis unter normalen Bedingungen nicht wesentlich ausdehnen können. Unter günstigen Bedingungen kann sie sie stabilisieren, wie in Thüringen und Sachsen, wenn sie Skandale vermeidet und Wahlkampfthemen findet. Die demographischen Verschiebungen verschaffen dieser Wählerbasis in winzigen Bundesländern wie Thüringen oder Sachsen-Anhalt eine bundespolitisch absurd hohe Bedeutung, aber man muss sehen, dass sie in allen Ost-Ländern relativ von der demographischen Entwicklung profitiert.“

Experte über AfD-Wähler im Osten: „Hochgradig unberechenbar“

Und wenn die AfD-Bundesführung einen ernsthaften Schwung in Richtung Mitte vollzieht und gegen Rechtsextreme in der Partei konsequent vorgeht? „Ich bezweifle, dass die AfD in ihrem gegenwärtigen Zustand zu einem Wechsel zu einer modernen europäischen rechtspopulistischen Partei mit politischem Führungsanspruch in der Lage ist“, meint Experte Botsch.

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Der 51-Jährige sieht für die AfD in diesem Fall vor allem den Wähler als Unkonstante: „Eine Richtungsentscheidung würde gerade vor dem Hintergrund der ostdeutschen Erfolge eine existenzielle Krise bringen. Auf die Rolle als Regionalpartei in Ostdeutschland zu setzen, wäre ein sehr riskantes Spiel. Die ostdeutschen Wähler sind hochgradig unberechenbar und gerne bereit, einer Partei ihr Vertrauen wieder zu entziehen. Damit muss auch die AfD rechnen.“

Der Weg der AfD wird also auch nach dieser Bundestagswahl spannend zu beobachten sein...