Genius Loci-Festival erobert den Ilmpark in Weimar

Die Sternbrücke in Weimar wird am Wochenende beim Genius Loci so ähnlich illuminiert wie auf dem Foto.
Die Sternbrücke in Weimar wird am Wochenende beim Genius Loci so ähnlich illuminiert wie auf dem Foto.
Foto: Screenshot

Das Genius Loci-Festival in Weimar findet in diesem Jahr von Freitag bis Sonntag, 12. bis 14. August, in und um den Park an der Ilm statt. Von 21.30 bis 0.15 Uhr werden an drei Orten sogenannte Videomapping-Projektionen gezeigt, bei denen Objekte beleuchtet werden. Im TH24-Interview erklärt Markus Hinz vom Organisationskomittee, warum die Lichtkunst an diesen Orten stattfindet und was außerdem noch zu sehen ist.

Wieso habt ihr euch in diesem Jahr für den Park an der Ilm entschieden?

Die Orte, für die wir den Wettbewerb ausschreiben, haben immer einen kuratorischen Zusammenhang, der sich von einem Oberthema ableitet. Im letzten Jahr waren wir, wie viele andere auch, etwas irritiert von eigenartigen Umtrieben in Deutschland, und haben Orte ausgesucht, die für „bewegte und bewegende“ Zeiten stehen. Dieses Jahr verweisen wir auf die Natur, und den Umgang der Menschen mit ihr. Der Umgang mit der Natur ist immer ein guter Spiegel für den Geist der Zeiten. Auch am Ilmpark hat sich die Hybris einstiger Gesellschaften wundervoll abgebildet, nach den einfachen Schäferwiesen des Mittelalters wünschten die Fürsten einen prächtigen repräsentativen geometrischen Barockgarten, was im Überschwemmungsgebiet natürlich lustvoll und gründlich scheiterte. Dann kamen der junge Geheimrat Goethe und der junge Fürst Carl August, und sie schufen einen romantischen, klassizistischen Garten im Sinne eines englischen Landschaftsgartens, ein Stil, der sich daran orientiert, was die Natur bereits an Ausblicken zu bieten hat. Ein klassischer Genius Loci sozusagen.

Könnt ihr beschreiben, welche Magie diesen Ort umgibt?

Der Park an der Ilm ist für uns auf zwei Arten interessant. Einerseits als wichtiger Bestandteil der urbanen Struktur, in der sich die Natursehnsucht der Städtebauer und der Stadtbevölkerung als Gegengewicht zu den in den letzten Jahrhunderten stark anwachsenden Städten abbildet. Andererseits ist gerade der Ilmpark ein einzigartiges Dokument verschiedener Stile und sich wandelnder Sehnsüchte. Obwohl der Gestalter eines solchen Gartens durchaus versucht, den Geist, die Seele der vorgefundenen Landschaft zu erkennen, weiter herauszustellen und so den Genius Loci zu erhalten und sichtbar zu machen, bildet sich in der gartenbauerischen Herangehensweise immer ein gewisses Welt- und Menschenbild ab. Der Park als Projektionsfläche für Sehnsüchte. So lässt sich gerade bei der Sternbrücke an der Sphinxgrotte eine schwärmerische Lust für das Geheimnisvolle und Mystische erkennen. Verstreute Mauerreste und künstliche Ruinen am Tempelherrenhaus zeugen von einer spielerischen Flucht in die Vergangenheit. Die Sichtachsen des Sterns und die weit ausladenden Wiesenflächen dahinter setzen das Wahre und Schöne der Landschaft in Szene und sind am Ende doch gestaltete Wirklichkeit, die zu erhalten eine Menge Arbeit macht. So setzt sich die Magie dieses Ortes aus verschiedenen Teilrealitäten zusammen, die uns Einblick in die mehrere Jahrhunderte dauernde Geschichte der Gestaltung des Parks und der sich wandelnden Idee einer Naturidylle gibt. Als lebendiges Denkmal der Ideen Goethes und Carl Augusts gelingt es dem Park auch heute noch, die Menschen aus den engen Gassen heraus ins Freie zu ziehen. Den Zauber findet jeder Besucher in sich selbst. Beim Durchatmen, Spazieren und Gedanken wie Blicke schweifen lassen.

