„Anne Will“: Sendung zeigt das ganze Trauerspiel unserer Demokratie auf

Polit-Talkshows wie „Anne Will“ erwecken ein falsches Bild von Demokratie.
Polit-Talkshows wie „Anne Will“ erwecken ein falsches Bild von Demokratie.
Foto: dpa

Berlin. Sonntagabend, 21.50 Uhr. Der deutsche Fernsehzuschauer hat soeben den „Tatort“ hinter sich gebracht. Und wer nicht schon ins Bett muss, der wird wohl einfach weiterschauen und sich den „Tatort“ der politischen Unterhaltung ansehen: „Anne Will“.

Etwas heimelig, nicht zu provokant und bei allem Zoff doch irgendwie immer vorhersehbar. Das bietet „Anne Will“ - fairerweise muss man sagen, dass das wohl zu jeder „politischen“ Talkshow gehört. Ob da nun „Maischberger“, „Hart aber fair“ oder eben „Anne Will“ auf der Verpackung steht.

„Anne Will“: Politische Talks sind wie ein Kaufhaus-Schaufenster

Wahrscheinlich könnte man sogar Florian Silbereisen die Moderation übergeben. Selbst er könnte wohl die seit 20 Jahren etablierten Muster des politischen Talks nicht aufbrechen. Jenem Programm, das vor allem jeden Sonntagabend die Vorstellung der Demokratie von Millionen Deutschen prägt. Und das ist ein einziges Trauerspiel.

Denn Demokratie wird hier nur gespielt, der Austausch von Ideen findet nicht statt. Politische Talks in Deutschlands sind kein Verhandlungstisch, sondern das Schaufenster in einem Kaufhaus. Böse Zungen würden sogar von einem Grabbeltisch sprechen.

Reiner Haseloff sagt etwas - am Ende spielt es aber auch keine Rolle

An diesem Abend hat ein Mann namens Björn Höcke mit seiner AfD fast ein Viertel der Wähler von sich überzeugt. Ein Mann, der nach einem gerichtlichen Urteil Faschist genannt werden darf. Ein Mann, der seit Jahren den Kult um seine Person anfacht, der mit radikalen Äußerungen den Zusammenhalt der Gesellschaft zertrümmern will. Doch das ist gar nicht Thema.

Dieser traurige Talk hätte so auch an fast jedem beliebigen Sonntag der vergangenen Jahre stattfinden können. CDU-Mann Reiner Haseloff erzählt das, was man als CDU-Politiker an so einem Abend nun einmal erzählt. Eine Koalition mit den Linken? Nun ja, schwierig. Man weiß es nicht. Am Ende würden es eh andere entscheiden.

Jeder spielt brav seine Rolle

Linken-Politikern Sahra Wagenknecht stimmt die erwartbare Lobeshymne auf Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow an („Es war die gesellschaftliche Mitte, die Bodo Ramelow gewählt hat“, „Er hat versucht, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.“). Danke, weiter.

Dann ist da noch Schriftstellerin Ines Geipel, die die Rolle „Quoten-Ossis“ spielen darf. Sie findet die AfD schlimm, die Linke aber auch. Insbesondere, dass die Linke einen Personenwahlkampf um Ramelow geführt hat. Es gebe nur Alternative zwischen Kuschelkurs von Ramelow und Radikalisierung. Der Erkenntnisgewinn: Null.

Erkenntnisse aus dem Jahr 2009 werden immer neu vorgekaut

Und dann ist da noch der unvermeidliche Wissenschaftler, in diesem Fall dargestellt von Oliver Decker (Direktor des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig). Er spricht von fortschreitender Radikalisierung und Polarisierung. Aha, soweit so 2015. Auch die Tatsache, dass die Wählerbindung an Parteien nachlässt, ist nun wahrlich nicht neu.

„Wir sehen, dass es innerhalb einer Partei nicht mehr möglich ist, verschiedene Milieus einzubinden“, so Decker. Eine Erkenntnis, die die SPD wohl spätestens 2009 erstmals schmerzlich gemacht hat. Aber Decker trifft keine Schuld. Was soll man auch Neues erzählen, wenn alle paar Wochen live im TV das gleiche Thema besprochen wird und man immer wieder von vorn beginnt.

Polit-Talkshows vermitteln einen fatalen Eindruck

Hierin liegt das wahre Trauerspiel von Polit-Talkshows. Viele Menschen nehmen sie als Sinnbild der Demokratie wahr. Doch diese Talks haben wenig damit zu tun. Immerzu beginnt man von vorn, spult alte Platten ab, weil es immer wieder gleiche Themen gibt. Und anstatt Kompromisse auszuhandeln und konstruktiv zu diskutieren, wird besonders öffentlich gestritten.

„So ist sie nun einmal die Demokratie. Politiker streiten sich, sie erzählen immerzu das Gleiche“, das ist der Eindruck, den Wähler beim Konsum von Polit-Shows von der Demokratie bekommen müssen.

Jeder spielt die ihm zugeschriebene Rolle. Keiner bricht aus, keiner überrascht. AfD-Mann Georg Pazderski spielt seine traurige Rolle als Bürgerlicher in einer Partei, die sich von den Pazderskis und Meuthens längst verabschiedet hat, genau so, wie sie sich zuvor von Lucke und Petry verabschiedet hat. Aber irgendwie traut sich an diesem Abend niemand, Pazderski das mitzuteilen.

Eigentlich weiß Haseloff auch nicht so richtig Bescheid

Und Sahra Wagenknecht singt mal wieder das Lied vom bösen Kapitalismus, der ganz allein an den Erfolgen der AfD Schuld trägt. Haseloff redet so viel herum, dass auch der Letzte begreift, dass der CDU-Mann auch nicht so richtig weiß, wie seine Partei auf die aktuellen Herausforderungen reagieren soll.

Bei ein paar Äußerungen der Gäste wird geklatscht, bei einigen gebuht. Ein Einspieler zeigt, wie schlimm der „Flügel“ um Björn Höcke ist. Danach fliegen ein paar Vorwürfe durch die Gegend, die niemand prüfen kann. Für die Wähler ist das frustrierend - und für die Demokratie ein Trauerspiel.