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20 Jahre nach brutalem Mord in Thüringen: Angehörige mit emotionalem Geständnis

Nach 20 Jahren könnte sich endlich ein brutaler Mord aufklären, der Thüringen erschütterte. Nun spricht die Patentochter des Mordopfers.

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© IMAGO / Hans Lucas / Lara Hoffmann / Thüringen24 Redaktion

Mord oder Totschlag? Das ist der juristische Unterschied

In diesem Video erklären wir dir den juristischen Unterschied zwischen Mord und Totschlag.

Am 16. Januar 2024 hat sich der Todestag von Doreen S. zum 20. Mal gejährt. 2004 war die damals 34-Jährige auf brutale Art und Weise in Thüringen getötet worden. Fast 20 Jahre später könnte der Fall endlich geklärt werden. Die Staatsanwaltschaft hat vier Männer wegen gemeinschaftliMord beziehungsweiseweise Anstiftung zum Mord angeklagt (wir berichteten). Der Prozess soll nun klären, was genau sich vor 20 Jahren abgespielt hat und ob Bernd S. einen Auftragsmörder auf seine Noch-Ehefrau gehetzt hat.

Doreens Tod hat ein Loch im Herzen derjenigen hinterlassen, die ihr nahestanden. Eines, das auch 20 Jahre später nicht gestopft werden kann. Zumindest nicht, bis ihr Mord vollends aufgeklärt ist. So zumindest beschreibt es Saskia, die Patentochter der ermordeten Doreen S. Jetzt packt sie im Thüringen24-Interview über den Fall aus.

Thüringerin erfährt vom Mord an ihrer Patentante per Radio

Besteck klappert, am Nachtbartisch unterhalten sich leise zwei Männer und aus einer Musik-Box erklingen sanfte italienische Klänge. Der Duft von frisch gemahlenen Kaffee steigt einem in die Nase. Am Nachmittag ist das kleine Café in der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt nicht sonderlich gut besucht, trotzdem ist in diesem Laden das Dolce Vita deutlich zu spüren. Die Atmosphäre scheint so gar nicht zu dem zu passen, was Saskia, die Patentochter der ermordeten Doreen S. Thüringen24 im Interview erzählen wird.

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Saskia, die Redaktion hat ihren Namen aus Anonymitätsgründen geändert, war zu dem Zeitpunkt, als ihre Patentante mit sieben Schüssen im Thüringer Ort Schröten getötet wurde, 17 Jahre alt. Heute ist sie 37, doch noch immer kann sie sich genauestens an den Tag erinnern, an dem sie vom Tod ihrer Patentante erfahren hat. Mit Tränen in den Augen erzählt sie, wie sie 2004 mit einem Kumpel in Greiz (Thüringen) unterwegs war. „Ich habe im Radio gehört, dass in Schröten eine junge Frau erschossen worden ist. Erstmal habe ich mir gar nichts dabei gedacht“, erzählt Saskia. Am nächsten Tag wollte Saskia dann ihre Mutter erreichen, um ihr zu sagen, dass sie sich auf den Heimweg macht. Doch ihre Anrufe blieben unbeantwortet.

„Wir sind bei der Polizei. Doreen wurde erschossen.“

Nach zahlreichen Versuchen konnte Saskia endlich den Freund ihrer Mutter erreichen. Dieser wollte zunächst nicht mit der Sprache rausrücken. Doch nach reichlicher Überzeugungskraft erzählte er Saskia, was los war. Und diese Nachricht zog ihr den Boden unter den Füßen weg. Die Worte „Wir sind bei der Polizei. Doreen wurde erschossen“, veränderten das Leben der damals 17-Jährigen aus Thüringen schlagartig. Am Anfang konnte sie es gar nicht glauben, was der Freund ihrer Mutter ihr versuchte, zu sagen. Saskia spricht davon, wie verwirrt sie war.

Doch als ein Zeitungsartikel nach dem nächsten über den Tod ihrer Patentante auf dem Küchentisch ihrer Mutter stapelten, begann Saskia das volle Ausmaß der Situation zu begreifen. Genauso, wie die schrecklichen Umstände unter denen Doreen S. gestorben war. „Ich wusste, sie war noch nicht gleich tot. Ich habe mich gefragt, was sie in dem Moment gedacht hat. Sie muss so eine Angst gehabt haben.“ Saskia stockt, die Emotionen stehen ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.

„Ich habe mich genauso gefühlt, wie an dem Tag, an dem ich von ihrem Tod erfahren habe“

Trotz zahlreicher Zeugenbefragungen, dutzenden Spuren und einer vielköpfigen Sonderkommission konnte die Thüringer Polizei den Mord von Doreen S. nicht aufklären. 2006 legte man den Fall zu den Akten und es begann, Gras über die Sache zu wachsen. „Ich habe dann langsam angefangen, alles zu verarbeiten. Nach drei, vier Jahren habe ich dann meinen Frieden damit geschlossen, dass wir wohl nie wissen werden, wer Doreen das angetan hat“, erklärt Saskia. Doch dann wurden fast 20 Jahre später die alten Wunden wieder aufgerissen.


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Im März 2023 erreichte Saskia eine Nachricht auf Whatsapp – ein Bild von einem Zeitungsartikel mit dem grünen VW-Beetle ihrer Patentante. Sie wusste sofort, worum es geht. „In dem Moment habe ich mich wieder genauso gefühlt, wie an dem Tag, wo ich erfahren habe, dass Doreen tot ist“, sagt Saskia. Es war schwer für die Thüringerin zu erfahren, dass der Mann, der für so eine lange Zeit auch ein Teil ihres Lebens gewesen war, Doreens Mord in Auftrag gegeben haben soll. Und je mehr Details ans Licht kommen, desto schwerer werde ihr Herz, erzählt Saskia.

Am 18. Dezember startete der Mord-Prozess vorm Landgericht Erfurt gegen Bernd S. und seine mutmaßlichen Komplizen. Und dieser wird sich noch bis mindestens Dezember 2024 ziehen – über 30 Verhandlungstage sind angesetzt. „Ich hoffe einfach, dass Doreen am Ende Gerechtigkeit erfährt. Das ist mir das Wichtigste. Aber ich habe da Vertrauen in den Rechtsstaat und dass die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden“, so Saskia.