Flüchtling aus Bochum verwundert: „Deutschen wissen gar nicht, was für ein Land sie haben“

5 Jahre "Wir schaffen das!": Flüchtlinge in Deutschland

5 Jahre "Wir schaffen das!": Flüchtlinge in Deutschland
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Bochum. „Deutschland ist das Paradies, von dem wir im Iran gesprochen haben“, sagt Diar Abdi (26) rund fünf Jahre nach seiner Ankunft als Flüchtling in Bochum. Die Grundrechte für jeden, die Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt und die Freiheit sein Leben zu gestalten – all das empfindet der 26-Jährige in Deutschland als großes Privileg. Dabei wollte der gebürtige Iraner eigentlich gar nicht hier hin.

Dass er 2015 als Flüchtling in Bochum stranden sollte, war nie sein Plan. Eigentlich hatte der junge Iraner ein ganz anderes Ziel – doch ein unglücklicher Zufall machte Abdi einen Strich durch die Rechnung.

Flüchtling in Bochum: Freunde lassen ihn zurück

Rund fünf Jahre sind vergangen seit diesem Tag im Oktober 2015. Gemeinsam mit vier Freunden ist Diar Abdi aus dem Iran geflohen. Sein Ziel: England. Dort lebte schon seit Jahrzehnten ein Bekannter der Familie.

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„Wir schaffen das“ – es sind eigentlich nur drei Worte. Doch seit 2015 polarisierte in Deutschland kaum etwas mehr als dieser Leitsatz von Angela Merkel. Auf der einen Seite löste die Parole der Kanzlerin eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Doch ein anderer Teil der Gesellschaft fühlte sich überfordert. Überfordert von mehr als einer Million Flüchtlingen, die auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015/16, nach Deutschland kamen.

Zwischen Willkommenskultur und AfD-Aufstieg, zwischen Sprachbarriere und Hoffnung auf ein friedliches Leben versuchen die Geflüchteten seitdem in Deutschland Fuß zu fassen. Fünf Jahre sind nun vergangen: Zeit für ein Zwischenfazit. Wie sind die Flüchtlinge mittlerweile in Deutschland angekommen? Was sind ihre prägendsten Erfahrungen? Welche Wendepunkte haben ihr Leben bestimmt?

13 Flüchtlinge haben DerWesten, Moin.de, News38 und Thüringen24 verraten, wie ihr Leben in der neuen Heimat Deutschland heute aussieht.

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Doch auf der Zwischenstation in Deutschland baut der junge Iraner plötzlich schwer ab. „Ich wurde bewusstlos. Keine Ahnung, was da los war.“ Die Schlepper machen Druck, lassen die Gruppe nicht warten. Diar Abdi muss ins Krankenhaus, wird später als Flüchtling in Bochum registriert. Er bleibt allein zurück.

„Sie haben etwas über dich gefunden. Hau sofort ab“

Dabei konnte die Gruppe bis dahin nichts trennen. Als Studenten hatten sie im Iran politische Schriften gegen das Regime verfasst, Abdi sich zusätzlich in einer kurdischen Partei engagiert.

Eines Tages der Anruf eines Bekannten aus dem Militär: „Sie haben euer Studentenheim durchsucht und etwas über dich gefunden. Hau' sofort ab“, erinnert sich Abdi an seine Worte. Er kehrt nicht mehr nach Hause zurück, flieht sofort über die Grenze in den Irak.

Vier seiner 13 politischen Mitstreiter aus dem Studentenheim kann er telefonisch noch erreichen. Von den anderen hat er nie wieder ein Lebenszeichen gehört. Seinen Cousin hat das Regime mitgenommen. Er soll im Gefängnis gefoltert worden sein. Seine Leiche fand man mit anderen politischen Gegnern in einem See. „Er wollte Arzt werden, war schon im siebten Semester.“

„Wir haben geweint, wir haben Schmerzen erlebt“

„Wir haben geweint, wir haben Schmerzen erlebt“, sagt Abdi, dessen Opa 2007 erhängt wurde. Weil er kurdischer Freiheitskämpfer (Peschmerga) war. Sein Vater saß aus dem gleichen Grund 13 Jahre im Knast.

