Corona in Deutschland: ER attackiert Großstädte wegen Corona-Management „Disziplin lässt erkennbar nach“

Ende der Maskenpflicht: Deutsche sind gespalten

Weil in einigen Bundesländern die Zahl der Corona-Infektionen sinkt, wird vielerorts eine Aufhebung der Maskenpflicht diskutiert, so zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Eine Lockerung könnte bereits nach den Sommerferien in Kraft treten. Eine Umfrage in Berlin.

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Es ist eine Frage, die gerade viele beschäftigt: Was erwartet uns in der Corona-Krise im Herbst? Tritt die Albtraum-Prognose von Bundeskanzlerin Angela Merkel von fast 20.000 Covid-19-Infektionen pro Tag bis Weihnachten wirklich ein?

Die Coronavirus-Infektionszahlen in den europäischen Nachbarländern Frankreich, Großbritannien, Tschechien den Niederlanden und Belgien sind weitaus bedrohlicher – warnen aber auch, wie dramatisch sich das Virus-Geschehen ebenso in Deutschland entwickeln könnte. Alle Neuigkeiten gibt es in unserem Live-Ticker.

Freitag, 09. Oktober

08.29 Uhr: Dobrindt wirft deutschen Großstädten lasches Corona-Management vor

Erst gestern überschritt mit der Bundeshauptstadt Berlin die bevölkerungsreichste Stadt Deutschlands die kritische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 in sieben Tagen. Angesichts stark steigender Corona-Infektionszahlen hat CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt deutschen Großstädten mangelnde Disziplin und politische Fehler vorgeworfen. „Gerade in Großstädten wie Berlin lässt die Disziplin erkennbar nach und die Stadtpolitik macht erhebliche Fehler“, sagte Dobrindt. Das betreffe „die Zulassung großer Feiern und Festivals sowie fehlende Kontrollen bei der Einhaltung der Hygienevorgaben“.

„Das alles trägt leider erheblich zur Verbreitung des Virus bei“, so der Politiker weiter. Lokale Ausbrüche müssten aber lokal und konsequent bekämpft werden. Sein Bundesland Bayern habe „mit Garmisch und München gezeigt, wie das gelingen kann“. In Berlin hingegen scheine die Nachverfolgung von Infektionsketten „nicht ausreichend gewährleistet zu sein“. „Aus ideologischen Gründen dabei auf die Unterstützung der Bundeswehr zu verzichten, ist höchst fahrlässig und gefährlich“, sagte der CSU-Politiker.

Aus Dobrindts Sicht sind die Befürchtungen „real, dass wir im Dezember zu täglichen Infektionszahlen von über 19.000 kommen können“. Eine solche Entwicklung müsse dringend vermieden werden, „um nicht in einen faktischen Lockdown zu kommen, weil sich zu viele Menschen in Deutschland gleichzeitig in Quarantäne aufhalten müssen.“

Donnerstag, 08. Oktober

17.00 Uhr: Ganz Berlin erstmals über kritische Marke!

Au weia! Jetzt hat Berlin als ganze Stadt eine kritische Marke gerissen – und nicht nur einzelne Bezirke! Pro 100.000 Einwohner sind in den letzten sieben Tagen 52,8 Neuinfektionen gemeldet worden, meldet die Senatsgesundheitsverwaltung. Besonders heftig ist es im Stadtteil Neukölln: Dort liegt die 7-Tage-Inzidenz bei 114,3. Den zweithöchsten Wert meldet Mitte mit 78,3. In Tempelhof-Schöneberg (72,4) und Friedrichshain-Kreuzberg (68,9) melden ebenfalls deutlich zu hohe Werte.

09.25 Uhr: Jens Spahn und RKI-Chef Wieler geben Pressekonferenz nach sprunghaftem Anstieg der Zahlen

Am Donnerstagvormittag nahm Gesundheitsminister Jens Spahn nach dem sprunghaften Anstieg der Corona-Neuinfektionen in Deutschland auf einer Pressekonferenz Stellung. Spahn sagte, dass in Pflegeheimen Schnelltests genutzt werden sollen, weil man erlebt habe „wie brutal das Virus zuschlägt".

Man habe in der Intensiv- und Beatmungsmedizin Fortschritte seit dem Frühjahr gemacht. Hinzu kommen die Einreise- und Quarantäneregelungen, Deshalb könne Deutschland mit "Zuversicht aus dem Erreichten“ in die nächsten Wochen gehen. Spahn: „Es liegt an uns selbst, ob wir es schaffen,das Erreichte zu sichern.“ Es sei ein Charaktertest für die Gesellschaft.

