Neuseeland: Anschlag auf Moscheen – Facebook zieht radikale Konsequenzen

Nach einem Anschlag auf die Al-Nur-Moschee in Christchurch, Neuseeland, wurde das Gebetshaus von der Polizei umstellt.
Nach einem Anschlag auf die Al-Nur-Moschee in Christchurch, Neuseeland, wurde das Gebetshaus von der Polizei umstellt.
Foto: dpa
  • Anschläge auf Moscheen in Christchurch, Neuseeland
  • Australier (28) zielt mit automatischer Waffe auf Muslime
  • Zahl der Opfer steigt
  • Mann verhindert weitere Tote

Christchurch. In Neuseeland hat ein Mann am Freitag zuerst die Al Noor Moschee in Christchurch gestürmt und mit einer automatischen Waffe Dutzende Menschen erschossen.

Danach setzte der Attentäter seinen Massenmord in einer weiteren Moschee in einem Vorort von Christchurch fort. Erst das mutige Eingreifen eines Moschee-Besuchers beendete den Anschlag. Die Zahl der Todesopfer ist am Sonntag auf 50 gestiegen.

Anschlag in Neuseeland: Attentäter filmt Gräueltat und schießt auch auf Kinder

Während des Freitagsgebets befanden sich rund 300 Muslime in der Deans Ave Moschee. Mindestens 40 Menschen soll der Angreifer allein dort getötet haben.

Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern stuft den Angriff als Terrorakt ein. Im Fernsehen sagt sie: „Es ist klar, dass dies nur als terroristische Attacke beschrieben werden kann.“

Der Mann, Brenton Tarrant, ein 28 Jahre alter rechtsterroristischer Australier, streamte seinen Angriff mit Hilfe einer Helmkamera 17 Minuten lang auf Facebook. Er trug Tarnkleidung und eine schusssichere Weste, wie Augenzeugen berichten. Während seiner Tat soll er auch auf Kinder geschossen haben.

Mann verhindert wohl weitere Tote

Kurze Zeit später fielen auch in einer zweiten Moschee im Vorort von Christchurch Schüsse. In der Linwood Moschee soll es mindestens zehn Todesopfer geben.

Medienberichten zufolge soll ein mutiger Moschee-Besucher (48) der Gräueltat dort wohl ein Ende geboten haben. Der Internetseite Newshub zufolge rannte der aus Afghanistan stammende Mann aus der Moschee und lockte den Attentäter mit Schreien nach draußen.

Dort habe er eine vom Schützen weggeworfene Waffe aufgehoben und ihn damit bedroht, woraufhin dieser weggefahren sei.

Facebook zieht radikale Konsequenzen

Kopien des Videos verbreiteten sich rasend schnell im Internet. Facebook geht nach eigenen Angaben mit großem Aufwand gegen Videos vor, die Bilder des Anschlags zeigen.

In den ersten 24 Stunden nach der Tat habe das Unternehmen 1,5 Millionen Videos des Massenmords gelöscht. Dabei lösche das Unternehmen auch alle Videos, die keine Gewaltszenen zeigen – aus Respekt für die Betroffenen sowie wegen Bedenken der Behörden.

Der Attentäter soll zuvor auch ein rechtsextremistisches Manifest in den sozialen Medien verbreitet haben. Das Manifest wurde unter dem Namen Brenton Tarrant veröffentlicht – ob das Dokument authentisch ist, ist bislang unklar.

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Zahl der Toten steigt

Am Sonntag ist die Zahl der Todesopfer auf 50 gestiegen, nachdem Ermittler in einer der beiden Moscheen eine weitere Leiche gefunden hatten.

Wie die Behörden mitteilten, befanden sich am Sonntag noch 34 Verletzte im Krankenhaus, zwölf davon auf der Intensivstation.

Polizei findet weitere Waffen im Auto des Attentäters

Brenton Tarrant wurde nach Angaben der Polizei 36 Minuten nach dem ersten Notruf in einem Auto festgenommen.

In seinem Auto habe die Polizei zwei weitere Schusswaffen gefunden, sagte Jacinda Ardern. „Er hatte absolut die Absicht, seinen Angriff fortzusetzen“, so Neuseelands Premierministerin.

