Erfurt: Streit um Umbenennung vom Nettelbeckufer – Historiker spricht Klartext: „Absurdes Argument“

In Erfurt wird die Umbenennung des Nettelbeckufers seit langem gestritten. Nun spricht ein Historiker Klartext.
In Erfurt wird die Umbenennung des Nettelbeckufers seit langem gestritten. Nun spricht ein Historiker Klartext.
Foto: IMAGO / Jacob Schröter; Screenshot Google Maps; Decolonize Erfurt (Montage: Thüringen24)

Erfurt. Der Streit um die Umbenennung des Nettelbeckufers in Erfurt geht in die nächste Runde. Nun spricht ein Historiker Klartext.

Der Seefahrer Joachim Nettelbeck (1738-1824) hat damals mit Sklaven gehandelt. Dennoch ziert sein Name eine Straße in Erfurt. Das will die Initiative „Decolonize Erfurt“ ändern. Sie möchten die Straße in Gert-Schramm-Ufer umbenennen lassen.

Erfurt: Mit heutigen Wertmaßstäben messen

Gert Schramm wurde 1928 in Erfurt in genau dieser Straße geboren und war der jüngste dunkelhäutige Mann im Konzentrationslager Buchenwald. 1944 wurde er im Alter von 15 Jahren wegen seiner Hautfarbe dorthin deportiert.

Mit 87 Jahren starb er in Erfurt. Schramm setzte sich für die Aufklärung und gegen den Rechtsextremismus ein. Mehr dazu liest du hier <<<

Nun spricht ein Historiker Klartext. Jens-Christian Wagner, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, ist laut dem MDR für die Umbenennung.

Laut ihm müsse man Namensgeber von Straßen zwar im historischen Kontext betrachten, jedoch mit den heutigen Wertmaßstäben messen.

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Das war Gert Schramm:

  • Gert Schramm wurde am 28. November 1928 in Erfurt geboren
  • 1944 wurde er inhaftiert und zum KZ gebracht
  • Gert Schramm war der jüngste dunkelhäutige Häftling im KZ Buchenwald
  • Sein Vater starb 1941 in Ausschwitz
  • Nach Ende des Krieges ging er zurück zu seiner Mutter
  • 1985 gründete er in Eberswalde ein Taxi- und Speditionsunternehmen mit dem Namen „Taxi-Schramm“
  • Er engagierte sich aktiv für die Aufklärung und gegen Rechtsextremismus
  • 2014 erhielt er dafür das Bundesverdienstkreuz
  • Er starb im Alter von 87 Jahren im April 2016

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Verteidiger des Namens sagen hingegen, man müsse historische Persönlichkeiten nach den Maßstäben der damaligen Zeit beurteilen.

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Dafür hat Wagner jedoch kein Verständnis: „Das ist ein absurdes Argument, wenn wir dahin kommen würden, zum Beispiel NS-Funktionäre nach Maßstäben von 1933 zu bewerten.“

Erfurt: Entscheidung soll bald fallen

Bei der Benennung von Straßennamen stehe dabei die Würdigung des Menschen im Vordergrund. Es soll auf den besonderen Verdienst oder das Schicksal aufmerksam machen. „Verdienste sollen damit durch die Gesellschaft geehrt werden. Die stehen als positive Beispiele da. Und ich wüsste nicht, was am Sklavenhandel und an dem Erwerb von Kolonien in Afrika ein positives Beispiel sein sollte.“

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Für Wagner sei der Straßenname aus Erfurt ein politischer Akt. Es zeige den demokratischen Bewusstseinsstand der Gesellschaft. „Wenn eine Benennung einer Straße unserem demokratischen Selbstverständnis nicht mehr entspricht, dann muss man darüber diskutieren“, sagt er gegenüber dem MDR.

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Kommende Woche soll nach einem Jahr Streit endlich die Entscheidung in Erfurt fallen. (ldi)