RKI-Chef Lothar H. Wieler teilte diese Zuversicht des Ministers auf der Pressekonferenz nicht. Es sei möglich, dass es in kurzer Zeit 10.000 Fälle pro Tag geben werde. Dann würde sich das Virus unkontrolliert verbreiten, so Wieler. Das Infektionsrisiko in Deutschland „macht mir große Sorgen“, sagt Wieler.

Es sei ein „Trugschluss" zu Glauben, das Virus sei nicht so gefährlich, weil man gut durch den Sommer gekommen sei. Es spricht von einem „Präventionsparadox“. Gerade weil man Maßnahmen ergriffen und eingehalten hat, die geholfen haben, habe es wenige neue Infektionen gegeben. Dennoch gebe es derzeit bereits wieder 470 Patienten auf Intensivstationen.

Wieler erweiterte die AHA-Regel für den Herbst – also Abstand halten, Hygiene beachten, Alltagsmasken – um den Buchstaben L, nämlich Lüften. Das Lüften sei eine neue wichtige Maßnahme für die kommenden kälteren Monate, um für Luftaustausch in geschlossenen Räumen zu sorgen. Somit laute die neue Formel „AHA+L“.

Professorin Dr. Susanne Herold, Professur für Infektionskrankheiten der Lunge, erklärte danach auf der Pressekonferenz, dass man eine „neue Welle“ von Patienten in den Kliniken erwarte. Jedoch seien die Mediziner nun besser vorbereitet als im Frühjahr. Man habe viel gelernt über Covid-19 und auch über Krankheitsverläufe und den Einsatz von Medikamenten. Es sei trotzdem „keine Erkrankung der Alten und Schwachen“, warnte Herold vor einer leichtsinnigen Annahme. Das Risiko steigere mit dem Alter, aber auch viele sportliche Menschen habe die Krankheit schwer getroffen.

06.12 Uhr: Sprunghafter Anstieg an Neuinfektionen

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Deutschland ist sprunghaft auf mehr als 4000 binnen eines Tages angestiegen. Die Gesundheitsämter meldeten 4058 neue Corona-Infektionen innerhalb der vorangegangenen 24 Stunden, wie das Robert Koch-Institut (RKI) am Donnerstag mitteilte. Das sind über 1200 mehr als am Mittwoch, als mit 2828 Neuinfektionen ein neuer Höchstwert seit April gemeldet wurde.

Mittwoch, 07. Oktober

21.19 Uhr: Landkreis schließt Tönnies-Schlachthof

Der Schlachthof Weidemark in Sögel (Emsland), der zur Tönnies-Gruppe gehört, wird vorübergehend geschlossen. Inzwischen sind dort 112 Beschäftigte des Fleischbetriebs mit dem Coronavirus infiziert, teilte der Landkreis Emsland am Mittwoch mit.

Die Schlachtung werde am Freitag enden, bis Sonntag werde noch zerlegt, danach werde der Betrieb mit rund 2000 Mitarbeitern voraussichtlich 22 Tage dicht sein. „Diese Regelung ist wichtig, um zu vermeiden, dass es zu einer exponentiellen Verbreitung des Virus in der Belegschaft, aber auch außerhalb des Schlachthofes kommt“, hieß es in der Mitteilung.

19.24 Uhr: Neue Risikogebiete!

Die Bundesregierung hat ganz Rumänien, Tunesien, Georgien und Jordanien sowie einzelne Regionen in sieben EU-Ländern zu Corona-Risikogebieten erklärt. Mit Tunesien zählt nun ein weiteres beliebtes Urlaubsland als Risikogebiet.

Das Robert Koch-Institut aktualisierte seine Risikoliste am Mittwochabend entsprechend.

16 Uhr: Herbstferien-Hammer! Ministerpräsidenten beschließen DAS

Die Bundeländer haben sich auf ein Beherbungsverbot für Urlauber aus inländischen Corona-Risikogebieten geeinigt. Das Verbot gilt bundesweit. Bei einer Schaltkonferenz haben die Ministerpäsidenten das beschlossen.

