Erfurt: Brutale Ausschreitungen am Domplatz – erinnerst du dich noch an diesen Fall aus dem Jahr 1975?

Die Polizei auf dem Domplatz in Erfurt bewacht eine Demo von Querdenkern im Jahr 2021. Im Jahr 1975 wurden hier Algerier brutal zusammengeschlagen.
Die Polizei auf dem Domplatz in Erfurt bewacht eine Demo von Querdenkern im Jahr 2021. Im Jahr 1975 wurden hier Algerier brutal zusammengeschlagen.
Foto: imago images/Bild13

Erfurt. Männer werden durch die Innenstadt gehetzt, Nazi-Parolen geschrien, mehrere Menschen schwer verletzt: Was nach dem Dritten Reich klingt, ist in einem solchen Ausmaß zuletzt im Sommer 2018 in Chemnitz geschehen.

Rechtsextreme nutzten einen vorausgegangenen, tödlich geendeten Streit aus, um gegen Menschen mit Migrationshintergrund blutige Hetze zu machen.

Und auch Erfurt hat eine solche dunkle Vergangenheit, die von Historikern gerne als „vergessene Pogrome“ bezeichnet wird.

1975 hatte es in Erfurt ausländerfeindliche Ausschreitungen über mehrere Tage gegeben. Sie gelten als die ersten Pogrome nach 1945.

Doch was war genau geschehen? Und wieso sind diese Ereignisse so in Vergessenheit geraten, dass die meisten Deutschen sich erst 1992 an ausländerfeindliche Ausschreitungen nach 1945 erinnern, damals in Rostock-Lichtenhagen?

Ausschreitungen in Erfurt 1975 gelten als erste Pogrome nach 1945

Diese Frage stellte sich in einem Podcast auch der bayrische Rundfunk, der damit eine Debatte neu entflammt. Diese dreht sich vor allem um die Vertuschung solcher Taten in der DDR.

Ziel der Ausschreitungen in Erfurt 1975 waren algerische Vertragsarbeiter. Laut Akten des damaligen Ministerium für Staatssicherheit (MfS) aus der DDR wurden am 10. August 25 Algerier vom Domplatz zum Fischmarkt getrieben, hinter ihnen eine aufgebrachte Gruppe von rund 150 Jugendlichen, bewaffnet mit Holzlatten und Stangen. Sie haben auf die Männer eingeprügelt, viele wurden schwer verletzt.

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Dem vorausgegangen sei ein Vorfall auf einem Jahrmarkt. Ein algerischer Mann habe versucht, eine Frau gegen ihren Willen zu küssen. Ihm wurde von Jugendlichen noch vor Ort das Nasenbein gebrochen, dann habe die Hetzjagd begonnen.

Rassistischer Mob hetzt Algerier durch die Stadt

An den beiden darauffolgenden Tagen hatte sich die Szenerie laut den Aufzeichnungen des MfS noch nicht beruhigt. Algeriern kamen am 11. August Gerüchte zu Ohren, dass einige ihrer Landsleute erneut angegriffen worden seien. Sie wollten deswegen von ihrem Wohnheim in die Innenstadt, um zu helfen. Doch sie wurden von Straßenbahnfahrern nicht in die City befördert, weil sie so schwer bewaffnet gewesen seien. Daraufhin beruhigten sie sich.

Einen Tag später, am 12. August trieben circa 60 Jugendliche die Vertragsarbeiter wieder durch die City. Daraufhin gab es Geleitschutz von der Volkspolizei, die Algerier konnten in den Innenhof der Hauptpost flüchten.

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Der Historiker Harry Waibel, der seinen Schwerpunkt unter anderem auf Rassismus in der DDR gelegt hat, berichtet über folgende Situation: „In Sprechchören verlangten die Angreifer die Herausgabe der Algerier. Sie riefen: 'Schlagt sie tot, jagt sie heim, sie sollen sich wieder in den Busch scheren' und 'aufhängen' sowie ' schlagt die Bullen tot'.“

Volkspolizei musste Mob mit Gewalt auflösen

Als es für die Volkspolizei dann auch brenzlig wurde, löste diese den rassistischen Mob mit Gewalt auf. Die Algerier konnten laut Waibel durch den Hinterausgang zu ihrem Wohnheim gebracht werden.

Auch nach dem Ende der Ausschreitungen sei es immer wieder vereinzelt zu Angriffen auf die algerischen Vertragsarbeiter gekommen. Die rassistische Hetze habe sich in der gesamten DDR so heftig verbreitet, dass die algerische Regierung bald keinen anderen Weg mehr sah, als ihre Landsleute zu ihrem Schutz wieder nach Algerien zu holen.

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DDR konnte Rassismus gekonnt vertuschen

Die DDR hatte es auch bei diesen Vorfällen laut Harry Waibel gekonnt geschafft, den Rassismus zu ignorieren, der auch schon vor 1975 existierte. Es gab keine Film - oder Tonaufnahmen von den Ausschreitungen, so basiert alles auf einige wenigen Fotos und Zeugenaussagen.

„Bei den Ermittlungen nahm man fünf Männer heraus. Das waren die Rädelsführer. Der Rädelsführer ist ja der, der das alles verursacht, der sagt, wo es lang geht, der den Ton vorgibt. Und dieses konstruierte Bild des Rädelsführers beginnt, hier in Erfurt zu wirken. Das war natürlich vorher schon latent vorhanden. Und wurde da aber dann in der Vertuschung der rassistischen Vorgänge kultiviert sozusagen“, so Waibel in einem Interview mit dem Deutschlandfunk.

Die Botschaft der DDR war deutlich: Einige wenige haben solche Gedanken, haben sich schuldig gemacht. Die anderen wurden „nur“ verführt. So konnte das Geschehene in Vergessenheit geraten.

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„Es gab bis zu diesen August 1975 in der DDR einen latenten und einen offenen Rassismus, der sich vorwiegend richtete gegen Arbeiter, die aus den benachbarten Staaten der DDR als Gastarbeiter, aber eben auch als Pendler, aus Polen zum Beispiel, in den Betrieben der DDR gebraucht wurden. Da gab es schon massive rassistische Angriffe in den 60er-Jahren gegenüber Polen, aber auch Ungarn und anderen Menschen, die aus anderen Ländern in die DDR gekommen waren“, sagt Waibel.

Erst in den späten 80er Jahren beschäftigte sich die DDR offen mit Rassismus im Staat

Für die DDR, die sich selbst als antfaschistischen Staat verstand, existierte Rassismus dennoch nicht bis in die späten 80er Jahre.

1988 hat das Leipziger Zentralinstitut für Jugendforschung im Auftrag der SED eine Untersuchung zum Rechtsradikalismus unter DDR-Jugendlichen durchgeführt. Heraus kam ein schockierendes Ergebnis.

Denn der Aussage „Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten“ hatten zwölf Prozent der befragten Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren zugestimmt.

Ein Jahr nach dieser Umfrage fiel die Mauer, die DDR war Geschichte.

Der Rassismus ist geblieben. (fb)