Verrückter Wohntrend breitet sich in Thüringen aus: Ist die Zeit des 0815-Hauses vorbei?

Nein, das ist keine Gartenhütte. Auch in Thüringen setzten immer mehr Menschen auf Tiny Houses.
Nein, das ist keine Gartenhütte. Auch in Thüringen setzten immer mehr Menschen auf Tiny Houses.
Foto: Martin Schutt/dpa

Weimar. Es sind winzige Häuschen - und sie kommen gerade auch in Thüringen ganz groß raus!

Sogenannte Tiny Houses werden als Gartenhaus oder Ferienunterkunft genutzt, mancherorts rücken sie auch als Eigenheim in den Fokus. In Zeiten explodierender Mieten und Wohnungsnot in Großstädten wächst das Interesse an den XS-Behausungen.

Außerdem passen die Kleinstwohnhäuser zum gesellschaftlichen Minimalismus-Trend und der Sehnsucht nach einem einfachen, ökologischen Leben.

Tiny Houses breiten sich auch in Thüringen aus

Eines der ersten Thüringer Tiny Houses steht in Weimar. Die 53 Jahre alte Architektin Christiane Hille hat das 27 Quadratmeter große Domizil geplant und wohnt an den Wochenenden mit ihrem Mann darin. „Das einfache Leben - das ist das, was es so schön macht“, sagt sie.

Ihr Minihaus ist maximal clever eingerichtet. Ein Regal fungiert zugleich als Treppe und Stauraum. Es führt zur Schlafempore, die Platz für mindestens vier Menschen bietet. An der höchsten Stelle ist das Holzhäuschen vier Meter hoch.

Es ist komplett gedämmt, ein Kamin macht es auch im Winter wohnlich. Umgeben ist es von einem Garten, in dem Hille Gemüse anbaut.

Großes Interesse

Das Interesse an der Wohnform ist groß. 165 Besucher haben sich Hilles Häuschen beim Thüringer Tag der Architektur vor einigen Wochen angesehen. Sie hätten unter anderem wissen wollen, ob die Architektin und ihr Mann hier wohnen und wie es mit den Genehmigungen aussieht.

Auch an der ökologischen Toilette, die Trockenes und Flüssiges getrennt auffängt, vortrocknet und vorkompostiert, habe es viel Interesse gegeben.

Hille könne sich durchaus vorstellen, dass man hier dauerhaft wohnt. Für eine Großfamilie sei es aber nichts.

Nicht unbedingt günstiger

Allerdings: Will man die Tinys als Eigenheim und festen Wohnsitz nutzen, gelten dieselben Regeln wie beim Einfamilienhaus. Es braucht also Baugrund und eine Baugenehmigung, Anforderungen an Statik oder Brandschutz sind einzuhalten, wie der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DSTGB) betont.

Günstiger sind die Häuschen nicht unbedingt, sagt Hille. Mit etwa 1900 Euro pro Quadratmeter sei der Preis ihres kleinen Hauses zu veranschlagen. „Günstig ist es dadurch, dass man wenig heizt, wenig saubermachen muss, eher so im Unterhalt“, sagt sie.

Tiny Houses seien ein Trend, der auf das zeitgemäße Bedürfnis nach Minimalismus und einfachem Leben reagiere. Sozusagen als schönere, komfortable Datsche: Als „Upcycling in der Gartenlaube“ bezeichnet es Hilles Architektenbüro.

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Doch können Tiny Houses eine Antwort auf den angespannten Wohnungsmarkt sein?

Zumindest Hille ist skeptisch. „Das braucht ja auch Platz um sich herum, sonst ist es ja witzlos.“ Doch während der Wohnungsmarkt in Thüringen größtenteils noch vergleichsweise entspannt ist, ist die Lage in anderen Bundesländern angespannter.

Bezahlbare Wohnungen fehlen, der Neubau reicht bei weitem nicht aus, die Immobilienpreise steigen. „Die Tiny-House-Projekte sind ein spannender Ansatz“, sagt der Sprecher des Städte- und Gemeindebunds. „Sie können geeignet sein, Wohnraum etwa für Studenten oder Single-Haushalte zu bieten und Städte und Gemeinden in Bezug auf Wohnungsnot zu entlasten.“

In Dortmund und Bremen laufen Vorhaben, in Karlsruhe hat sich eine Initiative gebildet - es kommt Bewegung in das Ganze. In Hannover soll sogar die größte Tiny-House-Siedlung Europas entstehen. Und zwar klimaneutral, mit hohen Ökostandards und zunächst für gut 210 Menschen, wie dort die Initiative Ecovillage betont. In der bayerischen Fichtelgebirgsgemeinde Mehlmeisel existiert bereits ein solches Tiny-Dorf - die wohl allererste Siedlung dieser Art in Deutschland, auf einem ehemaligen Campingplatz.

Nachfrage enorm gestiegen

Die Schreinerei Tiny House Diekmann in Hamm (Nordrhein-Westfalen) hat sich auf Kleinstwohnhäuser spezialisiert und seit drei Jahren die Auftragsbücher voll. Für Tiny Häuser mit ihren geringen Platzansprüchen könnten viele Areale passen - auch etwa Brachflächen, die für konventionelle Baunutzung nicht ausreichten, sagt die Sprecherin des Unternehmens, Vera Lindenbauer.

Bundesweit gebe es rund 20 Tiny-House-Anbieter, sagt Isabella Bosler, Geschäftsführerin von Tiny Houses Consulting. Dazu kommen noch Firmen aus dem benachbarten EU-Ausland. „Die Firmen sprießen gerade wie Pilze aus dem Boden, daher ist es schwierig, einen kompletten Überblick zu bekommen.“ Boslers Firma aus Bayern berät zu Fragen des Baurechts und bei der Planung. Ein Verband zum Thema habe sich bislang nicht gebildet, sagt Bosler.

Wer interessiert sich für Tiny Houses?

Und wer will in die Zwergenhäuser - ursprünglich aus den USA stammend - einziehen? Lindenbauer zufolge sind es oft Menschen, die minimalistisch leben, auf Überflüssiges bewusst verzichten wollen. „Und wir haben eine große Kundengruppe, die ihren ökologischen Fußabdruck verringern möchte.“

Auch in Umbruchphasen - nach Trennungen oder Jobwechseln - werde so mancher zum Tiny-Freund. Zudem junge Leute, die sich für ein Eigenheim nicht gleich über Jahrzehnte verschulden wollen. „Und Mieter, die für 65 Quadratmeter nicht weiter 1200 Euro zahlen wollen.“ (dpa/mb)