Erfurt: Rassismus-Opfer traut sich nach Attacke nicht mehr raus – „von dem Vorfall stark mitgenommen“

Erfurt: Das Rassismus-Opfer traut sich nach dem brutalen Angriff in einer Straßenbahn nicht mehr aus dem Haus. (Symbolbild)
Erfurt: Das Rassismus-Opfer traut sich nach dem brutalen Angriff in einer Straßenbahn nicht mehr aus dem Haus. (Symbolbild)
Foto: IMAGO / VIADATA

Erfurt. Der brutale, rassistische Angriff auf einen Jungen in einer Straßenbahn in Erfurt sorgt weiter für großes Entsetzen: Vergangenen Freitag hatte ein 40 Jahre alter, polizeibekannter Mann einen 17-jährigen Syrer rassistisch beleidigt, bedroht, bespuckt und brutal angegriffen. Ein Video des Angriffs hatte sich zu Beginn der Woche rasant im Internet verbreitet.

Indes hat die Attacke beim Rassismus-Opfer aus Erfurt deutliche Spuren hinterlassen. Der 17-Jährige traut sich nicht mehr raus, er sei „von dem Vorfall stark mitgenommen“.

Erfurt: Rassismus-Opfer traut sich nach Attacke nicht mehr raus

Ali A. (17) aus Rakka in Syrien flüchtete vor dem Krieg und kam 2019 nach Erfurt, um dort ein sicheres Leben zu führen. Doch jetzt wurde er ausgerechnet in Deutschland Opfer brutaler Gewalt. Er erlitt schwere Prellungen, musste nach dem Angriff in der Straßenbahn im Krankenhaus behandelt werden.

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Zwar ist Ali wieder aus dem Krankenhaus entlassen, doch besonders tief sitzt der psychische Schmerz. „Ali ist psychisch total am Boden. Aus Angst traut er sich im Moment nicht einmal, auf die Straße zu gehen“, berichtete sein bester Freund der „Bild“-Zeitung.

Und: „Ali ist schüchtern und klein. Ich wünschte, ich hätte ihn beschützen können.“ Weiter sagte er, dass der Angreifer in Erfurt bekannt sei. Schon in der Vergangenheit habe er Migranten rassistisch beleidigt und bedroht.

Wie niedergeschlagen der 17-Jährige seit dem Angriff vor fünf Tagen ist, schildert auch sein Anwalt Juri Goldstein. Er teilte mit, dass es Ali „den Umständen entsprechend“ gehe. Sein Mandant sei „von dem Vorfall stark mitgenommen und versucht das Geschehen zu verarbeiten“, so Goldstein. Auch er fühle sich von der unglaublichen Brutalität, Aggression und dem Hass des rassistischen Angriffs zutiefst betroffen. „Das ist feige, widerlich und an Abscheulichkeit nicht zu überbieten.“

Dass der mutmaßliche Täter schon wenige Stunden nach dem abendlichen Angriff ausfindig gemacht und in Folge inhaftiert werden konnte, wertete Goldstein als einen ersten und schnellen Ermittlungserfolg. Er erwarte ein zügiges und konsequentes Ermittlungsverfahren seitens Polizei und Staatsanwaltschaft. „Wir wollen, dass der Angreifer für seine brutale Tat zur Rechenschaft gezogen wird und dass im Zuge dieses Verfahrens einmal mehr klar gemacht wird, dass Hass, Hetze und Rassismus keinen Platz in unserer Stadt, unserem Land und in unser Gesellschaft haben.“

Ezra: „Ein massives Problem in Erfurt“

Auch der Ausländerbeirat der Landeshauptstadt Erfurt zeigte sich schockiert über den rassistischen Übergriff und forderte eine harte Strafe für den Täter. „Der Stadtrat, die Stadtverwaltung und die Erfurter Bevölkerung müssen sich klar gegen Rassismus und Diskriminierung positionieren“, forderte der Vorsitzende des Ausländerbeirats, Jose Paca. Es brauche zudem mehr Zivilcourage in der Gesellschaft.

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Die Opferberatung Ezra verwies darauf, dass solche Attacken in der Landeshauptstadt keine Seltenheit sind. Rassismusbetroffene erlebten bestimmte Stadtteile oder auch Straßenbahnen und ihre Haltestellen als Angsträume.

„Es gibt Berichte darüber, dass Menschen sich nicht mehr trauen, mit der Straßenbahn zu fahren - und das seit Jahren schon. Weil es da immer wieder zu rassistischen oder echten Angriffen kommt“, sagte der Sprecher der Thüringer Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, Frank Zobel.

Erfurt: Aufschrei ist immer groß

Der Aufschrei sei nach jeder dieser Taten groß, es passiere allerdings recht wenig, kritisierte Ezra-Sprecher Zobel. Seit Jahren forderten Opferberatungsstellen ein Bleiberecht für Opfer rassistischer Gewalt. „Wenn Täter aus rassistischen Gründen Menschen angreifen, sollten sie genau das Gegenteil erreichen: Dass der Mensch dann hier blieben kann“, meint Zobel.

Ein Viertel der insgesamt 102 Angriffe, die die Beratungsstelle im vergangenen Jahr landesweit dokumentierte, sind nach der Zählung von Ezra in Erfurt passiert. Es sei wichtig, zu sehen, dass rassistische Angriffe Deutscher kein Einzelfall, sondern „ein massives Problem in Erfurt“ sind, so Zobel. Es brauche eine konsequente und effektive Strafverfolgung der Täterinnen und Täter sowie eine intensive Auseinandersetzung in der Stadtpolitik.

Politik verurteilt Attacke in Erfurter Tram

Der Flüchtlingsrat Thüringen rief gemeinsam mit Thüringer Organisationen und Initiativen neben besagter Zivilcourage auch zu Solidarität im Umgang mit rassistischer Gewalt und Alltagsrassismus auf. „Längst haben wir erfahren müssen, dass wir uns auf die nicht verlassen können, die die Warnungen, Ängste und Erfahrungen von Betroffenen rechter und rassistischer Gewalt nicht ernst nehmen, nicht hinhören und nicht handeln.“ Menschen erführen rassistische Gewalt auf der Straße, in Sammelunterkünften, in den Ausbildungsplätzen und den Betrieben. Täter blieben allzu oft unbekannt, organisierte Schläger zu schnell wieder auf freiem Fuß.

Ministerpräsident Bodo Ramelow sowie die Landtagsfraktionen von CDU und Linker verurteilten die Tat scharf. Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) zeigte sich ebenfalls erschüttert und beschämt über die Tat. Dieser „widerliche und verachtenswerte Vorfall“ müsse ein Warnzeichen sein, appellierte der Oberbürgermeister zugleich an die Zivilcourage. Er wolle dem Opfer persönlich Hilfe anbieten, „wenn er sich psychisch dazu in der Lage fühlt und er das möchte“. >>> Mehr zu Bauseweins Reaktion liest du hier (nk mit dpa)