Die Deutsche Presse-Agentur hat dies am Mittwoch zu erst berichtet. Sie beruft sich auf Teilnehmerkreise nach einer Schaltkonferenz der Chefs der Staatskanzleien der Länder mit Kanzleramtschef Helge Braun.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder gab am Mittwoch bekannt, dass es eine Pflicht für Corona-Tests für alle Reisenden gebe, die aus Corona-Risikogebieten kommen und in Bayern Urlaub machen wollen. Für alle, die keinen negativen Corona-Test vorlegen könnten, gelte ein Beherbergungsverbot, schrieb Söder am Mittwoch bei Twitter.

Nach einem Bericht der BILD-Zeitung gibt es Ausnahmen von der Neuregelung: Personen, die einen negativen Corona-Test vorlegen. Wenn dieser negative Corona-Test maximal 48 Stunden alt ist, dürfen auch Menschen aus deutschen Risiko-Gebieten in Hotels übernachten.

Laut dem Robert-Koch-Institut haben folgende Landkreise aktuell die kritische 50er-Neuinfektions-Marke gerissen. Demnach wären also die Einwohner aus diesen Orten betroffen:

  • Hamm (NRW)
  • Remscheid (NRW)
  • Landkreis Vechta (Niedersachsen)
  • Bremen
  • Berliner Bezirke: Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte, Neukölln, Tempelhof-Schöneberg

Vier Bundesländer machen bei der Neuregelung zum Beherbergungsverbot nicht mit: Niedersachsen, Hamburg, Thüringen und Berlin. In diesen Ländern befinden sich gleich mehrere Regionen, die das RKI bundesweit zu den 15 am schlimmsten betroffenen Orten zählt.

14.52 Uhr: Erneuter Massenausbruch in Schlachthof! Diesmal ist DIESE Region betroffen

Schon wieder wird ein Schlachthof zum Corona-Hotspot. In einem Betrieb in Cloppenburg (Niedersachsen) sind mehr als 60 Infektionen registriert worden.

Der Schlachthof in Emstek verzeichne am Mittwoch 63 positive Corona-Fälle. Das gab Landrat Johann Wimberg am Mittwoch bekannt. Mehr als 300 Personen wurden in Quarantäne versetzt.

Schwerpunkt der Infektionen: Der Bereich der Grobzerlegung. Der Schlachthof, in dem 1100 Mitarbeiter angestellt sind, gehört zum Konzern Vion. Der Betrieb soll nicht heruntergefahren werden, sondern eingeschränkt weiterlaufen.

Wimberg weiter: Ob das öffentliche und private Leben wegen der Neuinfektionen flächendeckend in dem ohnehin in den letzten Wochen stark betroffenen Landkreis eingeschränkt werden muss, stehe noch nicht fest.

8.15 Uhr: RKI meldet neuen Corona-Rekord seit April

Das Robert Koch-Institut meldet am Mittwochmorgen neue besorgniserregende Zahlen. Demnach gibt es in Deutschland (Stand Dienstag):

  • Insgesamt 306.086 registrierte Covid-19-Patienten bislang.
  • Das sind 2828 mehr als am Vortag
  • Es gab 16 neue Todesfälle. Nun gibt es 9562 Todesfälle.
  • Die Johns-Hopkins-Universität zählt für Deutschland 307.127 Infizierte und 9550 Todesfälle.
  • Die Reproduktionszahl (R-Zahl) liegt nach RKI-Schätzung derzeit bei 1,15 (Vortag 1,21). Die 7-Tage-Reproduktionszahl liegt bei 1,08, ebenso wie am Vortag.

Damit erreicht Deutschland einen neuen Höchstwert an Neuinfektionen seit April. So hohe Zahlen hatte Deutschland zuletzt in der zweiten Aprilhälfte.

Dienstag, 06. Oktober

16.29 Uhr: Corona in Deutschland: Nach Familienfeier müssen sich 700 Mitarbeiter testen lassen - zwei Werke geschlossen

Corona-Schock in Hessen. Nach einer Familienfeier müssen 700 Mitarbeiter der Design-Firma „Seidel“ zum Corona-Test.

Wie der Landkreis Marburg-Biedenkopf erklärte, soll ein infizierter Mitarbeiter „während der ansteckungsfähigen Phase“ Ende September auf der Feier im Kreis Gießen elf Kollegen angesteckt haben – mittlerweile wurden laut „Oberhessische Presse“ 15 Kollegen positiv getestet. Insgesamt haben sich sogar 25 der 27 Feier-Gäste mit Corona infiziert.