Diesem Schicksal ist der 26-Jährige mit seiner Flucht entgangen. Sein Leben in Deutschland betrachtet er nach all dem mit Gelassenheit– trotz einiger Hürden.

Als Flüchtling in Bochum: DAS war das größte Problem

Das größte Problem zu Beginn? „Natürlich die Sprache“, erklärt Abdi, der zu Beginn kein Deutsch und nur ein paar Brocken Englisch beherrscht.

18 Monate muss der Iraner auf seinen ersten Deutschkurs warten. In der Flüchtlingswelle 2015/16 hätten sich Iraner hinter den Flüchtlingen aus den Kriegsgebieten in Syrien und Irak anstellen müssen.

Der 26-Jährige blickt auf extreme Langeweile zurück. Die Rettung damals? Ehrenamtliche wie Edgar Zimmermann und seine Frau. „Die kamen damals ins Camp und haben mit uns Deutsch geübt.“

Später hilft der ehemalige Lehrer ihm bei Bewerbungen, organisiert Praktika und letztlich auch einen Ausbildungsplatz zum Gesundheits- und Krankenpfleger.

„Die Deutschen wissen nicht, was für ein Land sie haben“

Die Ausbildung sollte zwar scheitern, „weil ich Probleme mit dem Schriftlichen hatte“, sagt Abdi. Dafür schaffte er letztlich die Ausbildung zum Altenpflegehelfer. Mittlerweile arbeitet er festangestellt im Matthias-Claudia-Haus in Bochum-Wiemelhausen.

Drei Überstunden hat er am Tag des Interviews mit DER WESTEN hinter sich. Weil Kollegen krank geworden sind. „Mein Chef fragt mich öfter, ob ich nicht Pause machen möchte. Aber ich denke immer: Das ist keine Arbeit für mich.“ Im Iran und auf der Flucht habe er Knochenarbeit geleistet.

„Die Deutschen wissen gar nicht, was für ein Land sie haben“, denkt er sich manchmal über Leute, die sich viel beschweren. „Natürlich gibt es überall Probleme. Aber hier ist es so viel einfacher als bei uns“, findet Abdi. Dabei hat er sich selbst nicht immer leichtgetan.

„Das hat mir öfter sehr wehgetan“

Vertrauen und Offenheit. Davon würde sich Diar Abdi mehr wünschen. Egal, ob auf der Arbeit oder beim Feiern in der Disco. „Wenn irgendwo eine Nachricht über einen kriminellen Flüchtling im Umlauf ist, verdächtigen manche Leute gleich alle Ausländer“, sagt der Bochumer.

Im Seniorenheim habe er sich das Vertrauen mittlerweile erarbeitet. Aber auf der Straße? „Da gibt es Leute, die gucken deine schwarzen Haare an und halten Abstand. Manche antworten nicht mal auf deine Frage“, so Abdi und weiter: „Das hat mir öfter sehr weh getan. Man sollte sich doch wenigstens kennenlernen. Dann kann man immer noch entscheiden, ob man sich nicht mag.“

Einem Flüchtling helfen? „Kein Geld geben“

Rückblickend weiß er nicht, wie er es ohne die ehrenamtlichen Helfer in Bochum geschafft hätte. Durch sie sei er nicht vereinsamt wie manch anderer in den Camps.

Er habe herzensgute Flüchtlinge kennengelernt, die mangels Perspektive und Kontakt an die falschen Leute und dann auf die schiefe Bahn geraten seien. Das sei ihm erspart geblieben.

„Wer einem Flüchtling helfen will, der braucht kein Geld geben. Kontakt allein reicht. In Gruppen mitnehmen, zum Beispiel zum Sport oder so.“

Er selbst habe sich zeitweise fernab der Familie sehr einsam gefühlt. Mittlerweile seien da genug Freunde und ein Netzwerk, auf das er zurückgreifen kann.

Trotz allem ist die Sehnsucht nach der Heimat unermesslich: „Wenn ich dürfte, würde ich sofort wieder zu meiner Familie. Aber wenn ich dahingehe, komme ich ins Gefängnis.“