Was genau bekommen die Zuschauer an den drei Orten zu sehen und was genau ist „Videomapping“?

Videomapping bezeichnet das Verfahren, passgenau auf Objekte zu projizieren. Wir nutzen diese Technologie, um bedeutsame Orte zu inszenieren. Dazu erstellen die über den Wettbewerb ausgesuchten Künstler einen zehn- bis 15-minütigen Videoclip zum „Genius Loci“, zum Geist des Ortes, der dann zum Festival auf der jeweiligen Fassade aufgeführt wird. Dieses Jahr wird es in jeder Hinsicht ganz besonders. An jedem Ort haben wir eine Besonderheit im Programm. An der wirklich bemerkenswerten Ruine des Tempelherrenhauses präsentieren wir ja nicht nur unseren ersten Thüringer Gewinner, „greatmade“ aus Erfurt, sondern auch die erste illustrierte, handgezeichnete Fassadenprojektion überhaupt. Das ist so aufwendig, das wird es sonst nicht mehr zu sehen geben – allein dafür gibt es eine dringende Empfehlung vorbeizukommen.

Und was passiert an der Sternbrücke?

An der Sternbrücke führen die Künstler von „OMAI“ eine wundervolle farbenfrohe Animation auf, die sich im Wasser der Ilm spiegelt, und auch das Publikum auf der Brücke ist ein Teil der Projektion. Dazu gibt es erstmalig einen interaktiven Teil, an der letzten Stunde des Tages kann mit Tablets auf die Brücke „gemalt“ werden. Wir haben dazu Illustratoren aus der Umgebung organisiert, aber auch unser Publikum ist herzlich eingeladen. Wer also einmal auf die große Sternbrücke malen möchte, und dann einen Selfie damit machen: eine einmalige Gelegenheit!

Was bekommen die Zuschauer am dritten Ort, am Stern, zu sehen?

Das absolute Highlight ist die Wasserprojektion am Stern: Hier haben wir ja kein Objekt beziehungsweise eine Fassade, die wir bespielen können, daher bringen wir Hydroshields mit. Das sind Wasserleinwände, eigentlich eine Feuerwehrtechnologie, mit der Funkenflug verhindert werden kann. Wir stellen diese Wände in die Fluchten des Sterns, und projizieren darauf, in Kombination mit Lichtspiel, Nebel und Choreografie. Diese geisterhaften Projektionen nehmen das Motiv der Ilmnixen auf, von denen behaupten wurde, dass sie in der Nacht aus den Ilmsümpfen aufsteigen und den einsamen Wanderer entführen.

Wie verlief die Auswahl der Künstler? Nach welchen Kriterien habt ihr ausgewählt?

Wir schreiben jedes Jahr international einen Wettbewerb aus. Die Künstler reichen ein 30-sekündiges Video ein, in dem sie ihre Idee möglichst anschaulich ausarbeiten. Die Jury, die sich aus angesehenen Videokünstlern und Fachmännern zusammensetzt, vergibt danach Punkte für die künstlerische Qualität der Arbeiten, ihre technische Umsetzung und inhaltlichen Umgang mit dem Genius Loci der Spielstätte. Zusätzlich werden die Arbeiten, auf Miniaturen projiziert, in einer Wanderausstellung an verschiedenen Orten Weimars und online präsentiert. Jeder kann so die eingereichten Werke bewerten. Das Publikumsvoting zählt dann als eine zusätzliche Jurystimme.

Am Hafis-Gothe-Denkmal gibt es eine „Spatial Audio Installation“. Was kann man sich darunter vorstellen?

