So einfach geht Nachhaltigkeit: „Wandelkarten“ zeigen alternativen Konsum

Mehr als ein Jahr arbeitete die Gruppe daran, die mehr als 130 Akteure für die Wandelkarten zu sammeln.
Mehr als ein Jahr arbeitete die Gruppe daran, die mehr als 130 Akteure für die Wandelkarten zu sammeln.
Foto: Ann-Sophie Bohm-Eisenbrandt

Das Wort Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Doch was genau bedeutet das für unseren Alltag? Drei Stadtkarten zeigen ab sofort, welche Läden und Initiativen in Weimar, Jena und Erfurt für alternativen Konsum stehen, und geben damit Tipps für ein nachhaltiges Leben.

8000 Karten liegen feinsäuberlich aufgestapelt bereit. „Druckfrisch“, sagt Korbinian Schütze. „Die Karten sind heute Nachmittag erst aus der Druckerei hier in Weimar gekommen.“ Korbinian ist einer der Organisatoren der „Wandelkarten“, den Stadtkarten für nachhaltigen Konsum in Weimar, Jena und Erfurt. Er gehört wie seine vier Mitstreiterinnen auch zu „WinD“, eine Gruppe von ehemaligen Weltwärts-Freiwilligen. Zusammen mit der Transition Town-Initiative Weimar im Wandel und dem Umweltreferat des Sturas der Uni Jena haben sie die Wandelkarten erstellt.

Auswirkungen des eigenen Handelns verstehen

Die Idee für das Projekt entstand bei den Freiwilligendienstlern nach ihrer Rückkehr nach Deutschland. Alle WinDler haben sich eine Zeitlang in Projekten im sogenannten „Globalen Süden“ engagiert, also in weniger entwickelten Ländern mit relativ großen Armutsanteilen. Die Rückkehrer wünschten sich, auch nach dem Freiwilligendienst weiter entwicklungspolitische Arbeit im weiteren Sinne zu betreiben. „Jeder von uns hat in einem dieser Länder Armut gesehen und verstanden, welche Verantwortung wir hier dafür tragen“, erzählt Hannah Drexler von WinD. Denn wirtschaftliches Handeln hier, und dazu gehört bereits das Einkaufen, hat auch Auswirkungen auf andere Länder.

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Jeder übernimmt Verantwortung in seiner Entscheidung

Die Gruppe ist daher geeint durch die Überzeugung: Jeder hat eine Verantwortung für nachhaltiges Handeln, sodass auch zukünftige Generationen noch gut auf dieser Welt leben können. Diese Verantwortung beginnt bereits beim Einkaufen. „Wir können nicht alles nur auf die Politik schieben. Auch unsere Konsumentscheidungen können viel verändern“, so Korbinian.

Die Wandelkarten zeigen mit ihren über 130 verzeichneten Akteuren in drei Städten nachhaltige Möglichkeiten auf, und das in fünf Kategorien: bio, regional, fair, vegan und nachhaltiges Wirtschaften. Denn alle Ansätze belasten nicht nur die Umwelt weniger, sondern sind auch sozialverträglicher. Wer beispielsweise regional kauft, vermeidet nicht nur lange Transportwege und damit viel CO2, sondern stärkt auch die lokalen Produzenten.

Ohne große Mühe nachhaltig leben

Auf den Karten sind daher ausschließlich kleinere Läden und Initiativen zu finden, die selbst für Werbung kaum Geld haben. Ketten mit Bio-Sortiment beispielsweise tauchen absichtlich nicht auf. Doch nicht nur Geschäfte wie Bioläden und nachhaltige Klamottenläden sind auf den Karten zu finden, sondern auch Organisationen und Initiativen, die Projekte wie Näh- und Repaircafés oder Gemeinschaftsgärten betreiben.

Die Vielfalt an Akteuren auf der Karte zeigt, wie einfach ein Stück Nachhaltigkeit ohne große Mühe in den Alltag integriert werden kann, wenn man nur die richtigen Anlaufstellen kennt. „ Das Ziel ist, auch Menschen anzusprechen, die sich bisher nur wenig mit der Thematik befasst haben“, erläutert Hannah Meyer, die Gestalterin der Karten. Daher werde auch ein anderes Design benutzt, als man es in der Szene sonst gewohnt sei. Die Farbe Grün beispielsweise taucht auf den Karten absichtlich nicht auf.

Wandelkarten online oder analog

Die Karten sind auch online unter http://wandelkarten.de/ einsehbar. Doch die gedruckten Ausgaben der Wandelkarten sind der Gruppe sehr wichtig, da eine physische Version präsenter sei und im Alltag eher gelesen werde. Die Karten sind ab sofort in den teilnehmenden Geschäften und Initiativen sowie nach und nach auch in zentralen Punkten der jeweiligen Städte, wie Stadtverwaltungen, zu finden. Auch wenn das Projekt für die WinD-Gruppe nun zu Ende ist, ist es noch lange nicht fertiggestellt. „Wir stellen die von uns gesammelten Daten gerne zur Verfügung und freuen uns, wenn jemand in Zukunft eine zweite Auflage der Karten herausgibt“, sagt Hannah Drexler. Einige hätten bereits Interesse an einer Erweiterung auf andere Thüringer Städte gezeigt.

Nachhaltiges Leben ist weit mehr als nachhaltiger Einkauf

Die Wandelkarten verstehen sich dabei als einer von vielen Ansätzen, der einige mögliche Wege zu einem nachhaltigen Leben aufzeigt. Denn die Idee hinter den Karten bleibt nicht bei nachhaltigem Einkaufen stehen: Auch Nicht-Konsum ist für die Gruppe ein ernstzunehmender Handlungsansatz. Statt konventionellem Kaufen stehen beispielsweise auch gutbekannte Alternativen wie gemeinschaftliche Nutzung, Tauschen, Verschenken und Reparatur zur Verfügung.

Auch die Beteiligung der Transition Town-Initiative zeigt: Das langfristige Ziel ist nicht weniger als der öko-soziale Umbau der Gesellschaft als ganzheitlicher Ansatz. Was zunächst abstrakt klingt, ist im Detail aber vielleicht gar nicht so aufwändig. Und wer sich an den Einkaufsempfehlungen der Wandelkarten orientiert, kann sicherlich etwas dazu beitragen.