Erfurt: Restaurants haben großes Personal-Problem – „schon vor Corona keine rosigen Arbeitsbedingungen“

Gestronomen aus Erfurt plagen Personal-Sorgen. (Symbolbild)
Gestronomen aus Erfurt plagen Personal-Sorgen. (Symbolbild)
Foto: IMAGO / Ralph Peters

Erfurt. Restaurants in Erfurt klagen über ein großes Problem: Überall fehlt Personal!

Auch schon vor der Pandemie sah die Lage alles andere als rosig aus, doch nach dem Lockdown wird klar: In Erfurt müssen die Gäste in den Lokalen womöglich länger auf Essen und Getränke warten als zuvor.

Erfurt: Gastwirte klagen über fehlendes Personal

Grund dafür sei die dramatische Abwanderung von Fachkräften, erklärt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Allein letztes Jahr haben rund 700 Köche, Servicekräfte und Hotelangestellte dem Erfurter Gastgewerbe den Rücken gekehrt – das ist jeder siebte Beschäftigte der Branche.

Weil der Lockdown sich bis in den Mai zog, dürfte sich der Personal-Schwund noch weiter zugespitzt haben, befürchtet Jens Löbel, Geschäftsführer der NGG.

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„Viele Menschen schätzen es, nach langen Entbehrungen endlich wieder essen zu gehen oder zu reisen. Aber ausgerechnet in der Sommersaison fehlt einem Großteil der Betriebe schlicht das Personal, um die Gäste bewirten zu können“, befürchtet Löbel.

Erfurt: Zu wenig Mitarbeiter in der Gastro! Das ist der Grund

Die Einkommenseinbußen durch die Kurzarbeit habe viele Angestellten zu einem Branchenwechsel gezwungen. „Gastro- und Hotel-Beschäftigte arbeiten sowieso meist zu geringen Löhnen. Wenn es dann nur noch das deutlich niedrigere Kurzarbeitergeld gibt, wissen viele nicht, wie sie über die Runden kommen sollen.“

Viele Fachkräfte habe es etwa in die Büroorganisation in Anwalts- oder Arztpraxen verschlagen, andere arbeiten jetzt in Supermärkten – bei besserem Verdienst als zuvor.

Unbezahlte Überstunden, ein rauer Umgangston und eine hohe Abbruchquote unter Azubis sind nur einige strukturelle Probleme in der Gastronomie. „Die Unternehmen haben es über Jahre versäumt, die Arbeit attraktiver zu machen. Das rächt sich jetzt“, kritisiert Löbel.

DAS fordert der Experte

Die Gastwirte in Erfurt und darüber hinaus im ganzen Land müssen jetzt umdenken. Es brauche „armutsfeste Löhne und bessere Arbeitsbedingungen“, fordert der Experte. Das könne etwa durch Tarifverträge verankert werden.

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„Am Ende geht es um einen Kulturwandel. Auch Servicekräfte haben ein Recht darauf, vor dem Dienst zu wissen, wann Feierabend ist. Sie haben Anspruch auf eine anständige Bezahlung – unabhängig vom Trinkgeld. Und auf eine faire Behandlung durch den Chef.“

Erfurt: Experte mit deutlicher Kritik

Gastronomen, die das Mittagessen so günstig anbieten, dass sie davon das Personal nicht mehr bezahlen könnten, machten ohnehin grundsätzlich etwas falsch. „Viele Gäste sind durchaus bereit, ein paar Cent mehr für die Tasse Kaffee zu bezahlen – gerade jetzt, wo den Menschen bewusst geworden ist, dass der Besuch im Stammlokal ein entscheidendes Stück Lebensqualität ist“, so Löbel.

Im gesamten Freistaat sieht es übrigens ähnlich aus. Dort haben binnen zwölf Monaten 4.400 Hotel- und Gastro-Mitarbeiter ihren Job gewechselt, das ist auch hier jeder siebte Arbeitnehmer. (vh)