Nachdem im letzten Jahr die fantastischen Installation "The Memory Trace" von Lukas Taido im Residenzschloss zu erleben war, haben wir uns entschieden, 2016 einen Spatial-Audio-Wettbewerb ins Leben zu rufen. Das Weimarer Künstlerduo Martin Recker und Paul Hauptmeier konnten sich mit ihrem Werk "Cultural Sounds?" durchsetzen, für das sie Aufnahmen aus Deutschland und dem Iran in einen klanglichen Dialog bringen. Dabei werden im Sinne des Denkmals Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Kulturräumen zur Diskussion gestellt. Die Installation wird mithilfe des IOSONO-Systems umgesetzt. Dabei wird mit den Mitteln der Wellenfeldsynthese ein hyperrealistischer Klangraum geschaffen, der es dem Zuhörer ermöglicht, sich innerhalb der Installation frei zu bewegen und die einzelnen Klänge genau zu verorten. Es entsteht ein begehbarer Aufbau aus zahlreichen hochpräzisen Lautsprechern, in den das Publikum eintauchen kann.

Dazu gibt es noch das LAB und das AV-Live-Kino, was passiert an diesen Orten?

Leander Leinenbach: Beim Lab passiert grundsätzlich alles live und in Echtzeit. Im Gegensatz zu den Spielorten im Park haben wir über einen weiteren internationalen Wettbewerb und Aufrufe viele junge Medienkünstler aus Europa und der Welt fürs Lab begeistern können, die gemeinsam einen Ort bespielen – das gesamte ehemalige Elektrizitäts-Werk in Weimar. So findet ein großartiger internationaler Austausch von Kunst und Technik statt. Seit Montag sind alle Teams vor Ort und erstellen gemeinsam ihre Shows für Live-Kino-Konzerte im Lichthaus Kino, für Fassadenprojektionen, Installationen und Workshops auf dem Areal und zum ersten Mal in diesem Format auch für den Genius Loci Club. Wir sind sehr gespannt auf die Live-Kino Konzerte im Lichthaus! Diverse Musiker und Bands, die eine musikalische Bandbreite von Klavier-Improvisation über Jazz bis zu elektronischen Kompositionen abdecken, treffen auf Video-Künstler mit ebenso unterschiedlichsten Herangehensweisen und Herkünften. Das AV-Live-Kino ist somit ein besonderes Ereignis, nicht nur für den geübten Kino- und Theaterbesucher. Zu sehen sind die Konzerte täglich von Freitag, 12. August, bis Sonntag, 14. August, von 18 bis 21 Uhr. Tickets sind im Vorverkauf sowie auch an der Abendkasse im Lichthaus Kino erhältlich. Es folgen die Fassadenprojektionen auf dem Gelände, ebenfalls täglich von Freitag, 12. August, bis Sonntag, 14. August, von 21.30 bis 00.15 Uhr. Diese werden auch live aufgeführt und nicht wiederholt. Insgesamt zehn internationale Teams arbeiten über die Woche intensiv auf anspruchsvolle Aufführungen hin. Den krönenden Abschluss des Abends bildet der Genius Loci Club am Freitag und Samstag. Der Club konzentriert sich darauf, als immersives Gesamtereignis Licht-, Videokunst und anspruchsvolle, elektronische Musik zu vereinen. Das Highlight am Freitag sind das audiovisuelle Live-Duo "Graze" aus Kanada und "Jacob Korn" von Uncanny Valley aus Dresden. Am Samstag darf man sich unter anderem über das aus Weimar bekannte Live-Duo "Irk Yste" freuen.

Darüber hinaus Besteht die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden: Wer mitmachen und etwas über Creative Coding und Videomapping lernen will, kann an den Workshops am Mittwoch und Donnerstag teilnemen. Weitere Infos und Registrierung unter: www.genius-loci-weimar.org/genius-loci-lab/workshops/

Das ganze Programm lässt sich auf der Internetseite www.genius-loci-weimar.org/genius-loci-lab finden. Infos zu Festivaltickets und Tageskarten für die Live-Kino-Abende hier: www.tinyurl.com/glw-ticket