Liebes Tagebuch, auf dem Jakobsweg überholte mich heute ein Rentner mit Asthma

Michael Tallai trifft auf dem Jakobsweg gefühlt Tausende Pilgerer: junge Raser und ältere Ehepaare, die bummeln.
Michael Tallai trifft auf dem Jakobsweg gefühlt Tausende Pilgerer: junge Raser und ältere Ehepaare, die bummeln.
Foto: Imago

Michael Tallai, Geschäftsführer der Mediengruppe Thüringen, zu der auch Thüringen24 gehört, hat seiner Frau zum Geburtstag eine Wanderung auf dem Jakobsweg in Spanien geschenkt. Das Problem ist, er mag Wandern gar nicht. Dies ist das Protokoll eines Leidensweges.

Jakobsweg, zweiter Tag:

Der Jakobsweg ist so etwas wie eine Pilger-Autobahn. Das ist schon nach den ersten drei Kilometern von Sarria in Richtung der nächsten Etappe Portomarin klar. Wir laufen bei Tagesanbruch los und treffen nach wenigen Metern Dutzende Pilger. Auf dieser Wander-Autobahn gibt es alles, was es auf echten Autobahnen auch gibt: Staus wegen hohen Verkehrsaufkommens, junge Raser auf der linken Spur in getunten Klamotten, ältere Ehepaare, die rechts bummeln, Holländer mit Kinderwagen und überfüllte Rastplätze. Ich werde beim Laufen ständig von hinten überholt, weil mir die Kondition und auch jeglicher Ehrgeiz fehlt. Besonders frustrierend ist das Überholmanöver eines geschätzt 80 Jahre alten Herrn mit hörbarem Asthma.

Laut Wikipedia wurden 1970 auf dem Jakobsweg offiziell 68 Pilger gezählt, 2015 waren es mehr als 260.000. Ich habe am ersten Wandertag etwa die Hälfte davon getroffen. Alle grüßen sich und wünschen „buen camino“, also guten Weg. Freundlich gemeint, wenn man es am Tag aber hundertmal hört, nervt es. Außerdem kenne ich diese Leute nicht, warum sollte ich sie grüßen? Meine Frau meint, man müsse höflich sein, das gehöre dazu. Meine Entgegnung, in der Erfurter Fußgängerzone grüße ich ja auch nicht jeden, kam nicht gut an.

Die alten Schuhe werden rituell verbrannt

Das Wander-Wetter ist am ersten Tag ideal, 15 Grad, bewölkt, kein Regen. Ich schwitze dennoch. Vermutlich liegt das am Gepäck. Ich habe wirklich nur das eingepackt, was man unbedingt benötigt: ein paar T-Shirts, Unterwäsche, Socken, Ersatz-Hose, Ersatz-Schuhe, Pullover, Regenjacke, zwei Oberhemden für den Abend, Manschettenknöpfe, ein Jacket, falls man mal weggeht, passende Schuhe dazu, zwei Handys, falls eins defekt ist, Ladegeräte, Smartwatch, Tablet, Laptop, Akkus, Kabel, diverse Adapter, umfangreiche medizinische Utensilien und ein paar weitere Kleinigkeiten. Also nichts, worauf man ernsthaft auf so einem Trip verzichten will. Trotzdem wiegt der High-Tech-Rucksack (knapp 400 Euro!) mehr als 15 Kilo und schnürt mir die Schultern ab.

Nach acht Stunden Laufzeit inklusive zwei kurzer Pausen kommen wir in Portomarin an. 1500 Einwohner, Stausee und eine römische Brücke. Ich würde gerne schreiben, ich bin heil angekommen, bin ich aber nicht. Denn Wanderschuhe braucht man doch. Das ist die erste Lektion dieser langen und mühseligen Reise. Meine Füße nehmen bereits nach dem ersten Tag merkwürdige Farben an und entwickeln die ersten Blasen. Das liegt am Schuhwerk. Glücklicherweise verfügt das Dorf über einen professionell geführten und ziemlich überlaufenen Schuhladen. Ich lege mir also Wanderschuhe zu, die ich nun einlaufen werde. Die alten Treter werden heute Abend zu Ehren des Schutzheiligen der Reisenden - Christopherus - rituell verbrannt.

Die bisherigen Etappen

Erster Tag: Anti-Pilgern auf dem Jakobsweg: Ich hasse Wandern!

Dritter Tag: Warum ich!? Michael Tallai leidet auf dem Jakobsweg

Vierter Tag: Tallai im App-Stress: Der Jakobsweg ist wie eine Pokémon-Jagd

Fünfter Tag: Notizen vom Jakobsweg: Wie ein offenherziger Amerikaner mir den Appetit vermieste

Sechster Tag: Tallais letzte Jakobsweg-Etappe: Notaufnahme und Taxi statt Triumphzug