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Thüringen: DIESEN Job will fast keiner mehr machen – „Ist eine schwere Arbeit“

Thüringen:

So schön ist das Bundesland

Ihre Arbeit ist für die Wälder in Thüringen unerlässlich. Dennoch gibt es nicht mehr viele von ihnen.

Was sie bei ihrer Arbeit in den Bäumen der Thüringer Wälder immer dabei haben: Babyöl.

Thüringen: Bundesweit nur noch 80 im Einsatz

Aus dem Baumwipfel in einem Waldstück bei Suhl-Goldlauter erschallt ein lautes „Achtung“, dann plumpst aus rund 35 Metern geräuschvoll ein weißer Sack auf die Erde. Seit Stunden schon hängen Männer mit Helmen und Steigeisen, Gurten und Seilen gesichert hoch oben in den Douglasien. Mit ihren meterlangen Pflückhaken ziehen sie die Äste zu sich heran, um an das zu gelangen, wofür sie bis in die Baumspitzen klettern: Zapfen.

„Du musst schon körperlich fit sein, sonst geht das nicht“, sagt Axel Delle, der bereits seit 40 Jahren als Zapfenpflücker in den Thüringer Wäldern unterwegs ist. Die Liebe zu seinem Beruf hat er von seinem Vater, der einst auch als Zapfenpflücker arbeitete. Trotz der körperlichen Beschwernis, bei Wind und Wetter in schwindelerregende Höhen zu steigen, kommt für Delle kein anderer Job in Frage: „Wenn Du da oben sitzt, hast Du immer eine andere Aussicht – Du bist Dein eigener Herr.“


Das ist der Thüringer Wald:

  • ein gut 1000 Quadratkilometer großes Mittelgebirge
  • südöstlich wird es vom Thüringer Schiefergebirge fortgesetzt
  • Zusammen mit dem Frankenwald und dem Fichtelgebirge bildet der Thüringer Wald das Thüringisch-Fränkische Mittelgebirge
  • Über den gesamten Gebirgskamm führt der berühmte Rennsteig

Dennoch ist seine Zunft inzwischen sehr überschaubar. Schätzungsweise nur noch 60 bis 80 Zapfenpflücker bundesweit gibt es. „Viele Landesforstbetriebe haben Plantagen angelegt, da kann man mit Hebebühnen arbeiten“ weiß die Saatgutspezialistin der Thüringer Landesforstanstalt, Ira Simon. Sie leitet die Forstsamendarre in Fischbach (Kreis Gotha), eine Art Samendepot, in dem die Ernte der Zapfenpflücker getrocknet, aufbereitet und gelagert wird.

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Die Zapfen müssen grün gepflückt werden, damit die Samen als Forstsaatgut taugen. Je nach Baumart reifen die Zapfen fünf Tage bis sechs Wochen in der Samendarre nach, bis sie aufgehen. Dann kommen sie in den Ofen und werden noch einmal bei etwa 30 Grad behandelt, bis sie das Saatgut freigeben.

Thüringen
Ein Zapfenpflücker bei der Arbeit im Thüringer Wald (Archivbild). Foto: IMAGO / Steffen Schellhorn

n Fischbach lagern laut Simon derzeit Samen im Wert von 350 00 Euro, die hauptsächlich für den eigenen Bedarf bestimmt sind. Die Samendarre versorgt auch die staatliche Forstbaumschule in Breitenworbis. Zu den teuersten Saatgütern gehören momentan die Samen der Douglasie – bis zu 1300 Euro werde für ein Kilo fällig.

Thüringen: „Ich habe immer Babyöl dabei“

In Thüringen holen derzeit für den staatlichen Forstbetrieb zwölf Männer die Zapfen von Douglasie, Tanne, Fichte und Co. Die Erntezeit für das Samengut beginnt Ende Juni mit der Vogelkirsche. Die Hauptsaison dauert von August bis Oktober mit den Laubhölzern – aber auch noch im Winter klettern die Zapfenpflücker auf Fichte, Kiefer und Lärche. Gepflückt werden darf nur in Beständen, die vorher begutachtet und dafür zugelassen wurden. „Es ist eine schwere Arbeit, für die man höhentauglich und schwindelfrei sein muss“, sagt Simon.

Vom Erfolg der Zapfenpflücker hängt letztlich die gesamte Forstwirtschaft ab. „Sie sichern mit ihrer Arbeit die Grundlage für die Wiederbewaldung“ betont der Sprecher der Landesforstanstalt ThüringenForst, Horst Sproßmann. Aufgrund des Klimawandels seien sie in den vergangenen Jahren sogar noch wichtiger geworden.


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Trockenheit, Borkenkäfer und Sturm haben in Thüringer Wäldern rund 60 000 Hektar Schadfläche hinterlassen. „Wir stehen vor der Herausforderung, Waldumbau auf einer großen Fläche betreiben zu müssen, daher wird der Bedarf an Saatgut und Forstpflanzen mittelfristig weiter steigen“, ist sich Sproßmann sicher. Pro Jahr werden im Freistaat laut Landesforstanstalt derzeit zwei Millionen neue Pflanzen in den Boden gebracht. Aus einer Tonne Zapfen von der Weißtanne lassen sich beispielsweise rund 100 Kilo Saatgut gewinnen, aus denen wiederum 300 000 bis 500 000 neue Pflanzen gezogen werden können.

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Zapfenernte bei der gewöhnlichen Douglasie (Archivbild). Foto: IMAGO / Steffen Schellhorn

Die Zapfenpflücker sind übrigens zumeist staatlich anerkannte Forstwirte mit einer zusätzlichen Ausbildung für die Seilklettertechnik. Steigen sie nicht auf Bäume, sind sie auf den Versuchsflächen und Samenplantagen unterwegs, pflanzen und pflegen die Bestände. Aber auch klettererfahrene Waldarbeiter aus den regionalen Forstämtern helfen bei der Ernte aus.

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Einer dieser saisonalen Pflücker ist Forstwirtschaftsmeister Andreas Hoffmann vom Forstamt Erfurt-Willrode. „Das Klettern in die Baumspitzen ist schon anstrengend, aber für mich eine Art Ausgleichsport“, sagt der 37-Jährige und zieht dabei eines seiner wichtigsten Utensilien für die Zapfenernte aus der Tasche: „Ich habe immer Babyöl für die Hände dabei, sonst bekommst Du irgendwann von dem Harz die Finger nicht mehr auseinander.“ (dpa)