Tallai im App-Stress: Der Jakobsweg ist wie eine Pokémon-Jagd

Wie ist die Besitzerin dieses zurückgelassenes Schuhes wohl weitergelaufen? Hüpfend auf einem Bein?
Wie ist die Besitzerin dieses zurückgelassenes Schuhes wohl weitergelaufen? Hüpfend auf einem Bein?
Foto: Michael Tallai

Michael Tallai, Geschäftsführer der Mediengruppe Thüringen, zu der auch Thüringen24 gehört, hat seiner Frau zum Geburtstag eine Wanderung auf dem Jakobsweg in Spanien geschenkt. Das Problem ist, er mag Wandern gar nicht. Dies ist das Protokoll eines Leidensweges.

Jakobsweg, vierter Tag

Meine Fitness-App ist sehr zufrieden mit mir. Gestern hat sie 40.071 Schritte gezählt. Das ist der Wahnsinn. Das Tagesziel sind normalerweise 10.000 Schritte und die schaffe ich angesichts meines Büro-Jobs eher selten. Das legt zwei Schlüsse nahe: Erstens, ich laufe im Alltag zu wenig. Zweitens, ich laufe hier zu viel. Die App hegt deshalb Zweifel an meiner Aufrichtigkeit und fragt, ob bei der Schrittzahl alles mit rechten Dingen zugehe. Sie meint, ich benutze vielleicht Rollschuhe. Das würde ich gerne, die Frage an sich ist aber eine Frechheit. Ich habe die App deswegen gelöscht. Das hat sie nun von ihrem Benehmen.

Digitalisiert den Jakobsweg!

Allerdings brachte mich dieses App-Erlebnis auf einen anderen Gedanken. Auf dem Fußmarsch von Palas de Rei nach Arzua (annähernd 29 Kilometer!) habe ich meine Frau dabei beobachtet, wie sie in jeder Herberge und in jeder Gaststätte nach dem Stempel für ihr Pilgerbuch fragte. Das hat etwas von Pokémons-Jagen. Je mehr Stempel umso besser. Aber alles so analog!

Ich habe in allen mir zur Verfügung stehenden App-Stores nach Jakobsweg-Apps gesucht und nichts Vernünftiges gefunden. Warum hängen an den Wander-Stationen nicht QR-Codes? Man hält sein Handy dran und hat einen neuen Eintrag in seiner Ich-war-hier-auf-dem-Jakobsweg-App. Ab 50 Einträgen steigt man in ein neues Level auf und bei 1000 Einträgen ist man Wander-Meister. Ich werde das Konzept auf den nächsten Etappen ausarbeiten und wenn ich zurück bin, wird die Mediengruppe eine Jakobsweg-App launchen.

Tallai und die Sex Pistols: Empörung auf dem Jakobsweg

Mein gestriges Vorhaben, künftig mit Punk-Musik-Beschallung den Jakobsweg niederzukämpfen, hat übrigens nur bedingt funktioniert. Nach ein paar Kilometern habe ich die Kopfhörer abgesetzt und auf Lautsprecher geschaltet. Meine Frau und zahlreiche empörte Mit-Wanderer meinten aber, laute Sex-Pistols-Musik passe irgendwie nicht zum Sich-Selbst-Finden-Projekt der Pilger. Mir zwar völlig unverständlich, aber ich bin ja kein Wander-Rüpel.

Gejammert habe ich dennoch nicht, wie angekündigt. Kein Wort wegen der Blasen an den Füßen. Nur eines wüsste ich gerne: Ich habe irgendwo unterwegs meine Waden verloren. Für sachdienliche Hinweise, wo die sein könnten, wäre ich dankbar.

Die bisherigen Etappen

Erster Tag: Anti-Pilgern auf dem Jakobsweg: Ich hasse Wandern!

Zweiter Tag: Liebes Tagebuch, auf dem Jakobsweg überholte mich heute ein Rentner mit Asthma

Dritter Tag: Warum ich!? Michael Tallai leidet auf dem Jakobsweg

Fünfter Tag: Notizen vom Jakobsweg: Wie ein offenherziger Amerikaner mir den Appetit vermieste

Sechster Tag: Tallais letzte Jakobsweg-Etappe: Notaufnahme und Taxi statt Triumphzug