Das Design-Unternehmen hat deswegen beide Werke in Marburg und Fronhausen vorübergehend geschlossen.

Gegenüber der Bild erklärte der Unternehmenschef Dr. Andreas Ritzenhoff: „Den meisten der infizierten Mitarbeiter geht es Gott sei Dank relativ gut. Wir haben im Moment eine Person, die in der Klinik ist. Zwei, drei weitere liegen wirklich flach, denen geht es nicht gut. Der Rest hat Symptome, aber das geht einigermaßen.“

12.44 Uhr: Coronavirus in Deutschland: Virologe Streeck empört mit seiner Einschätzung

Die ARD zeigte wegen der sich zuspitzenden Coronavirus-Lage in Deutschland ein Extra nach der Tagesschau am Montagabend. Ein großes Thema der Sendung: Müssen wir in Deutschland anders mit den steigenden Zahlen umgehen und was sagen sie wirklich aus?

Zum ersten Höhepunkt der Krise waren etwa 20 Prozent der Corona-Infizierten in stationärer Behandlung, heute sind nur noch sechs Prozent der Covid-19-Patienten in der Klinik. Die Infizierten sind im Durchschnitt laut Statistiken des Robert Koch-Instituts momentan deutlich jünger als noch im Frühjahr.

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Coronavirus in Deutschland: Aktuelle Zahlen

  • In Deutschland gibt es über 300.000 bestätigte Corona-Fälle.
  • 9534 Covid-19-Patienten sind verstorben.
  • Der Anteil der Verstorbenen an allen registrierten Fällen liegt bei 3,2 Prozent.
  • Die 7-Tage-Inzidenz lag zuletzt bei 16,8 Fälle pro 100.000 Einwohner und einer täglichen Inzidenz von 24,3 neuen Fällen pro 1 Million Einwohner.
  • Zum Vergleich: In Spanien liegt sie derzeit bei rund 224, in Tschechien bei 223, in den Niederlanden bei 183 und in Frankreich bei 167 täglich neuer Fälle pro 1 Million Einwohner. Teilweise also zehnfach höher als in Deutschland.

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Dennoch sind laut aktuellem Tagesbericht des RKI 447 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 210 müssen beatmet werden. Zudem liegt laut RKI-Schätzung der 4-Tage-R-Wert, also die Reproduktionszahl, bei hohen 1,21. Ein Infizierter steckt somit im Durchschnitt mehr als einen weiteren neu an.

Virologe Hendrik Streeck gab für die ARD-Extra-Sendung eine kurze Einschätzung ab. Er rechnet damit, dass die Infektionszahlen „massiv nach oben gehen werden“. Aber das sei nicht so dramatisch, wie man jetzt denken könnte. Streeck: „20.000 Neuinfektionen pro Tag, das klingt erstmal nach Apokalypse. Das sind enorme Zahlen. Aber im Grunde sollte uns das keine Angst machen. Weil ein milder Verlauf oder ein Verlauf ohne Symptome trägt nicht so stark zum Infektionsgeschehen bei.“

Corona in Deutschland: Merkel Albtraum-Szenario nimmt Gestalt an

Für diese Aussage wird Streeck im Netz heftig angegangen. Viele halten die Einschätzung des Virologen für leichtsinnig, populistisch und gefährlich. Eine Zuschauerin fragt bei Twitter beispielsweise sarkastisch: „Wissen die Gesundheitsämter auch schon, dass 20.000 Infektionen kein Problem sind?“ Andere meinen dagegen, es sei gerade gut, dass auch mal eine andere Experten-Meinung im Fernsehen eine Bühne bekommt. Bereits bei Markus Lanz hatte Streeck sich gegen strenge Corona-Verbote ausgesprochen und ein Umdenken in der Corona-Politik gefordert.

Coronavirus-Krise in Deutschland: Behält Merkel mit ihrer Albtraum-Prognose recht?

Derweil zeigt eine Grafik des „Welt“-Redakteurs Olaf Gersemann, dass die Horror-Prognose von Kanzlerin Angela Merkel von 19.200 Corona-Fällen täglich zu Weihnachten leider realistischer wird. Er würde vom 28. September, dem Tag an dem Merkel dieses Szenario zeichnete, eine Wachstumslinie.

Dazu verglich er den tatsächlichen 7-Tage-Schnitt der Infektionen. Es zeigt sich, dass wir aktuell fast auf der Linie liegen, lediglich leicht darunter.