Weitere Festgenommene wieder auf freiem Fuß

Der Attentäter war für die Behörden ein ungeschriebenes Blatt. Er hatte kriminelle Vorgeschichte und wurde nicht auf Beobachtungslisten in Neuseeland oder Australien geführt.

Neben Brenton Tarrant hatte die Polizei drei weitere Personen festgenommen. Diese hätten wohl nichts mit den Angriffen zu tun, sagte Polizeipräsident Mike Bush am Wochenende.

Neuseelands Premierministerin: „Beispielloser Akt von Gewalt“

Für Neuseeland ist der Angriff der größte Massenmord in der Geschichte des Landes in Friedenszeiten. Premierministerin Ardern schreibt auf Twitter: „Was in Christchurch passiert ist, ist ein außerordentlicher und beispielloser Akt von Gewalt. Er hat keinen Platz in Neuseeland.“ Den Opfern drückt sie ihr Beileid aus. „Neuseeland ist ihre Heimat“, heißt es weiter.

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Auch Australiens Premierminister Scott Morrison äußerte sich bereits und stuft den Angriff genau wie Ardern als Terrorakt ein. Er sagte am Freitag: „Wir verurteilen diese Attacke, die von einem rechtsextremistischen, gewalttätigen Terroristen begangen wurde, aufs Schärfste.“

Angela Merkel: „Seite an Seite gegen solchen Terror“

Auch Kanzlerin Merkel drückt ihr Beileid aus und lässt über Regierungssprecher Steffen Seibert auf Twitter verlauten: „ Tief erschüttert verfolge ich die Nachrichten aus Christchurch. Ich trauere mit den Neuseeländern um ihre Mitbürger, die friedlich betend in ihren Moscheen überfallen + aus rassistischem Hass ermordet wurden. Wir stehen Seite an Seite gegen solchen Terror.“

Sorge um Sicherheitslage in Europa wächst

Nach der Attacke in Neuseeland wächst auch in Europa wieder die Furcht vor extremistischen Anschlägen. So haben Frankreich und Großbritannien die Sicherheitsvorkehrungen rund um religiöse Einrichtungen erhöht.

Der französische Innenminister Christophe Castaner kündigte Kontrollen rund um religiöse Stätten an. Die britische Terror-Abwehr erklärte, es werde verstärkt Polizeistreifen im Umkreis von Moscheen geben. In Berlin verwies das Innenministerium auf Nachfrage darauf, dass eine Erhöhung der Sicherheitsvorkehrungen Sache der Bundesländer sei. Bisher sei dem Ministerium dazu nichts bekannt.

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland beklagte am Freitag eine Zunahme von Gewalt gegen Muslime im Land. "Wir beobachten eine ständige Zunahme von Anschlägen auf Moscheen und Übergriffe auf Muslime", sagte der Vorsitzender Aiman Mazyek der Deutschen Presse-Agentur am Freitag.

Immer mehr Angriffe gegen Muslime

Alleine in diesem Jahr seien mehr als 20 Angriffe auf muslimische Einrichtungen in Deutschland registriert worden, die Zahl der Angriffe auf muslimische Bürger sei weitaus höher.

Der Angriff in Neuseeland Freitag "sollte nicht nur für betroffene Muslime Anlass zu größter Sorge sein, sondern bei uns allen, insbesondere aber auch den Sicherheitsbehörden ein Umdenken einleiten", sagte Mazyek. Auch der Islamverband Ditib hat Sicherheitsbehörden aufgerufen, die Unversehrtheit von Moscheen und Muslimen zu garantieren.

Mazyek befürchtet zudem, dass rechtsextreme Netzwerke in Deutschland ähnliche Attacken ausführen könnten: "Wenn der Staat zulässt, dass sich diese Netzwerke ausbreiten, ist die Gefahr eines solchen Anschlags wie jetzt in Christchurch auch in Deutschland nicht mehr auszuschließen", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Angesichts von immer mehr Anschlägen auf Moscheen forderte er zudem mehr Polizeischutz. (cs,pen,ak/mit dpa)