Amazon in Thüringen: Studie enthüllt brisante Details – schwere Vorwürfe gegen Online-Riesen

Das Amazon-Verteilzentrum in Erfurt muss sich massive Kritik gefallen lassen.
Das Amazon-Verteilzentrum in Erfurt muss sich massive Kritik gefallen lassen.
Foto: dpa

Erfurt. In einer brisanten Studie kommt der Onlinehändler-Gigant Amazon gar nicht gut weg. Besonders nicht, weil es um die Arbeitsbedingungen Hunderter Paketzusteller im Raum Thüringen geht.

Denn diese Arbeitsbedingungen sollen der Studie nach für die Paketzusteller in Thüringen alles andere als gut sein. Amazon hat sich auf Anfrage von Thüringen24 zu den Vorwürfen geäußert.

Amazon in Thüringen: Mehr als 150 Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe

Die Studie mit dem Titel „Amazons letzte Meile“ ist entstanden, weil sich seit Ende 2019 mehr als 150 Mitarbeiter aus und um das Verteilzentrum Erfurt-Stotternheim bei dem DGB-Bildungswerk Thüringen gemeldet haben. Teilweise seien strafrechtliche relevante Vorkommnisse gemeldet worden. Deswegen hat das DGB-Bildungswerk gemeinsam mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung das Vorgehen genauer untersucht.

Die Vorwürfe gegen Amazon im Einzelnen zusammengefasst:

  • Verstoß gegen das Arbeitszeitgesetz (Zeiten für Tourenplanung, Besprechung und Warten auf Beladung werden häufig nicht vergütet, Vernachlässigung der Aufzeichnungspflichten)
  • Verstoß gegen das Mindestlohngesetz (wird aufgrund der Überschreitung von Höchstarbeitszeiten in Kombination mit Pauschallöhnen umgangen)
  • Verstoß gegen das Schwarzgeldbekämpfungsgesetz (Teile des Lohns werden bar ausgezahlt und nicht quittiert)
  • Verstoß gegen das Entgeltfortzahlungsgesetz (Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wird nicht in allen Fällen geleistet)
  • Sozialversicherungsbetrug (ein Subunternehmen führte für alle Beschäftigten keine Sozialversicherungsbeiträge ab, Verdacht auf Scheinselbstständigkeit steht im Raum)
  • Verstoß gegen die Datenschutzgrundverordnung
  • Verstoß gegen Bestimmungen im Bürgerlichen Gesetzbuch (zu geringe Kündigungsfristen sind im Arbeitsvertrag verankert, Kündigungsfristen werden nicht eingehalten)
  • Scheinselbstständigkeit (beim Modell Amazon Flex)

Heftige Vorwürfe, die gegen Amazon nicht zum ersten Mal im Raum stehen. Der Onlinehändler äußert sich über einen Unternehmssprecher dazu folgendermaßen.

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Amazon antwortet auf Anfrage, geht aber nicht auf alles aus der Studie ein

„Wir verfügen über intelligente Technologien, die uns helfen, die Anzahl und Größe der Pakete zu bestimmen, die ein Zusteller während einer täglichen Zustellroute ausliefern kann. Die meisten Routen werden vorzeitig abgeschlossen. Amazon und unsere Lieferpartner setzen sich dafür ein, dass die Fahrer und Fahrerinnen eine vielseitige Unterstützung bekommen, z.B. durch Trainingsprogramme, Unterstützung auf der Straße (on-the-Road Support), Gespräche im Verteilzentrum und eine Fahrer-Hotline , um Feedback anonymisiert zu geben. Diese ist in verschiedenen Sprachen verfügbar. Unsere Lieferpartner sind verpflichtet, sich an die geltenden Gesetze und den Verhaltenskodex für Amazon Lieferanten zu halten, der Schwerpunkt auf faire Löhne, Sozialleistungen, angemessene Arbeitszeiten und Vergütung legt. Wir erwarten ein erstklassiges Arbeitserlebnis von den Unternehmen, die Zustellung übernehmen. Wir greifen durch, wenn wir feststellen, dass ein Unternehmen diese Erwartungen nicht erfüllt.“

Außerdem heißt es von Amazon, es gebe es eine Software, die verhindern solle, dass das die geplante Arbeitszeit von neun Stunden inklusive gesetzlicher Pausen überschritten wird.

Zudem würden Fahrer fertige Routen sammeln und Pakete nicht selbst sortieren. Der Ladevorgang dauere ungefähr 15 Minuten und diese Zeit, ebenso wie die Wartezeit auf dem Parkplatz und die erforderliche Zeit, um die Pakete zur Lieferstation zurückzubringen, sei in der Bezahlung berücksichtigt.

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Paketboten in Thüringen sind anderer Meinung

Doch offenbar sehen das die Paketboten in Thüringen anders. Wie das DGB-Bildungswerk betont, kämen viele Fahrer aus dem Ausland – und daher ihre Verträge teilweise gar nicht verstehen. Viele arbeiteten in Vollzeit, obwohl sie nur in Teilzeit bezahlt würden.

Außerdem gebe es Fälle, in denen Paketboten wegen des Verlustes von Paketen oder Kundenbeschwerden gesperrt oder wegen Krankheit gekündigt würden.

Der Name „Amazons letzte Meile“ stamme daher, dass das Verteilerzentrum in Erfurt zu den letzten Orten gehört, die ein Paket durchläuft, bevor es dem Kunden zugestellt wird. In Erfurt-Stotternheim arbeiten rund 600 Fahrer für den Online-Riesen, die alle nicht direkt bei Amazon, sondern bei Subunternehmern angestellt oder Solo-Selbstständige sind.

Hier kannst du die gesamte Studie einsehen. (fb)