Thüringen: Beleidigt, bepöbelt, körperlich angegriffen – SIE haben es nicht leicht: „emotionale Zündschnur wird kürzer“

In Thüringen hat eine Berufsgruppe immer mehr zu leiden. (Symbolbild)
In Thüringen hat eine Berufsgruppe immer mehr zu leiden. (Symbolbild)
Foto: IMAGO / Christian Ohde

Sie werden beleidigt, bepöbelt und körperlich angegriffen: Gerichtsvollzieher haben in Thüringen einen harten Arbeitsalltag. Inzwischen sind sie nicht nur mit Sicherheitswesten unterwegs, sondern tragen außerdem Notfallpager bei sich.

Der harte Alltag zehrt dabei mächtig an den Nerven. Gerichtsvollzieher in Thüringen beklagen, dass das Verhalten von Schuldnern ihnen gegenüber immer rauer werde.

Thüringen: „Emotionale Zündschnur wird kürzer“

Die Landesvorsitzende des Deutschen Gerichtsvollzieher Bundes Thüringen, Jana Weber, hat vor dem Landesverbandstag am Freitag mit der Deutschen Presse-Agentur gesprochen und dabei von immer härter werdenden Zuständen berichtet.

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Das ist das Bundesland Thüringen:

  • der Freistaat Thüringen hat rund 2,1 Millionen Einwohner auf 16.000 Quadratkilometer Fläche
  • Landeshauptstadt und zugleich größte Stadt ist Erfurt
  • weist eine hohe Dichte an wichtigen Kulturstätten auf, darunter das „Klassische Weimar“ (Unesco-Weltkulturerbe), das Bauhaus in Weimar und die Wartburg bei Eisenach
  • Ministerpräsident ist Bodo Ramelow (Linke), regierende Parteien sind Linke, SPD, Grüne

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So verrät sie, dass durch die zunehmende Aggressivität von Schuldnern „die emotionale Zündschnur immer kürzer“ werde. Vor allem während des belastenden Lockdowns mit Kurzarbeit und Entlassungen sei der Ton rauer geworden. Das ziehe sich durch alle Schichten und erfordere von den Gerichtsvollziehern viel Fingerspitzengefühl und Verhandlungsgeschick, sagte Weber.

Thüringen: Schockierende Vorfälle bei Vollstreckungen

Zu schockierenden Vorfällen komme es immer wieder. So hat beispielsweise Mitte April eine Mieterin in Schlotheim (Unstrut-Hainich-Kreis) ihre Wohnung in Brand gesetzt, als eine Gerichtsvollzieherin vor der Tür stand.

Bei einem anderen Schuldner war im Februar in Nordhausen eine geplante Zwangsräumung eskaliert und ein Gerichtsvollzieher attackiert worden. Damals warf der betreffende Mieter einen mutmaßlichen Brandsatz nach dem Gerichtsvollzieher und den Polizeibeamten im Treppenhaus, der aber zum Glück nicht zündete.

Laut dem Justizministerium stehen für Gerichtsvollzieher in Thüringen aus Sicherheitsgründen schon seit Ende 2018 Schutzwesten bereit. Seit Beginn dieses Jahres können sie auch mit mobilen Notrufsendern ausgerüstet werden, wenn sie das möchten.

Thüringen: Vorabinformationen sollen die Gerichtsvollzieher schützen

Um sich schon im Vorhinein zu schützen, haben Gerichtsvollzieher außerdem die Möglichkeit, vor einer Räumung Informationen zur Gefährlichkeit der Schuldner bei der Polizei einzuholen. Von der Möglichkeit soll im vergangenen Jahr in Thüringen ganze 227 Mal Gebrauch gemacht worden sein. In 113 Fällen bestätigte die Polizei eine Gefährdung und warnte die Anfragenden somit vor.

Thüringenweit arbeiten derzeit laut dem Ministerium 106 Gerichtsvollzieher. Die Zahl der Pfändungen, Räumungen und Zustellungen, mit denen sie beauftragt werden, ist vor allem seit Pandemiebeginn rückläufig. Waren es im Vor-Corona-Jahr 2019 noch 209.777 Aufträge, so ging deren Zahl im Krisenjahr 2020 den Angaben zufolge auf 195.877 zurück. In diesem Jahr werden es voraussichtlich mit 192.740 Aufträgen noch einmal weniger sein.

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Der Grund dafür ist aber keinesfalls, dass es den Menschen finanziell besser gehe. Obergerichtsvollzieherin Weber sieht die sinkenden Zahlen als Folge von steigenden Privatinsolvenzen. „Wenn der Schuldner in Insolvenz geht, kann nicht mehr vollstreckt werden.“

Für ein besseres Arbeitsklima für die Gerichtsvollstrecker haben die rückgängigen Vollstreckungen trotzdem nicht gesorgt. Sie müssen weiterhin viel ertragen und für alle denkbaren Reaktionen der Schuldner gewappnet sein. (dpa/cm)