Notizen vom Jakobsweg: Wie ein offenherziger Amerikaner mir den Appetit vermieste

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Michael Tallai, Geschäftsführer der Mediengruppe Thüringen, zu der auch Thüringen24 gehört, hat seiner Frau zum Geburtstag eine Wanderung auf dem Jakobsweg in Spanien geschenkt. Das Problem ist, er mag Wandern gar nicht. Dies ist das Protokoll eines Leidensweges.

Jakobsweg, fünfter Tag

Nur noch ein Tag bis Santiago de Compostela. Ich frage mich, was mich dort erwartet. Ich gehe nach all den Strapazen von einem triumphalen Einzug in die Stadt aus. Menschentrauben werden an den Straßenrändern stehen und mich fahnenschwenkend und jubelnd erwarten. Sie werden meine Leistung preisen, mir Blumen zuwerfen, Heldenlieder singen. Kinder werden neben mir laufen, mir kleine Geschenke übergeben, junge Frauen bieten mir Getränke und Gebäck an. Am Ende wartet der Bürgermeister und fordert mich auf, mich ins Goldene Buch der Stadt einzutragen. In einer kurzen Ansprache werde ich den jubelnden Massen ...

"Hast Du noch alle Tassen im Schrank?", unterbricht mich meine Frau, als ich ihr von meinen Erwartungen erzähle. Sie meint, ich habe vielleicht Fieber. Ich solle mich aufs Laufen konzentrieren, sonst kämen wir nie an.

Verkappte Hospitäler am Rande des Jakobsweges

Was wirklich schwieriger wird. Denn das mit den Blasen an, unter, neben und auf den Füßen, über die ich ja nach wie vor nicht jammern werde, ist leider nicht besser geworden. Im Gegenteil. Die Dinger werden immer größer, Salben helfen gar nicht mehr. Befreundete Profi-Wanderer aus der Heimat haben mir per Mail empfohlen, die Dinger aufzustechen, trocken zu legen, die überschüssige Haut abzuschneiden und das ganze dann zu verbinden. Soweit geht mein Heldentum dann aber doch noch nicht. Ich habe stattdessen überlegt, die letzten Kilometer vor dem jeweiligen Ziel auf allen Vieren zurückzulegen. Das würde die Füße entlasten.

Ohnehin verstärkt sich nach all den Tagen mein Eindruck, dass die Unterkünfte am Rande des Jakobswegs eigentlich verkappte Hospitäler sind. Wobei der Ablauf immer der gleiche ist. Man trifft nach der Tagesetappe zwischen 16 und 18 Uhr ein, geht aufs Zimmer, macht sich frisch, ruht ein wenig und besucht dann das Restaurant zum Abendessen. Und dort trifft man auf das ganze Elend. Viele Pilger kommen in Badelatschen oder gleich barfuß, weil sie nicht mehr in ihre Schuhe passen. Man tauscht sich mit dem Tischnachbar über den aktuellen Zustand der Extremitäten aus, diskutiert Heilmethoden, hilft sich gegenseitig mit Pflastern und Verbandsmaterial aus.

Schnaps gegen die Blasen

Besonders offenherzig war in unserer heutigen Etappenstation Arca de Pino ein Amerikaner am Nebentisch. Er fing nach der Vorspeise an, vor allen Leuten seine Füße zu massieren und dann seine Blasen zu behandeln. Dafür hatte er allerlei Werkzeug gleich mitgebracht und musste somit glücklicherweise nicht aufs Besteck zurückgreifen. Ich konnte mich nach diesem Anblick nur noch schwerlich auf den Hauptgang (geschmortes Kalb) konzentrieren.

Am besten erträgt man solche Abende mit ein wenig Alkohol. Meine Frau bevorzugt den hiesigen Rotwein, ich tendiere eher zum hochprozentigen heimischen Schnaps namens Orujo. Ein Trester mit 45 Prozent. Der desinfiziert von innen und vielleicht auch die Füße von außen. Es käme auf einen Versuch an.

Die bisherigen Etappen

Erster Tag: Anti-Pilgern auf dem Jakobsweg: Ich hasse Wandern!

Zweiter Tag: Liebes Tagebuch, auf dem Jakobsweg überholte mich heute ein Rentner mit Asthma

Dritter Tag: Warum ich!? Michael Tallai leidet auf dem Jakobsweg

Vierter Tag: Tallai im App-Stress: Der Jakobsweg ist wie eine Pokémon-Jagd

Sechster Tag: Tallais letzte Jakobsweg-Etappe: Notaufnahme und Taxi statt Triumphzug