Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde über AfD: „Hört auf, immer mit den ostdeutschen Wählern zu schimpfen“

Reinhard Schramm, Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, mahnt nach dem AfD-Erfolg bei der Landtagswahl mit einem überraschenden Appell.
Reinhard Schramm, Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, mahnt nach dem AfD-Erfolg bei der Landtagswahl mit einem überraschenden Appell.
Foto: dpa

Die Wunde von Halle ist noch frisch. Zwei Menschen wurden bei einem Anschlag auf eine Synagoge getötet. Stefan B., der mutmaßliche Täter, ist ein Rechtsextremer.

Die AfD trägt eine Mitschuld an dem Anschlag und daran, dass es immer öfter zu Gewalt gegen Juden und Muslime kommt, sagen Experten. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nannte Thüringens AfD-Landeschef Björn Höcke nach Halle gar einen „geistigen Brandstifter“.

Landtagswahl in Thüringen: AfD ist zweitstärkste Kraft

Jetzt haben 23,5 Prozent der Thüringer Björn Höcke und seine AfD bei der Landtagswahl gewählt. Die Partei ist zweitstärkste politische Kraft.

Reinhard Schramm überrascht das nicht. Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen sagt: „Wir haben das vorhergesehen. Und doch sind wir genauso erschrocken wie nach den Wahlen in Brandenburg und Sachsen.“

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„Keinen Sinn, immer wieder mit den ostdeutschen Wählern zu schimpfen“

Es habe jetzt aber keinen Sinn, die Wurzel des Übels in Ostdeutschland zu suchen. „Hört auf, immer wieder mit den ostdeutschen Wählern zu schimpfen“, so Schramm. Denn die schlimmsten AfD-Leute kämen aus dem Westen, sagt er und meint Björn Höcke, Brandenburgs AfD-Chef Andreas Kalbitz und AfD-Bundessprecher Alexander Gauland. Der wuchs zwar in Chemnitz auf, flüchtete 1959 aber in die BRD. „Wir sind nicht sehr dankbar für diese Unterstützung aus Westdeutschland“, sagt Schramm sarkastisch.

„Diese westdeutschen Funktionäre nutzen die ostdeutschen Ängsten vor Veränderung und Arbeitsplatzverlust schamlos aus, um Macht zu bekommen, um den Rechtsextremismus hier zu manifestieren.“

AfD hat „kein Problem, sich bald gegen noch eine Minderheit zu richten“

Deshalb müsse man nun konsequent gegen die AfD vorgehen, die anderen Parteien müssten geschlossen zusammenstehen. „Immerhin haben sich Dreiviertel der Wähler in Thüringen gegen die AfD entschieden. Das macht mir Hoffnung“, sagt er.

Die AfD gibt sich stets israelfreundlich und betont immer wieder, dass es auch jüdische Mitglieder in der Partei gebe. Schramm nimmt ihr das nicht ab. „Die AfD ist fremdenfeindlich. Sie richtet sich prinzipiell gegen Muslime. Wer prinzipiell gegen eine Gruppe, gegen eine Minderheit ist, hat auch kein Problem damit, sich bald gegen noch eine Minderheit zu richten.“